<b>Herr Haller, der Tag des Handwerks ist dem Thema „Der ländliche Raum als Wirtschaftsstandort – attraktiv aus vielen Gründen“ gewidmet. Sind unsere Dörfer tatsächlich attraktive Standorte für das Handwerk?</b><BR />Martin Haller: Wir sehen im ländlichen Raum viele Chancen, gerade für die kleineren Familienbetriebe. Sie sind vor Ort, nahe an den Kunden, können Mitarbeiter leichter an sich binden und haben auch Entwicklungsmöglichkeiten. Unsere Politik hat in weiser Voraussicht frühzeitig erkannt, wie wichtig es ist, in allen Tälern Handwerkerzonen und Verkehrsverbindungen zu ermöglichen. Auch die Identifikation mit den Betrieben ist größer, weil die Menschen die Vorteile der lokalen Kreisläufe erkennen. <BR /><BR /><b>Dennoch: Gerade in den Dörfern ist das mit der Erreichbarkeit nicht immer so einfach und der Raum begrenzt … <BR /></b>Haller: Natürlich kennen wir auch die Nachteile. Deswegen ist es wichtig, dass man massiv in den ländlichen Raum investiert. Es wird ja bei uns oft über teure Tunnelbauten in den Tälern diskutiert – aber natürlich müssen die Betriebe in den Tälern, wenn sie wachsen wollen, auch Märkte außerhalb erschließen können. In Vergangenheit hat es der Politik vorbildhaft geschafft, die Nachteile auszugleichen. Auch weil man es verstanden hat, selbst in schwierigen Zonen Gewerbegrund zur Verfügung zu stellen. Und oft ist es gelungen, mit Fördermaßnahmen den ländlichen Raum zu unterstützen. Die Früchte dieser Politik sehen wir heute: Wir haben in Südtirol wirklich in jedem Dorf noch ein Geschäft, in jedem Dorf Handwerksbetriebe. Und man sieht ja in anderen Ländern, was passiert, wenn Unternehmen aus dem ländlichen Raum abwandern oder der Tourismus sich dort nicht entwickeln kann: Die Dörfer werden nur zum Wohnen genutzt – und dann werden sie mittelfristig verlieren.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-76665852_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sagen, bislang hat die Politik vorbildhaft gehandelt. Was muss die Politik heute tun, damit das Handwerk auch in den nächsten Jahren noch erfolgreich im ländlichen Raum wirtschaften kann?<BR /></b>Haller: Da gibt es mehrere Themen, zentral sind aktuell aber vor allem die Gemeindeentwicklungsprogramme. Da passiert es schnell, dass Techniker oder Beamte sagen, in den kleinen Dörfern brauche man nicht unbedingt Entwicklungsmöglichkeiten für Betriebe, die soll besser in den größeren Orten stattfinden. Aber das ist eine ganz gefährliche Geschichte. Denn das bedeutet Stillstand. Und ich glaube, gerade in der Wirtschaft ist es immer wichtig, dass es eine Entwicklung gibt, quantitativ oder qualitativ. <BR /><BR /><b>Man könnte den Leerstand nutzen …<BR /></b>Haller: Natürlich soll man Gebäude, die leer stehen, verwenden, aber man muss trotzdem auch Flächen vorsehen, wo Neues entstehen kann. Der Schutz von Grund und Boden ist wichtig, und es soll nicht alles versiegelt werden, aber man muss aufpassen, dass man nicht so weit geht, keine Entwicklung mehr zuzulassen. Da braucht es einen Ausgleich. Damit man das, was man in den letzten Jahren gut gemacht hat, auch weiterführen kann. Das zweite Thema ist sicher, dass man die Investitionen in den ländlichen Raum beibehält. Oft wird ja diskutiert, ob man wirklich für einen Weiler mit 50 Einwohnern fünf Millionen Euro in eine Straße investieren soll. Aber ich glaube, das ist Teil des Erfolgskonzeptes. Wir dürfen nicht nur eine rein wirtschaftliche Rechnung machen, sondern müssen das ganzheitlich sehen. Und das dritte ist sicher das gesamte Thema der Bürokratie.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-76665857_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Warum ist der Bürokratieabbau gerade im ländlichen Raum ein Thema? <BR /></b>Haller: Weil wir dort Klein- und Kleinstunternehmen haben und für sie stellt die Bürokratie prozentuell eine viel höhere Belastung dar als für größere Betriebe. Größere Unternehmen haben vielleicht die Möglichkeit, jemanden einzustellen, womit sich die Belastung relativiert, aber in einem kleinen Betrieb kümmert sich der Inhaber darum – und dann geht viel produktive Zeit verloren. Deswegen ist der Bürokratieabbau für den ländlichen Raum besonders wichtig. <BR /><BR /><b>Aber wie lange reden wir schon vom Bürokratieabbau? Und getan hat sich gefühlt nur wenig.<BR /></b>Haller: Das ist leider so. Trotzdem muss man immer wieder darauf aufmerksam machen, weil das für unsere Betriebe auch existenzbedrohend ist. Wir haben in Vergangenheit sehr viele Vorschläge vorgelegt, wie man die Bürokratie reduzieren könnte, einige sind auch umgesetzt worden. Aber gefühlt kommt immer noch mehr dazu, als wegkommt. Aber ich glaube, es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich bei diesem Thema zu bewegen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-76666080_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie ist die Stimmung aktuell grundsätzlich im Handwerk?<BR /></b>Haller: Grundsätzlich positiv. Natürlich treffen auch uns die Unsicherheiten am Weltmarkt. Vor allem die Energiekosten drücken sehr stark auf unsere Betriebe – und wir können diese Kostenerhöhungen nicht auf den Endkunden abwälzen. Wenn die Situation länger dauert, bedeutet das schon erhebliche Mehrkosten und eine reduzierte Rentabilität. <BR /><BR /><b>Kriege einerseits, eine schwächelnde Wirtschaft in Deutschland, Italien befindet sich auch nicht gerade im Aufschwung. Woher kommt dann die positive Stimmung?<BR /></b>Haller: Zum einen haben wir grundsätzlich noch einen gewissen Wohlstand im Land, und zum anderen sind wir wohl mittlerweile ein bisschen abgehärtet und nehmen die Dinge vielleicht oft auch etwas lockerer als zum Beispiel die Unternehmerkollegen in Deutschland. Ich glaube auch, dass Wirtschaft teilweise Psychologie ist, deshalb sollten wir auch aufpassen, dass wir die Situation nicht zu schlecht darstellen. Wenn man etwas positiv erwähnen kann, dann ist es, dass die Sensibilität für die erneuerbaren Energien extrem gestiegen ist. Das sehen wir zum Beispiel gerade im Anlagenbau. Und vielleicht überlegen wir inzwischen auch öfter, ob wir wirklich zweimal irgendwohin fahren müssen, um etwas zu besorgen, oder ob es auch in einem Mal geht.