Um das zu beurteilen, blicken wir mit Luciano Partacini, Direktor des Amtes für Wirtschaftsinformation beim WIFO der Handelskammer Bozen, zurück auf das letzte Jahrzehnt und gehen der Inflationsrate in Südtirol auf den Grund – mit überraschenden Ergebnissen. <BR /><BR />Längst ist bekannt, dass steigende Preise subjektiv sehr viel stärker wahrgenommen werden als sinkende Preise; mitunter auch stärker als sie es tatsächlich sind. Das ist auch der Grund, warum die gefühlte Inflation laut einer Untersuchung der Europäischen Zentralbank immer deutlich über der realen Inflation liegt. Relevant ist dies deshalb, weil die Wahrnehmung letztendlich auch das Verhalten der Konsumenten mitbestimmt. Wähnt sich ein Verbraucher in einem Umfeld hoher Preise, wird er sich bei den Ausgaben eher zurückhalten, was wiederum gesamtwirtschaftlich ungünstig ist. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="731630_image" /></div> <h3> Preisveränderung vs. Preisniveau</h3>Ein Aspekt, der in Preissteigerungsdiskussionen häufig durcheinandergebracht wird, ist laut Partacini die Unterscheidung zwischen Preisschwankungen bzw. Veränderungen, wie wir sie derzeit zum Beispiel massiv im Energiebereich sehen, und Preisniveau. „Für eine aussagekräftige Einschätzung der Preisentwicklung und deren Auswirkungen auf die finanzielle Situation von Haushalten ist der Blick auf die längere Zeitachse unerlässlich.“ Und: „Im Falle Südtirols ist es besonders wichtig zu beachten, woraus sich die Inflationsrate im Detail zusammensetzt.“<h3> Durchschnitt von 1,7 Prozent in 10 Jahren</h3>Bei der Schätzung der Inflation stützen sich die Statistiker zumeist auf einen fiktiven Warenkorb, dessen Inhalt sie als typisch betrachten für die Bevölkerung des jeweiligen Landes. „Wenn man sich die längerfristige Preisentwicklung in Südtirol ansieht, stellt man fest, dass der Index zwischen 2011 und 2021 um rund 17,8 Prozent zugenommen hat. Das entspricht einer Teuerung von jährlich 1,7 Prozent“, so der WIFO-Forscher. Anders gesagt: „Wir haben in Südtirol ein Jahrzehnt mit niedrigen Inflationsraten hinter uns.“ Daran ändern auch die seit einigen Monaten überdurchschnittlichen Inflationsraten von rund 4 Prozent nichts. <BR />Und doch lag die Teuerung im untersuchten Zeitraum deutlich über jener Italiens, die auf einen Schnitt von 0,9 Prozent pro Jahr kommt. Wie ist das möglich? Der Index setzt sich zusammen aus folgenden Konsumposten: „Lebensmittel und alkoholfreie Getränke“, „Alkoholische Getränke und Tabakwaren“, „Bekleidung und Schuhwaren“, „Wohnung, Wasser, Energie und Brennstoffe“, „Einrichtungsgegenstände und Haushaltsartikel“, „Gesundheitspflege“, „Verkehrswesen“, „Nachrichtenübermittlung“, „Erholung, Veranstaltungen und Kultur“, „Bildung“, „Gastgewerbe“ und „sonstige Waren und Dienstleistungen“. Aus diesen Positionen ergibt sich der Gesamtindex. <h3> Gleicher Warenkorb, unterschiedliches Gewicht</h3>Zwar ist die Zusammensetzung des Warenkorbs grundsätzlich italienweit einheitlich, in Südtirol also gleich wie in Sizilien, nicht aber die Gewichtung: „Für die Berechnung der Inflation in Südtirol fließt der Tourismus, also die Beherbergung und Gastronomie deutlich stärker ein als im Restitaliens. Konkret liegt der Anteil des Sektors an der Inflationsberechnung für das Jahr 2021 in Italien bei 8 Prozent, während er in Südtirol aufgrund der überdurchschnittlichen Bedeutung des Tourismus hierzulande bei 22 Prozent liegt“, so Partacini. „Von den 17,8 Prozent Inflation in Südtirol in den letzten 10 Jahren entfallen 8,5 Prozentpunkte auf den Tourismus, in Italien sind es lediglich 1,4 Prozentpunkte von den 9,5 Prozent Inflation.“ In anderen Worten: „Berücksichtigt man diesen Aspekt mit, stellt man schnell fest, dass die Teuerung in Südtirol nicht so stark abweicht als dies landläufig angenommen wird.“<BR /><BR />Warum aber ist es wichtig, den Tourismus in Preisdiskussionen besonders hervorzuheben? „Erstens, weil wir im Ausgabenposten Beherbergung und Gastronomie die höchsten Preissteigerungen gesehen haben. Seit 2011 zogen die Preise in diesem Bereich um rund 31 Prozent an, was mit der touristischen Nachfrage und der Steigerung des Qualitätsniveaus in der Branche zusammenhängt. Zweitens gilt es zu beachten, dass ein Großteil dieser touristischen Inflation tatsächlich zu Lasten der Gäste geht, deutlich weniger belastet sie die Kaufkraft der Einheimischen.“ Bei den anderen großen Ausgabenposten gab es seit 2011 geringere Preisanstiege: „Wohnung, Wasser, Energie und Brennstoffe“ verteuerten sich um 20 Prozent, dabei spielten aber die starken Preissteigerungen bei Öl, Energie und Gas im vergangenen Jahr eine wesentliche Rolle. „Lebensmittel und alkoholfreie Getränke“ legten um rund 19 Prozent zu, „Bekleidung und Schuhwaren“ um rund 16 Prozent und der Bereich „Verkehrswesen“ (also vor allem Treibstoff) um 14 Prozent – immer in 10 Jahren wohlgemerkt.<h3> Kommt nun das Hoch-Inflationsjahrzehnt?</h3> Eine Aussage für die Zukunft, lässt sich aus diesen Daten freilich nicht ableiten: „Es ist aktuell schwierig, Inflationsprognosen zu treffen. Die Europäische Kommission geht von sinkenden Teuerungsraten spätestens im zweiten Halbjahr aus, ähnlich sieht die Einschätzung der Italienischen Notenbank aus. Sollte es tatsächlich zu einer Entspannung im Energiebereich und bei den Lieferengpässen kommen, wie von vielen erwartet, dürfte sich dies bewahrheiten. Die Folgen für die Kaufkraft der Konsumenten wären dann unterm Strich überschaubar.“