Anlässlich des „Tages des Handwerks“ am Samstag hat er mit s+ über die Landeshilfen, seine Wünsche an die Politik und die Zukunftsaussichten der Branche gesprochen. <BR /><BR /><b>Herr Haller, die Energiekrise bereitet Wirtschaft und Gesellschaft große Sorgen. Wie ist die Situation im heimischen Handwerk?</b><BR />Martin Haller: Die Situation ist je nach Sektor sehr unterschiedlich, je nachdem wie hoch grundsätzlich der Energieanteil an den Gesamtkosten ist. In einem Beruf wie dem meinen, dem Installationssektor, wo man viel auf Baustellen arbeitet und weniger in der Werkstatt, wirken sich die Energiepreise weniger stark aus als etwa im Lebensmittelhandwerk, wo auf die Energie ein großer Teil der Gesamtkosten entfällt. Da ist die Lage sehr kritisch. Auch bei Schmieden, Schlossern und Tischlern drücken die Energiepreise stark auf die Betriebskosten, zumal es nicht möglich ist, sie auf das Produkt umzuwälzen. <BR /><BR /><b>In Deutschland sind es vor allem die Bäcker, die als Leidtragende der Krise genannt wurden. Von einem Bäckersterben war schon die Rede. Sind auch in Südtirol Betriebe in ihrer Existenz bedroht?</b><BR />Haller: Ja, vor allem im Lebensmittelhandwerk sind die Energiekosten zu einer existenziellen Frage geworden. Gerade bei den Bäckereien hat es in den vergangenen Jahren bereits große Veränderungen gegeben: Kleine Betriebe hatten zunehmend Schwierigkeiten, rentabel zu arbeiten, die Zahl der Betriebe ist zurückgegangen und der Konkurrenzdruck – auch gegenüber den Lebensmittelketten – gestiegen. Dieser bisher schon harte Wettbewerb hat sich jetzt noch mehr verschärft.<BR /><BR /><b>Die Landesregierung hat kürzlich ein Entlastungspaket vorgestellt. Was sagen Sie dazu? </b><BR />Haller: Grundsätzlich ist es ein gutes Zeichen, dass die Landesregierung versucht, lokale Maßnahmen anzustoßen. Es ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung. Uns muss aber auch bewusst sein, dass wir über den Landeshaushalt eine solche Krise nicht bewältigen können. Dafür sind die Dimensionen zu groß und auch die Probleme der privaten Konsumenten und der Wirtschaft zu unterschiedlich. Wenn Betriebe heute zum Beispiel statt 10.000 Euro an Stromkosten monatlich 30.000 Euro zahlen, dann hilft ein Beitrag von 500 Euro eben nur relativ. Doch diese Ausgaben mit einem Landeshaushalt von 5 bis 6 Milliarden Euro abzufedern, ist nicht realistisch. <BR /><BR /><b>Was könnte die öffentliche Hand sonst tun?</b><BR />Haller: Wir würden uns eher wünschen, dass das Land die Betriebe dabei begleitet und sie darin unterstützt, Energiesparpotenziale zu finden oder in neue Maschinen zu investieren. Was wir uns auch wünschen würden als Wirtschaft, dass man die Lösungen vorab mit uns diskutiert.<BR /><BR /><b>Ist das nicht der Fall?</b><BR />Haller: Teilweise nicht. Seit mehreren Monaten fordert der Südtiroler Wirtschaftsring einen Energietisch, wir haben ja schon im Frühjahr schon auf die Problematik aufmerksam gemacht. Jetzt hat die Landesregierung relativ schnell Maßnahmen beschlossen, aber wir sind etwas spät dran, weil jetzt die Betriebe die Rechnungen erhalten. Manchmal hat man den Eindruck die Politik wartet ab und hofft, dass sich die Dinge von alleine lösen. <BR /><BR /><b>Alperia-Chef Luis Amort hat angekündigt, dass die Konvention mit dem Südtiroler Wirtschaftsring in verbesserter Form wieder aufgelegt wird. Bislang sah das Abkommen, einen Rabatt von 10 Prozent vor, rechnen Sie mit wirklich konsistenten Abschlägen?</b><BR />Haller: Wir hatten bislang für Strom und Gas sehr gute Konditionen, aber bei den aktuellen Preissteigerungen wird es auch für die Alperia nie möglich sein, sie wesentlich abzufedern. Alles, was sie tun kann, ist aber auf jeden Fall gut. Doch es wird das Problem nicht lösen. Denn die Lösung liegt in einer stärkeren Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.<BR /><BR /><b>Aus Rom gab es bislang auch 3 Hilfspakete, haben die alle nichts genutzt? </b><BR />Haller: Wenn die Preise derart steigen, dann ist jede Maßnahme nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eine Verdreifachung des Energiepreises aufzufangen, ist für die öffentliche Hand schwierig. <BR /><BR /><b>Was rät der lvh den Betrieben angesichts der Situation?