<b>Herr Erlacher, die Parole Ihres neuen Buches lautet: „Die Umstände sind egal, das einzige was zählt, ist deine Antwort.“ Wie meinen Sie das?</b><BR />Josef Erlacher: Viele Menschen zitieren immer wieder „Umstände“, wenn sie ein Vorhaben nicht weiterverfolgen. So ist ein Rollstuhl schnell ein Umstand, der natürlich vieles erschwert, aber nicht alles. Ich könnte auch vieles mit meiner Sehschwäche entschuldigen und sagen, ich kann das und jenes nicht machen. Aber das ist nicht der richtige Weg. Deshalb sage ich immer, nicht die Umstände zählen, sondern das, was ich daraus mache.<BR /><BR /><b>Ihrer Erfahrung nach scheitern sehr viele Unternehmen bereits kurz nach der Gründung. Woran liegt das?</b><BR />Erlacher: Ich glaube, dass sehr viele am Anfang nicht richtig einschätzen, wie komplex die Gründung eines Unternehmens wirklich ist. Nur eine gute Idee zu haben ist nicht genug: Ich muss das Produkt oder die Dienstleistung, die ich anbieten will, auch beherrschen, ich brauche betriebswirtschaftliches, organisatorisches und steuerrechtliches Wissen, dazu soziale Kompetenzen, ich muss wissen, wie ein Vertrag aufgebaut sein muss und verhandeln können. Und das sind sehr viele Stromschnellen, an denen man scheitern kann.<BR /><BR /><b>Wie kann hier Ihr 10-Finger-Modell helfen?</b><BR />Erlacher: Es ist ganz einfach: Wenn ich ein Ziel erreichen will, brauche ich eine Landkarte. Ich habe eine „Handkarte“ entwickelt, wo jeder der 10 Finger für ein Element zum Erfolg steht. Die rechte Hand symbolisiert 5 persönliche Eigenschaften, die der Unternehmer braucht, die linke Hand beschreibt Umfeldfaktoren. Die meisten Unternehmen kümmern sich in ihrem Geschäftsmodell um die Umfeldfaktoren und lassen die persönlichen Eigenschaften außen vor. Bei Großkonzernen kann das sicher funktionieren. Aber gerade in Südtirol gibt es sehr viele kleine Betriebe, wo die Persönlichkeit des Unternehmers sehr wichtig ist. Man denke nur an Julius und Gilbert Durst, die ein Paradeunternehmen aufgebaut haben – nicht wegen ihres Geschäftsmodells, sondern weil sie tolle Persönlichkeiten sind. Ich denke da auch an Hans Krapf von Duka oder Philipp Senoner von Alpitronic.<BR /><BR /><b>Was sind diese 5 persönlichen Eigenschaften?</b><BR />Erlacher: Der Daumen steht für die Begeisterung für das, was ich tue, mein Antrieb. Der Zeigefinger steht für die Zielsetzung: Wohin will ich, was will ich erreichen? Wenn ich mein Ziel nicht genau definiere, kann ich keine Ressourcen bündeln und lande vielleicht an einem Ort, an dem ich nicht sein will. Der Mittelfinger, unser längster Finger, steht für den Mut, denn um etwas Neues zu probieren, das es am Markt noch nicht gibt, muss man mutig sein. Der Ringfinger steht für Beharrlichkeit und die Disziplin, am Projekt dranzubleiben und durchzuhalten. Der kleine Finger schließlich steht für das jeweilige Fachgebiet des Managers, also das Know-how, das er sozusagen im kleinen Finger hat. Um etwas zu greifen, in die Hand zu nehmen, braucht man mindestens 2 Finger, und meistens ist einer davon der Daumen. Und so sind auch in meinem 10-Finger-Modell Daumen und Zeigefinger, also Begeisterung und Zielsetzung, das wichtigste Duo, der „purpose“. Wer Begeisterung mit Mut koppelt, hat Innovation, gekoppelt mit Beharrlichkeit ergibt Begeisterung Ehrgeiz. Und wer seine jeweiligen Fähigkeiten einsetzt, also den kleinen Finger, schafft Professionalität.<BR /><BR /><b>Also alles steht und fällt mit der Begeisterung…</b><BR />Erlacher: Natürlich. Wenn mir mein Job nicht gefällt, brauche ich sehr viel Kompensationsenergie, um dieselbe Leistung zu erbringen wie jemand, dem der Job gefällt. Das habe ich auch in meiner 20-jährigen Karriere und in den Paralympics gelernt. Der Spitzensport ist ein gutes Beispiel: Hier vergleiche ich mich ständig mit den Besten der Besten. Und da muss mir der Sport gefallen, ich muss mutig sein, begeistert und durchhalten können, um auch mal schlechte Zeiten überbrücken zu können. Das war eine gute Schule. Als ich mit dem Sportrennen angefangen habe, war mein Ziel die Teilnahme bei den Paralympischen Spielen – und 10 Jahre später war es soweit. Genau dieselbe Zielsetzung braucht ein Unternehmer, wenn er Spitzenleistungen erbringen will.<BR /><BR /><b>In den vergangenen Jahren hat sich einiges verändert, Stichwort Ukrainekrise etc… Haben sich auch Ihre Ratschläge an Unternehmen geändert?</b><BR />Erlacher: Nein, ich glaube, dass das Prinzip der rechten Hand auch jetzt noch so greift. Immerhin sind Krisen meist vorübergehend, ebenso die Inflation. Unternehmen sollten aber langfristig denken, auch unsere Unternehmensberatung gibt es schon seit 30 Jahren. Man muss lernen, Krisen zu überbrücken – und dazu braucht man die 5 Eigenschaften der rechten Hand. Aber wehe, wenn ich nicht von dem überzeugt bin, was ich tue. Dann kann eine Krise schnell zu einem Umstand werden, zu einer Entschuldigung, dass etwas nicht funktioniert. Dann habe ich jemanden, dem ich die Schuld zuweisen kann. <BR /><BR /><b>Wie kann man als Unternehmer solche Krisen zum eigenen Vorteil nutzen?</b><BR />Erlacher: Für mich war eine Krise schon immer eine gute Gelegenheit, um Projekte, die nicht erfolgreich sind, die mir nicht mehr gefallen, zu entsorgen, mich ihrer zu entledigen. Wenn ich also in einer Krise sehe, dass etwas nicht funktioniert – etwa, weil mir die Begeisterung fehlt – dann ist es besser, aufzuhören und neu anzufangen, neue Ziele zu stecken.<BR /><BR /><b>Sie selbst waren Spitzensportler, sind Unternehmensberater und jetzt Buchautor. Wie schaffen Sie es, sich immer wieder neu zu erfinden?</b><BR />Erlacher: Das hat sicher mit der Persönlichkeitsstruktur eines jeden einzelnen zu tun. Beim Skifahren war es mein Körper, der für mich entschieden hat, dass es Zeit ist, Schluss zu machen. Die Begeisterung zur Unternehmensberatung habe ich auch heute noch, und das Buch ist eigentlich nur ein Resultat aus den Erfahrungen, die ich in 20 Jahren Profisport und 30 Jahren Beruf gesammelt habe. Hier kam mir die Coronapandemie zugute, denn endlich hatte ich Zeit, das Buch, das ich 2018 begonnen hatte, fertig zu schreiben. Also konnte ich die Krise gut für mich nutzen. Und mir selbst beweisen, dass es möglich ist, ein Buch zu schreiben, auch wenn ich in der Schule immer schlechte Deutschnoten hatte.