Erklärt wird der faszinierende Denk- und Verhaltensfehler mit dem Fredkin’s Paradox. <b>Von Thomas Aichner,wissenschaftlicher Leiter der Südtirol Business School</b><BR /><BR />Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit ihren Freunden in den Urlaub. Norwegen oder Kreta? Beide Optionen sind gleich wahrscheinlich, aber die Entscheidung fällt vermutlich problemlos. Falls die Wahl auf Kreta fällt, fragen Sie sich vermutlich: Nord- oder Südküste? Schon schwieriger. Als nächstes müssen Sie sich zwischen Plakias und Agia Galini entscheiden, beides kleine touristische Orte an der Südküste von Kreta. Eine harte Entscheidung. Zu guter Letzt haben Sie noch die Wahl zwischen 2 4-Sterne-Hotels, die am selben Strand liegen, gleich viel kosten und jeweils mit 8,8 von 10 bewertet sind. Was nun?<BR /><BR />Egal ob es sich um Produkte, politische Parteien oder Urlaubsziele handelt: Je kleiner der Unterschied zwischen den unterschiedlichen Optionen ist, desto schwerer fällt uns die Wahl. Das ist eigentlich unlogisch.<BR /><BR />Erklärt wird der faszinierende Denk- und Verhaltensfehler mit dem Fredkin’s Paradox. Benannt nach dem amerikanischen Physiker und Computerwissenschaftler Edward Fredkin, beschreibt das Paradoxon die Schwierigkeit, zwischen nahezu gleichwertigen Alternativen zu wählen: Je ähnlicher 2 Optionen sind, desto anspruchsvoller und zeitaufwendiger wird die Entscheidung zwischen ihnen.<h3>Kleine Unterschiede kosten uns mehr Zeit und Energie</h3>Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Menschen mehr Zeit und Energie bei der Auswahl zwischen sich stärker unterscheidenden Alternativen investieren. Immerhin gibt es viele Punkte, bei denen abgewägt werden muss, ob diese oder jene Option besser passt. Doch Fredkin's Paradoxon zeigt, dass gerade die kleinen Unterschiede, die fast identischen Varianten, die Entscheidungsfindung besonders schwierig und langwierig machen. Dieser Umstand widerspricht der Annahme, dass komplexere Entscheidungen automatisch mehr Zeit und Überlegung erfordern.<h3>Auch im Job ein Hindernis</h3>Je ähnlicher sich 2 Möglichkeiten also sind, desto mühsamer kann es für Menschen und Unternehmen werden, eine auszuwählen. Obwohl – und das ist das paradoxe an der Situation – die Relevanz der Entscheidung umso unwichtiger ist, je ähnlicher die Alternativen sind.<BR /><BR />Ein Beispiel: Ein Teamleiter muss entscheiden, welche der beiden nahezu identischen Veranstaltungsorte für das jährliche Teamevent ausgewählt werden soll. Beide Locations bieten ähnliche Leistungen, sind gleich teuer und gut bewertet. Obwohl diese Entscheidung im Gegensatz zur inhaltlichen Gestaltung kaum Einfluss auf den Erfolg der Veranstaltung hat, kann der Teamleiter viel Zeit damit verbringen, die Vor- und Nachteile abzuwägen. <h3>Menschen wollen die beste Entscheidung treffen</h3>Schuld an diesem Verhalten ist auch der Wunsch, die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Wenn wir große Unterschiede feststellen, fällt die Wahl daher leichter. Bei identischen Optionen muss hingegen sehr viel Energie investiert werden, um überhaupt Unterschiede zu finden, auf deren Basis eine Wahl getroffen werden kann.<BR /><BR />Die Auswirkungen von Fredkin's Paradoxon sind erheblich. Entscheidungsprozesse können länger dauern und führen zu Zeit- und Ressourcenverschwendung, was für Firmen zu zusätzlichen Kosten und einer niedrigeren Effizienz führt. Auch psychologisch kann die Unfähigkeit oder Schwierigkeit, eine Entscheidung zu treffen, Stress und Unzufriedenheit verursachen. Studien zeigen, dass Menschen unter Entscheidungsdruck und bei nahezu identischen Alternativen dazu neigen, entweder Entscheidungen hinauszuzögern oder gar keine Wahl zu treffen.<BR /><BR />Dabei wäre das richtige Verhalten in einer solchen Situation ganz einfach, irgendeine Option zu wählen. Je geringer der Unterschied ist, desto unwichtiger ist nämlich die Entscheidung und desto weniger wirkt sie sich in der Zukunft auf den Erfolg von Unternehmen oder die persönliche Zufriedenheit aus.<h3>Selbst Algorithmen tun sich schwer</h3>Genauso wie für Menschen stellt das Paradoxon von Fredkin – der auch im Bereich der künstlichen Intelligenz geforscht hat – auch für Computer und selbstlernende Systeme eine Herausforderung dar. Algorithmen zur Entscheidungsfindung, die mit quasi gleichwertigen Varianten konfrontiert werden, können ebenfalls in eine Art Entscheidungsparalyse geraten. Selbst bei hochtechnologischen Systemen können kleine Unterschiede zwischen Alternativen dazu führen, dass unverhältnismäßig viel Rechenzeit und Energie aufgewendet wird, um die „beste“ Wahl zu treffen.<BR /><BR />Ein Beispiel hierfür ist die Auswahl von Routen in Navigationssystemen. Wenn 2 Routen fast identisch sind in Bezug auf Entfernung und Zeit, kann der Algorithmus länger brauchen, um eine Entscheidung zu treffen. Zudem kann die Rechenzeit erheblich verlangsamt werden, falls der Algorithmus darauf programmiert ist, den bestmöglichen Unterschied zu erkennen, was vor allem in Situationen mit kleinen Unterschieden und vielen Variablen sehr kompliziert ist.<BR /><BR />Wenn also beim nächsten Mal 2 Lösungen ähnlich aussehen und sich auch auf den zweiten Blick keine großen Unterschiede feststellen lassen, dann werfen Sie doch einfach eine Münze und sparen sich die Denkarbeit.