Samstag, 20. Juni 2020

Italien diskutiert über Home-Office und „Höhleneffekt“

In Italien sind 6 Wochen nach Ende des Lockdowns noch viele Angestellte und Beamte im Home-Office. In dem Land ist eine lebhafte darüber entbrannt, wie lange weiter auf Smart Working gesetzt werden soll und ob dieser Arbeitsmodus für die Produktivität vorteilhaft ist.

70 Prozent der Beamten arbeiten derzeit noch im Home-Office.
70 Prozent der Beamten arbeiten derzeit noch im Home-Office. - Foto: © shutterstock
Öl ins Feuer schüttete der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala. Dem Stadtchef der vom Coronavirus schwer betroffenen lombardischen Metropole zufolge ist für die Arbeitnehmer die Zeit gekommen, wieder ins Büro zurückzukehren. Zwar habe sich Smart Working während der akutesten Phase der Epidemie als vorteilhaft erwiesen. „Jetzt hat aber die Phase 3 begonnen, und es ist Zeit, wieder ins Büro zu gehen. Epidemiologen behaupten, dass die Ansteckungsgefahr gering ist“, sagte der Bürgermeister am Freitag.

Unter „Höhleneffekt“ könne Produktivität leiden

Sala warnte vor einem „Höhleneffekt“, der auftrete, wenn man zu Hause arbeite. Darunter könne die Produktivität leiden. Der Herbst werde für die italienische Wirtschaft sehr schwierig sein, warnte Sala. Daher sei es wichtig, hart zu arbeiten, um Italien den Neustart zu ermöglichen.
Während des Lockdowns wurden 90 Prozent der Beamten ins Home-Office geschickt. Inzwischen arbeiten immer noch etwa 70 Prozent von ihnen zu Hause. Dies soll zumindest bis Ende Juli so bleiben. In der Privatwirtschaft sinkt der Prozentsatz der Angestellten im Home-Office. Banken und viele Büros sind wieder offen, doch vor allem viele Arbeitnehmerinnen mit Kindern arbeiten weiterhin von zuhause aus, da die Schulen bis September geschlossen sind.

Kritik am Home-Office übte der angesehene Arbeitsrechtsexperte Pietro Ichino, der diesen Arbeitsmodus als „bezahlten Urlaub“ für Beamte bezeichnete. Er rief die Ministerin für die öffentliche Verwaltung, Fabiana Dadone, auf, Zahlen zu den Beamten zu veröffentlichen, die zu Hause effektiv gearbeitet haben.

Prompt kam die Reaktion der Ministerin. „Die öffentliche Verwaltung hat auch in der akutesten Phase der Epidemie stets die wesentlichen Dienstleistungen garantiert und noch mehr, man denke nur an die Leistungen des Gesundheitspersonals und der Ordnungshüter während der Epidemie. Home-Office steigert die Produktivität, das bezeugen verschiedene Studien“, sagte die Ministerin im Interview mit der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“.

Gewerkschaftsverband verteidigt Arbeit im Home-Office

Auch die Gewerkschaften verteidigten die Beamten im Home-Office. „Smart Working ist kein bezahlter Urlaub und die Beamten sind keine privilegierte Kaste, die entscheiden kann, wann sie arbeiten kann und wann nicht“, protestierte der Gewerkschaftsverband CGIL.

Der Sekretär des Gewerkschaftsverbands CISL, Maurizio Petriccioli, hob die positiven Auswirkungen auf die Umwelt und auf die städtische Mobilität des Home-Office hervor. Viele Beamten würden sich einen langen Weg zum Büro ersparen und damit produktiver sein. In Italiens öffentlicher Verwaltung sind rund 3,2 Millionen Personen beschäftigt. Sie machen 14 Prozent aller Beschäftigten in Italien aus.

apa