<b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Am 7. März 2026 steckte die Boznerin Marlena Ille ein letztes Mal den Schlüssel ins Schloss ihres kleinen Ladens in der Bozner Wangergasse. Dort, zwischen Marienklinik und Franziskanergymnasium, verkaufte die 75-jährige Boznerin plastifizierte Tischdecken, Tischdecken-Gewichte, Klammern, Tischuntersetzer, Tischläufer, Servietten, Badteppiche und Fenstervorhänge. „Keine Chinaware“, unterstreicht sie, „nur Qualität vom Feinsten.“ Dafür war das Geschäft von Frau Ille südtirolweit bekannt.<BR /><BR />Und jetzt? Ist Schluss. 48 Jahre, in denen Marlena Ille jeden Morgen aufstand, nicht nur, weil der Wecker klingelte, sondern weil etwas auf sie wartete. Eine Aufgabe und ein Ort, an dem sie gebraucht wurde. Es ist ein Abschied von etwas, das für die gelernte Raumausstatterin so lange selbstverständlich war, dass es sich wie ein großer Teil von ihr anfühlt, wenn man ihr begegnet.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1299864_image" /></div> <BR />Wie hat die bodenständige Geschäftsfrau es geschafft, über Jahrzehnte hinweg jene grundlegende Freude nicht zu verlieren, die ihren Beruf für sie mehr sein ließ als bloße Arbeit? „Nun“, sagt sie mit einem Lächeln, „mir hat die Arbeit einfach immer gefallen, besonders der Kontakt zu meinen Kunden.“ Und für die nahm sie sich Zeit – ganz egal, wer ihren Laden betrat. Jeden Kunden behandelte sie mit derselben Wertschätzung.<h3> Anfänglich nur ein „Taschengeld“ verdient</h3>„Persönliche Betreuung und auch mal über Gott und die Welt plaudern, das ist es, was Kunden bei uns fanden und schätzten“, berichtet Frau Ille, die mit 14 Jahren ihre Lehre im ehemaligen Traditionskleiderhaus „Gostner“ unter den Bozner Lauben begonnen hatte. <BR /><BR />Dort, so erzählt die heute 75-Jährige, habe sie gelernt, was es bedeutet zu arbeiten: „Ich war mir nie für etwas zu schade und habe überall angepackt, wo ich konnte. Ich habe jeden Tag gekehrt und geputzt und die Schaufenster bei Eiseskälte mit Zeitungspapier sauber gemacht.“ <BR /><BR />Es sind Sätze, die beiläufig klingen und doch viel erzählen: von Fleiß, von Haltung, von einem Selbstverständnis, das heute selten geworden sei, so die Boznerin. Verdient habe sie dabei anfänglich nur ein „Taschengeld“, etwa 10.000 Lire im Monat. „Für den täglichen Kaffee im Kaffeehaus hat das natürlich nicht gereicht, heute gönne ich ihn mir dafür umso lieber“, sagt sie lachend.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1299867_image" /></div> <BR />Nach ihrer Lehre bei „Gostner“ begann Marlena Ille als Verkäuferin bei „Plastic's“ in der Wangergasse zu arbeiten. Das Geschäft führte damals die 2007 verstorbene Boznerin Imma Drahorat, die dort seit den 1950er-Jahren Wachstischdecken verkaufte. Einige Jahre später übernahm Marlena Ille den kleinen Laden und schrieb damit die Geschichte von „Plastic's“ in ihrer eigenen Handschrift weiter.<h3> „Was tun wir nur ohne Sie? Wir brauchen Sie doch!“</h3>Gemeinsam mit ihrer langjährigen Mitarbeiterin Rosi Peer sowie ihrer Tochter, die 22 Jahre lang mit ihr im Laden stand, baute Marlena Ille das Geschäft im Laufe von 48 Jahren zu einer beliebten Adresse für all jene auf, die Wert auf hochwertiges Tisch-, Bad- und Fensterzubehör legten.<BR /><BR />„Meine Kunden kamen aus ganz Südtirol, aber auch aus Deutschland und der Schweiz. Ich habe auch Schulen, Pizzerien und Hotels beliefert“, erzählt die fleißige „Macherin“ mit einem lachenden und weinenden Auge. Jeden einzelnen Kunden habe sie in all den Jahren in ihr Herz geschlossen. Umso schwerer sei es nun, das alles loszulassen. „Als ich meinen Kunden erzählte, dass ich das Geschäft bald schließen werde, sind sie fest erschrocken. ‚Was tun wir nur ohne Sie? Wir brauchen Sie doch!‘ – das waren ihre Worte.“ <BR /><BR />In der Tat berechtigte Fragen. Denn mit Marlena Illes „Plastic's“ schließt einer der letzten kleinen Läden in Südtirol, wo hochwertige Tischzubehöre verkauft wurden. Und damit geht auch ein Stück ihres Wissens verloren, ebenso ihr feines Gespür für all das, was sie über die Jahre verkauft hat.<h3> Was bleibt, ist der Mensch</h3>Mittlerweile erinnert auf der einstigen Eingangstür von „Plastic's“ nur noch ein weißer Zettel mit ein paar Abschiedszeilen an den traditionsreichen Laden in der Bozner Wangergasse. Dahinter blickt man in leere Ladenräume. Räume, die einst in bunten Farben strahlten, gefüllt mit Tischdecken, Tischläufern und all den kleinen Schätzen, die das Geschäft von Marlena Ille so besonders machten.<BR /><BR />Was also bleibt? Vor allem eines: der Mensch. Marlena Ille, eine Frau, die über Jahrzehnte mit Leidenschaft und Herzblut einen Beruf ausübte, den die schnelllebige (Online-)Welt heute vielleicht als unscheinbar betrachtet.<BR /><BR />Aber genau solche Kaufleute wie sie gaben und geben etwas weiter, das keinen Cent kostet: Menschlichkeit.