Wie genau, erklären die in Bozen tätigen Professoren Christian Fischer und Matthias Gauly.<BR /><BR /><b>Große Zuchtbetriebe – Massentierhaltung, kleine Bauernhöfe – glückliche Kühe. Stimmt das?</b><BR />Christian Fischer: Nicht notwendigerweise. Es stimmt zwar: Je kleiner der Betrieb ist, desto besser kennt der Bauer seine Tiere und desto intensiver kann er sich auch um sie kümmern. Allerdings ändern sich die Anforderungen artgerechter Haltung mit der Zeit und für kleinere Betriebe ist es nicht immer ganz einfach, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Das bedeutet: Nicht in allen kleinen Betrieben ist der Tierschutz automatisch besser. <BR /><BR />Matthias Gauly: Gewisse Haltungsbedingungen, die für das Tier positiv sind, kann der Bauer sogar erst ab gewissen Haltungsgrößen umsetzen. Der Laufstall, in dem sich die Kuh frei bewegen kann, wäre ein Beispiel dafür. Zu kleine Betriebe können einen solchen nicht realisieren. Wesentlich wichtiger als die Zahl der Tiere ist, wie viele Ressourcen der Bauer dem einzelnen Tier anbietet: wie viel Platz, wie viel Futter, wie viel Aufmerksamkeit. Das ist entscheidend.<BR /><BR /><b>Wie sieht es damit in Südtirol aus?</b><BR />Gauly: Grundsätzlich haben wir in Südtirol keine ungünstige Situation. Wir haben viele kleine Betriebe, von denen die meisten mit Anbindehaltung arbeiten. Die Kühe sind also die meiste Zeit des Tages an einer Stelle fixiert. Das ist nicht ideal, doch damit werden wir leben müssen. Wir können diese Haltungsbedingungen in kleinen Schritten so weit optimieren, dass sie für uns und die Tiere zufriedenstellend sind. <BR /><BR /><b>Massentierhaltung ist in Südtirol kein Thema, Verbesserungsbedarf besteht trotzdem?</b><BR />Gauly: Verbesserungen beginnen schon im Kleinen. Im Anbindestall muss zum Beispiel die richtige Kuh stehen: die kleine und nicht die große; jedes Tier braucht einen Liegeplatz, einen eigenen Fressplatz, regelmäßiges Futterangebot. Kühe verbringen 12 bis 14 Stunden am Tag liegend. Sie brauchen also eine weiche Unterlage, damit ihre Gelenke nicht belastet sind. Hat die Kuh einen passenden Platz, legt sie sich gern hin. Hat sie ihn nicht und steht deshalb viel, belastet das ihre Klauen und die Kuh findet nicht genügend Zeit, um Futter aufzunehmen. In der Folge produziert sie auch weniger Milch. Der Südtiroler Beratungsring für Berglandwirtschaft berät den Bauern in solchen Fragen für einen kleinen Obolus. Unsere Landwirte nutzen das zunehmend, denn sie sehen die positiven Effekte, die sie mit einfachen Mitteln erzielen können. Oft gehen Verbesserungsmaßnahmen mit kleineren Umbauten einher. Die kosten natürlich. Doch die Investition lohnt sich: Investiert der Landwirt in das Tierwohl, kommt das über erhöhte Leistung wieder zu ihm zurück. Insgesamt kann man sagen, dass wir auf Südtirols Höfen eine gute Grundlage haben. Dass es Optimierungsbedarf gibt, ist unbestritten. <BR /><BR /><b>Bisher gibt es nur in Deutschland eine Qualitätsmarke für artgerechte Haltung – obwohl Kunden durchaus bereit wären, dafür mehr Geld auszugeben. Warum kommt das Geschäft mit dem Tierwohl so schwer auf Touren?</b><BR />Fischer: Tierschutz ist bereits seit Jahrzehnten ein Thema. Als Reaktion auf die Skandale in der Vergangenheit haben die Medien Massentierhaltung verstärkt in den Fokus genommen. Das tritt nun auch stärker ins Bewusstsein der Verbraucher. Unsere jüngste Studie in Südtirol hat ergeben, dass für die absolute Mehrheit der Befragten Tierschutz deshalb relevant ist, weil sie überzeugt sind, Tierschutz in der Haltung bringt auch gesündere Produkte. Die Leute wollen Qualitätsprodukte. Ohne Qualitätstierhaltung gibt es die nicht.<BR /><BR />Gauly: Südtirol ist an sich bereits eine starke Marke. Ich würde mir wünschen, dass damit auch überdurchschnittliche Tierwohlstandards verbunden werden. Eine zusätzliche Marke wäre für den Verbraucher verwirrend – zumal er ohnehin weiß, dass wir als Region einen sehr guten Haltungsstandard haben.<BR /><BR /><b>Ist mehr Tierschutz für den Erzeuger automatisch teuer? Und in der Folge auch für den Konsumenten?