</b><BR />Haller: Zum einen die Strom- und Gasverträge zu prüfen, und sich eventuell auch über unsere Rechtsabteilung zu informieren, ob es günstigere Angebote oder Lösungen gibt. Zum anderen raten wir dazu, das Verhalten anzupassen: Das fängt damit an, Lichter, die man nicht braucht, konsequent auszuschalten, geht weiter zu Investitionen in modernere – sparsamere – Maschinen und hört beim Heizen auf, wo man sich gemeinsam mit den Mitarbeitern Gedanken über Einsparungen machen kann. Natürlich gibt es da auch Grenzen: Maschinen müssen laufen und Büros muss man heizen. Aber jeder sollte sich wirklich konkret für den eigenen Betrieb überlegen, wo er für sich Verbesserungen erreichen kann.<BR /><BR /><b>Andererseits denken viele Bürger jetzt daran, ihr Haus energieeffizienter zu machen und Fotovoltaikanlagen anzubringen. Profitiert das Handwerk dann andererseits auch von der Energiekrise? </b><BR />Haller: Da haben wir eigentlich eine zweifache Krise, weil sich auch die Kosten für Primärmaterialien verdoppelt haben. Wir sehen daher, dass Bauherren sich solche Vorhaben nicht mehr leisten können. Dazu kommen noch die Unklarheiten beim Superbonus, weshalb einige Baustellen still stehen. Sicherlich haben aber die Unternehmen im Elektrotechnik- und Thermosanitärbereiche sehr viele Aufträge und kommen teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen. Gerade was die Fotovoltaik betrifft, hat die Technologie den Durchbruch geschafft, doch die Regeln machen die Umsetzung oft schwer, zum Beispiel in den Ortszentren bzw. an den Grenzen zwischen Siedlungsgebiet und Nicht-Siedlungsgebiet. Da müssen wir uns mit der Politik Vereinfachungen überlegen, die es den Menschen erleichtern, selber Produzent zu werden. <BR /><BR /><b>Ein Thema, das die Wirtschaft nach wie vor spürt, auch wenn es medial in den Hintergrund geraten ist, ist der Arbeitskräftemangel.</b><BR />Haller: Das ist für uns ein großes Thema, ebenso wie die Lehrlingsausbildung. In den letzten Jahren hatten wir zwar trotz der schwierigen Situation einen Zuwachs an Lehrlingen und haben sehr gute Zahlen, dennoch stehen wir vor großen Herausforderungen. Zum einen brauchen wir Ausbildungsangebote für Quereinsteiger, weil sich mittlerweile auch Leute nach der Matura oder dem Studium noch für einen Handwerksberuf entscheiden. Zum anderen brauchen wir gerade im Hinblick auf die Klimakrise, wo das Handwerk Teil der Lösung ist – es sind ja Handwerker, die die Fotovoltaikanlagen und Wärmepumpen installieren und die Sanierungen durchführen – hochqualifiziertes Personal. <BR /><BR /><b>Im Interview mit dem Onlineportal „STOL“ haben Sie gesagt, das Südtiroler Handwerk werde angesichts des Arbeitskräftemangels in Zukunft schauen müssen, ob es in einigen Bereichen in puncto Qualität nicht auch Abstriche machen müsse. Damit würde doch das Alleinstellungsmerkmal des heimischen Handwerks wegfallen…. </b><BR />Haller: Man muss differenzieren: Wir werden nach wie vor ein qualitativ hochwertiges Handwerk bieten können, auch weil der Zuspruch der Jugendlichen da ist. Aber wir werden auch auf Hilfsarbeiter zurückgreifen müssen, um die Menge an Arbeit zu stemmen. Und wir werden uns als Handwerk auch Gedanken machen müssen, was der Kunde will.<BR /><BR /><b>Wie viel Qualität er braucht…</b><BR />Haller: Denn der Kunde wird in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr die Möglichkeit haben, immer alles in einer dermaßen hochwertigen Ausführung zu kaufen, wie wir es bislang gewohnt waren. Da wird die Wiederverwendung und Wiederaufarbeitung von Materialien ein Thema werden. Die Frage wird zum Beispiel sein, ob man eine Küche nach 20 Jahren komplett austauschen muss oder ob man sie auch nur anpassen kann. Das sind auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit wichtige Überlegungen. Bislang waren wir als Handwerker es gewohnt, alles perfekt zu machen, Qualität ging über alles. Aber in Zukunft wird es auch pragmatischere Lösungen geben müssen. <BR /><BR /><b>Was werden Sie ihren Mitgliedern am Samstag mit auf den Weg geben?</b><BR />Haller: Das man auch diese schwierigen Situationen als Chance begreifen sollte. Wir müssen auch nicht ganz so viel Trübsal blasen. Vielleicht machen wir als Wirtschaft auch den Fehler, Situationen oft zu schlecht zu reden. Auch sollten wir den Schulterschluss mit den Arbeitnehmern suchen, denn gerade im Handwerk gibt es die typische Rollenverteilung – auf der einen Seite der Chef, auf der anderen die Mitarbeiter – nicht. Wir sollten jetzt alle zusammen, auch mit der Politik, Lösungen suchen, und uns weniger damit beschäftigen, wer Schuld hat oder wer was falsch gemacht hat.<BR />