<b>Herr Tappeiner, jetzt hat die <a href="https://www.stol.it/artikel/wirtschaft/zinsen-zehnte-erhoehung-in-folge" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">EZB noch ein weiteres Mal nachgelegt</a>, und das obwohl das hohe Zinsniveau ja bereits seine Wirkung entfaltet hat.</b><BR />Gottfried Tappeiner: Richtig, die Inflationsrate ist etwa in Italien seit Juli unter 6 Prozent gesunken, im Jahresdurchschnitt dürfte sie bei 4,5 Prozent liegen. Das ist zwar immer noch doppelt soviel wie die EZB für Preisstabilität vorsieht, aber eine völlig andere Welt verglichen mit den zweistelligen Inflationsraten des vergangenen Jahres. Ein Grund dafür sind die Energiepreise, die sich auf einem normaleren Niveau eingependelt haben sowie ein Rückgang bei den betrieblichen Investitionen.<BR /><BR /><b> Für wie problematisch halten Sie diesen Investitionsrückgang?</b><BR />Tappeiner: Nicht getätigte Investitionen werden vor allem dann zum Problem, wenn sie Innovationen betreffen. Investitionen also, die nicht zu einer unmittelbaren Ergebnisverbesserung führen, sondern erst in einigen Jahren, nachdem sie sich erfolgreich am Markt etabliert haben. Sie bilden aber die Basis der Wettbewerbsfähigkeit eines jeden Wirtschaftsraums. Kein Problem sind rückläufige Investitionen, wenn sie Ausgaben betreffen, die keinen Beitrag zur Steigerung der Produktivität einer Volkswirtschaft leisten. Ein Beispiel: In Niedrigzinsphasen musste ein Kleinunternehmen, das eine Maschine austauschen wollte, bei der Anschaffung nicht auf den Cent genau kalkulieren. Mit der Folge, dass so mancher Maschinenpark in Südtirol heute überdimensioniert ist. Derlei Investitionen fallen bei steigenden Zinsniveaus weg. Im Prinzip ist das keine schlechte Sache. <BR /><BR /><b>Sehen Sie die Basis, wie Sie sie nennen, aktuell bereits gefährdet?</b><BR />Tappeiner: In Südtirol ist dies im Schnitt sicherlich noch nicht der Fall. Wenngleich es natürlich schon Betriebe geben dürfte, die Investitionen in Innovationen zurückstellen müssen. Zeiten höherer Zinsen und niedrigeren Wachstums sind auch immer Zeiten, in denen sich in gewisser Weise die Spreu vom Weizen trennt. Das ist für den Einzelnen schmerzhaft, aber für eine Volkswirtschaft richtig und wichtig. Damit neues Wachstum aus einem gesunden Fundament heraus entstehen kann. Entscheidend dabei ist aber, dass die Abschwungphase nicht so stark ist, dass sie Konkurse auslöst, die bei Lieferanten und Gläubigern Ansteckungseffekte nach sich ziehen. Das kann rasch zu echten Problemen und stark steigenden Arbeitslosenzahlen führen. Danach sieht es im Moment aber nicht aus. <BR /><BR /><b>Was wir sehen, ist, dass auch der Konsum unter der hohen Inflation und den hohen Zinsen leidet…</b><BR />Tappeiner: Da kann ich Ihnen nur zum Teil zustimmen. Es ist richtig, dass der Konsum einkommensschwacher Haushalte stark leidet. Nicht aber jener der oberen Hälfte der Einkommensverteilung. Zumindest nicht so richtig; der beste Indikator dafür ist die touristische Nachfrage: Es wird offenbar fleißig in den Urlaub gefahren, wie man auch an den immer noch guten Auslastungszahlen im Südtiroler Tourismus sieht. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich muss auch die Mittelschicht den Gürtel enger schnallen, das ist nicht angenehm, aber von einer dramatischen Situation kann man nicht sprechen. <BR /><BR /><b>Kommen wir zurück zur EZB: Welche Zins-Strategie könnten die Währungshüter weiter fahren? </b><BR />Tappeiner: Die weitere Strategie hängt wie bisher von 2 Dingen ab – Teuerung und Konjunktur. Wenn die Inflation tendenziell weiter sinkt oder Deutschland in eine ernste Konjunkturkrise schlittert, wird es aus meiner Sicht keine weiteren Zinserhöhungen mehr geben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61262567_quote" /><BR /><BR /><b>Aktuell werden für Deutschland minus 0,4 Prozent prognostiziert. Ab wann würden Sie von einer Konjunkturkrise sprechen?