</b><BR />Fischer: Höhere Tierschutzstandards bedeuten mehr Aufmerksamkeit für das Tier, mehr Vorsorge, mehr Investitionen. Dadurch erhöhen sich zwangsläufig die Produktionskosten. Aber auch die Qualität. Und für eine solche muss der Verbraucher mehr zahlen – das ist ihm auch bewusst. <BR /><BR /><b>Welche Anreize für Bauern könnten hier geschaffen werden?</b><BR />Fischer: Die öffentliche Hand kann für einen gewissen Zeitraum Förderungszahlungen einsetzen, um Änderungsanreize zu schaffen und die Standards zu steigern. Langfristig sollte die Mehrkosten aber der Markt tragen – also die Verbraucher. <BR /><BR />Gauly: Die Grundmotivation muss von den Landwirten selbst ausgehen: aus der Verpflichtung des Halters seinem Tier gegenüber, das täglich für ihn arbeitet. Das ist die größere Motivation als jede Förderung. Was dazukommt: Tiergesundheit zahlt sich aus. Gesunde Tiere können länger in den Ställen bleiben und höhere Leistung bringen. Wenn man das verstanden hat, glaube ich, ist der Ruf nach zusätzlicher Unterstützung durch das Land sekundär.<BR /><BR /><b>Wie viel mehr würden Verbraucher Ihrer Meinung nach für mehr Tierwohl auf den Tisch legen?</b><BR />Fischer: Das ist schwierig zu quantifizieren. Man kann die Zahlungsbereitschaft der Kunden erfassen, wie wir das in unserer jüngsten Studie getan haben – aber bei Umfragen sagen Verbraucher gerne, sie wären bereit zu zahlen, auch wenn die Realität im Geschäft eine andere ist. Trotzdem lassen unsere Erhebungen für Südtirol eine Tendenz erkennen: Bei unserer Studie haben von über 1000 Teilnehmern 86 Prozent gesagt, sie wären bereit mehr zu zahlen. Wenn wir auch davon ausgehen, dass ein paar bei der Befragung ein wenig mogeln: Von 1000 Leuten lügen nicht alle. Den meisten Verbrauchern ist schon klar, dass Qualitätstierhaltung auch mit höheren Preisen einhergeht.<BR /><BR /><b>Gibt es einen Konflikt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Tierschutz?</b><BR />Gauly: Südtirol muss sich nicht auf dem internationalen Markt profilieren und steht nicht mit anderen Ländern im Wettbewerb. Oder wenigstens nur in sehr bescheidenem Rahmen. Wir sind in der luxuriösen Situation, dass wir ein sehr gutes Produkt veredeln und am Markt platzieren können. Über den Preis können wir aber sicherlich nicht mit anderen konkurrieren: Unsere Größenstrukturen, unsere Produktionssysteme sind nicht dazu geeignet, über eine Kostenführerschaft mit anderen Ländern mitzuhalten – weder im Fleisch, noch beim Ei oder der Milch. Wollten wir das, müssten wir morgen alles zusperren. Wir können nicht zu gleichen Preisen produzieren wie Deutschland, Holland oder andere auf dem internationalen Markt.<BR /><BR />Fischer: Autos von Mercedes und Audi verkaufen sich nicht, weil sie die billigsten sind. Sie sind die besten. So ist das auch bei den Lebensmitteln. Hier kann eine Verbesserung der Tierwohlstandards auch eine Chance bedeuten: mehr verkaufen, und das zu höheren Preisen.<BR /><BR /><b>Ist die Milch das beste Pferd der Südtiroler Bauern?</b><BR />Gauly: Nein, auf keinen Fall, und das soll auch langfristig nicht so sein. Wir müssen hier dringend etwas ändern. Erstens, weil ein ganzer Markt brach liegt: Wir bedienen im Fleischbereich nur einen ganz kleinen Teil. Dieser Markt ist aber da. Wir müssen ihn erschließen. Er kann nämlich für viele Betriebe eine Alternative sein, die derzeit im Milchbereich tätig sind, und überlegen, wegen der hohen Arbeitsbelastung aufzugeben. Fleischerzeugung braucht weniger Arbeitskraft, bestehende Flächen und Gebäude können genutzt werden, der Ertrag ist gut. Ich sehe hier ein erhebliches Potenzial für die Zukunft.<BR /><BR /><b>Viele Südtiroler Bergbauern haben bereits das Handtuch geworfen – zu unrentabel, zu schwierig sei die Arbeit am Berg. Im Tal gibt es seit Jahren kaum mehr Viehwirtschaft. Wie sollte mit diesen Veränderungen umgegangen werden?</b><BR />Fischer: Die Berglandwirtschaft ist sicherlich ein schwieriger Sektor: Der Bauer hat hier höhere Kosten als im Flachland. Aber Verbraucher setzen Produkte vom Berg mit höherer Qualität in Verbindung. Das ist Kapital.