Der bekennende Südtirol-Freund ist Professor an der Frankfurt School of Finance & Management und einer der wichtigsten Köpfe der Branche im deutschsprachigen Raum. <BR /><BR /><b>Der Bitcoinpreis befindet sich seit November quasi im freien Fall, der Wert hat sich seit dem Allzeithoch halbiert. Was sind die Gründe für die Panik am Markt?</b><BR />Philipp Sandner: Da kommt sehr viel zusammen. Der erste Grund ist die übergeordnete Gemengelage am Kapitalmarkt insgesamt, das so genannte Sentiment, das derzeit eher negativ ist. Dies wiederum hängt mit dem Kurswechsel der Notenbanken bei ihrer Geldpolitik zusammen, dem unsicheren Ausblick was die wirtschaftliche Entwicklung angeht und nicht zuletzt mit dem Russland-Ukraine-Konflikt. Das ist keine gute Mischung. Der zweite Grund waren Ankündigungen mehrerer Länder, darunter vor allem Russland, das Schürfen und den Handel von Kryptowährungen generell verbieten zu wollen. Ein dritter und öffentlich kaum beachteter Grund ist für mich der stark gestiegene Verkaufsdruck vor allem aus China: Bereits im September wurde dort Kryptowährungen verboten, die Effekte dieses Verbots wurden erst zeitversetzt spürbar – und zwar nachdem die Bevölkerung verstand, dass es die Regierung mit dem Verbot tatsächlich ernst meint. In der Folge stießen die Bürger nach und nach ihre Bitcoins ab. Doch auch dieser Prozess dürfte bald zu Ende sein. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="729698_image" /></div> <BR /><BR /><b>Einige Analysten sehen den Bitcoin vor dem Hintergrund der jüngsten Verluste bald schon bei 10.000 US-Dollar, manche sogar bei 0. Für wie wahrscheinlich halten Sie solche Szenarien?</b><BR />Sandner: Ich nehme diese Einschätzungen natürlich auch wahr und beschäftige mich damit. Ich halte sie jedoch für Quatsch. Fundamental gesehen, hat sich nämlich trotz der jüngsten Abwärtsbewegung nichts geändert. Wenn man sieht, wie groß das Interesse von jungen Menschen und Investoren an den Themen Kryptowährungen und Blockchain-Technologien ist, kann man nur staunen. Unternehmen stellen Spezialisten in diesen Bereichen ein, an der Frankfurt School werden wir Ende des Jahres mit einem eigenen Blockchain-Studiengang starten und es gibt schon jetzt keine freien Plätze mehr. Das ist nicht bloß ein Hype, es ist eine Entwicklung mit Substanz. Dazu kommt, dass sich auch Banken vermehrt dem Thema öffnen, der Sparkassensektor und demnächst wohl auch die Volksbanken in Deutschland wollen ihren Kunden die Möglichkeit bieten, direkt über die Hausbank Kryptoanlagen zu erwerben. Andere Länder in Europa werden da sicherlich in Zukunft nachziehen. Das sind alles Faktoren, die zu einer noch breiteren Adoption von Bitcoin und Co. führen werden. Europa und die USA wollen die Kryptobranche übrigens nicht ausschalten, im Gegenteil: Sie haben lediglich ein großes Interesse daran, durch gezielte Regulierungen zu verhindern, dass Geldwäsche und unerlaubter Wertpapierhandel betrieben wird. Das wiederum ist im Interesse der gesamten Kryptowelt.<BR /><BR /><b>Wie sieht es mit der zweiten Reihe der Krypto-Werte aus, also mit Projekten wie Ethereum, Solana, Cardano und Co., die aktuell noch stärker bluten als der Platzhirsch Bitcoin…</b><BR />Sandner: Auch das ist in Konsolidierungsphasen nichts Ungewöhnliches. Die Alt-Coins, also die Kryptowährungen, die nach Marktkapitalisierung hinter dem Bitcoin liegen, hängen sehr stark von der Entwicklung des „Leitwolfs“ ab. Gut möglich, dass es im Laufe dieser Konsolidierungsphase zu einer Bereinigung am Markt kommen könnte. In Vergangenheit war dies immer wieder zu beobachten. Bis auf Bitcoin und Ethereum, die ihre Spitzenpositionen seit Jahren erfolgreich verteidigen, gab es in den Top 10 ständig Verschiebungen. Einige der Projekte, die vor Jahren noch gehypt wurden, sind mittlerweile weit abgerutscht. Auch dafür sind Konsolidierungsphasen da: Fundamental schwache Projekte, die nur euphoriegetrieben hoch, ja zu hoch, bewertet wurden, werden über kurz oder lang aus dem Markt gespült, andere kommen neu auf. <BR /><BR /><BR /><b>Was auffällt, ist, dass es für Anleger derzeit noch unmöglich ist, einzuschätzen, was eine faire Bewertung für den Bitcoin sein könnte. Woran könnte man sich dabei orientieren?</b><BR />Sandner: Ich finde, es kann helfen, wenn man sich vor Augen führt, wie das Verhältnis von Bitcoin zu Gold aussieht. Beide sind ja angebotsseitig begrenzte Assets und funktionieren vom Prinzip her ähnlich. Aktuell liegt die Marktkapitalisierung des Bitcoins bei 5 Prozent des Goldes. Jetzt kann man sich fragen, sind 5 Prozent fair oder doch eher 2, 10 oder 20 Prozent? Ich würde eher sagen, dass es fair wäre, wenn wir uns langfristig im Bereich von 10 oder 20 Prozent des Golds einpendeln würden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="729701_image" /></div> <BR /><b>Das alles hilft einem Anleger, der mit seinem Krypto-Investment aktuell in der Verlustzone ist, wenig. </b><BR />Sandner: Das stimmt schon. Aber da kann ich nur raten, ruhig zu bleiben, sich den grundsätzlichen Aufwärtstrend der letzten Jahre anzusehen und einfach abzuwarten. Ich habe schon viele Krypto-Crashs hinter mich gebracht und was in dieser Phase nie hilft, ist voreilig und panisch zu verkaufen. Wenn man an Kryptowährungen glaubt, empfehle ich einfach die Positionen zu halten und vielleicht nicht täglich auf die Kursbewegungen zu achten, um die Nerven etwas zu schonen.<BR /><BR /><b>Ist es bei derart schwankungsanfälligen Assets wie Bitcoin besonders ratsam, in kleinen Tranchen anzusparen?</b><BR />Sandner: Natürlich, das ist grundsätzlich immer eine gute Idee, auch bei Aktien-ETFs oder anderen börsenabhängigen Anlageformen. Man kauft zum Durchschnittspreis ein, beispielsweise jeden Monat einen kleineren Betrag, und löst sich so von Auswirkungen der teils heftigen Berg- und Talfahrten.