</b><BR />Tappeiner: Wenn die Prognose auf minus 0,6 oder noch tiefer herunterkorrigiert werden würde. Dann wäre eine Zinserhöhung ausgeschlossen. Wobei man auch bei Deutschland sagen muss: Das Land hat über Jahrzehnte hinweg Außenhandelsüberschüsse erwirtschaftet – das ist alles andere als gesund. Jetzt sehen wir eben eine Art Normalisierung, manche sagen eine längst notwendige. <BR /><BR /><b>Unter welchen Umständen wären weitere Zinserhöhungen wahrscheinlich?</b><BR />Tappeiner: Wenn sich die Konjunktur im Euroraum wider Erwarten zeitnah erholen oder sich die Inflation bei um die 5 Prozent festsetzen sollte. <BR /><BR /><b>Was könnte dazu führen, dass wir eine hartnäckige Inflation im Bereich von 5 Prozent erleben?</b><BR />Tappeiner: Das Thema Energie, wie schon in vergangenen Inflationswellen. Sorgen bereitet mir mittelfristig vor allem das Verhalten europäischer Regierungen im Bereich der erneuerbaren Energien. Von der Euphorie unbedingt eine Wende herbeizuführen, ist aktuell vielerorts nicht mehr viel zu spüren. Dabei ist das die einzige Möglichkeit, die wir in Europa haben, um das Thema Energie endlich in den Griff zu kriegen und Preisexplosionen wie im vergangenen Jahr zu vermeiden. Wir müssen entschlossen wegkommen von fossilen Energieträgern, nur wenn die Nachfrage danach zurückgeht, werden auch die Preise deutlich und langfristig sinken. Wenn ich dann sehe, wie bei jeder Preisbewegung nach oben bereits über Wege diskutiert wird, wie man Wirtschaft und Haushalte entlasten kann, damit sie weiterhin günstig fossile Energie beziehen können, finde ich das sehr bedenklich. Dass nun auch Parteien wie die Grünen in Deutschland in diese Richtung steuern, ist noch bedauerlicher. So werden wir in Europa mittel- bis langfristig ein riesiges Problem bekommen. Entweder wir gehen die Wende jetzt in Europa mit der nötigen Konsequenz an oder wir verlieren unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit. <BR /><BR /><b>Warum sind erneuerbare Energien nicht mehr ganz oben auf der politischen Agenda – ist der Einfluss gewisser Lobbys zu stark?</b><BR />Tappeiner: Das sicherlich auch, und leider ist die Politik etwas mutlos geworden. Wobei ich auch sagen muss, dass es selbst von den Lobbys sehr kurzsichtig ist, an fossilen Energien und Technologien festzuhalten. Was hat es für einen Sinn, immer wieder Förderungen und Ausgleichszahlungen zu fordern, um Industrien weiterzuziehen, die es, sofern sie sich nicht rasch und radikal verändern, in einigen Jahren womöglich nicht mehr geben wird? Beispiel Autoindustrie. Schon allein, dass man in Deutschland aktuell besonders intensiv darüber diskutiert, ob man das Match gegen China und die USA in Sachen Mobilität der Zukunft nicht schon verloren hat, ist ein ernstes Alarmsignal. Dabei ist es überraschend, dass die Vorstände der deutschen Autokonzerne eine deutlich progressivere Strategie vertreten, als manche Mitglieder der deutschen Ampelkoalition.<BR /><BR /><b>Wann könnte es Ihrer Einschätzung nach wieder Zinssenkungen in Europa geben?</b><BR />Tappeiner: Ich könnte mir vorstellen, dass dies im zweiten Halbjahr 2024 soweit sein könnte. <BR /><BR /><b>Und wann spürt der Kreditnehmer etwas davon?</b><BR />Tappeiner: Wohl nicht vor Ende des kommenden Jahres. Wie uns auch die jüngere Vergangenheit wieder gelehrt hat, tut sich bei den Kreditzinsen nach oben hin immer schneller etwas als bei den Sparzinsen, die bis heute nur langsam und sehr moderat gestiegen sind. Genau umgekehrt ist es bei Zinssenkungen: hier werden die Sparzinsen rasch und die Kreditzinsen langsam angepasst. Das ist nicht nur in Südtirol so, sondern in ganz Europa. Die Sparzinsen sind real ja auch jetzt noch stark negativ. Wer also mit deutlich sinkenden Kreditzinsen auf kurze bis mittlere Sicht rechnet, dürfte enttäuscht werden. Da braucht es wohl noch mehr als ein Jahr Geduld.