<BR /><BR />Gauly: Tatsächlich geben jedes Jahr Betriebe auf, aber deutlich weniger als in fast allen anderen europäischen Regionen. Der verhältnismäßig langsame Trend zur Aufgabe ist gekoppelt mit Maßnahmen, die die Politik hier schon in der Vergangenheit ergriffen hat. Zu diesen Maßnahmen gehört eine gute Infrastruktur für die Betriebe. Der Landwirt kann seiner Familie etwas bieten: Der Hof ist mit dem Auto zu erreichen, Internet- und Telefonanschluss funktionieren. Da hat das Land sinnvoll und wegweisend investiert. Auch haben die Bauern grundsätzlich eine hohe Motivation, das eigene Land weiterhin zu bestellen und die Tradition fortzuführen. Darüber hinaus müssen wir die Produktionssysteme weiterhin optimieren. Trotzdem werden nicht alle in der Erzeugung bleiben. Aber für jeden Landwirt, den wir in der Produktion halten können, müssen wir in Südtirol extrem dankbar sein. Nicht nur wegen der Wertschöpfung, die er bringt, sondern auch, weil er durch seine Arbeit wesentlich zum Landschaftsbild beiträgt.<BR /><BR /><b>Welche Chancen hat die Berglandwirtschaft?</b><BR />Gauly: Südtirol ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass unsere Berglandwirtschaft eine Zukunft hat. Wir reden nicht über einen isolierten Betriebszweig. Das ganze Land hängt von der Landwirtschaft ab, denn sie prägt das Landschaftsbild wesentlich mit. Wenn wir in Kauf nehmen, dass die Landwirtschaft verschwindet, müssen wir auch in Kauf nehmen, dass sich unser Landschaftsbild verändert. Und dann werden wir sehen, ob der Tourist, der zu uns kommt, dieses neue Landschaftsbild haben will oder ob er sich eine andere Urlaubsdestination sucht. In Südtirol ist die Landwirtschaft sehr speziell, weil sie hier noch mehr als in anderen Regionen zur klaren Prägung des Kulturlandschaftsbilds beiträgt.<BR /><BR /><b>Wie sieht die Berglandwirtschaft in Südtirol in 20 Jahren aus?</b><BR /> Fischer: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Nicht alles, was wir heute in der Berglandwirtschaft haben, wird die nächsten 20 Jahre überleben. Die Anforderungen des Marktes werden höher. Für die Bauern bedeutet das, die Quadratur des Kreises zu schaffen: Klimaschonend, produktiv und tiergerecht wirtschaften. Das sind die Anforderungen der Nachhaltigkeit. Erreichen lässt sich das vor allem über eine bessere Qualifikation der Landwirte. Vielleicht ist die Arbeit in der Landwirtschaft auch ein Berufsbild, das nicht mehr von Vater zu Sohn und Enkel weitergegeben wird. Wir werden hochqualifizierte Betriebsleiter haben, die größere Betriebe kundennah managen und klimagerecht bewirtschaften müssen. Mit dem Wissen und der Technologie, die wir heute haben und morgen entwickeln werden, sollte das möglich sein. <BR /><BR />Gauly: Das Ausstiegsszenario darf sich auf keinen Fall beschleunigen. Einige werden sicherlich aufgeben, aber vielleicht wachsen die übrigen etwas an, sodass wir in etwa dieselbe Menge an Produkten haben. Auch verschiedene Modelle von Arbeitsteilung sind denkbar: etwa Gemeinschaftsställe oder die gemeinschaftliche Nutzung von Maschinen. Die jungen Leute, die Landwirtschaft im Nebenerwerb betreiben, wollen nicht mehr 365 Tage im Jahr im Stall stehen. Für sie müssen geeignete Partner gefunden werden. Denn tatsächlich sind die jungen Leute bereit, die Arbeit am Berg fortzuführen. Das macht Mut.<BR /><BR />Zu den Personen:<BR /><BR /><b>Matthias Gauly</b> wechselte im August 2014 von der Universität Göttingen, wo er einen Lehrstuhl für Produktionssysteme der Nutztiere inne hatte, an die Fakultät für Naturwissenschaften und Technik an der Universität Bozen. Der habilitierte Agrarwissenschaftler und Veterinärmediziner berät unter anderem das Deutsche Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. In Bozen forscht Gauly mit Schwerpunkt Verbesserungen im Stall-Management.<BR /><BR /><b>Christian Fischer</b> ist Studiengangsleiter des Bachelorstudiengangs Agrarwissenschaften und Umweltmanagement der Freien Universität Bozen. Der Agrarökonom mit Schwerpunkt auf Märkte und Marketing hat in Frankreich, Australien, Neuseeland und Deutschland gelebt, studiert und gearbeitet.<BR />