Mittwoch, 12. Februar 2020

Nie zu krank zum Arbeiten

51 Prozent der Südtiroler arbeiten auch, wenn sie krank sind. Das ist ein Spitzenwert. Die Forschung nennt das Phänomen „Präsentismus“ und sagt: Es mangelt am Problembewusstsein. Der „WIKU“ geht dem in seiner aktuellen Ausgabe nach.

Viele Arbeitnehmer gehen auch krank zur Arbeit.
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Viele Arbeitnehmer gehen auch krank zur Arbeit. - Foto: © Shutterstock
Im Fokus der Forschung stehe der Präsentismus tatsächlich erst seit zehn bis fünfzehn Jahren verstärkt, erklärt Arbeitspsychologe Heiko Breitsohl von der Uni Klagenfurt. Davor wurde das Problem eher medizinisch gesehen, etwa hinsichtlich der Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten über den Arbeitsplatz. Welche psychologischen und unternehmerisch-wirtschaftlichen Mechanismen eigentlich dahinter stehen, will er herausfinden.





Präsentismus sei ein „unsichtbares Phänomen“, das sich auch nur wirklich erfassen lasse, „wenn man den Leute wissenschaftlich über Monate hinweg folgt“, sagt Breitsohl. Denn über Abwesenheit vom Arbeitsplatz durch Erkrankung gibt es sehr klare Daten, darüber, ob jemand eigentlich krank ist und trotzdem Dienst schiebt, gibt es kaum Informationen. Durchaus größere Befragungen ließen aber darauf schließen, dass „die Leute mindestens so oft krank zur Arbeit gehen wie sie krank abwesend sind“, sagt der Wissenschaftler, der mit Kollegen im „European Journal of Work and Organizational Psychology“ kürzlich eine Arbeit zum Forschungsstand und einen Ausblick zu dem Thema veröffentlicht hat.


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Eine Rolle spielen etwa Beschäftigungsverhältnisse, in denen Leute verstärkt um Job und Einkommen fürchten müssen, wenn sie zuhause bleiben. Menschen hätten aber auch oft das Gefühl, dass in ihrer Abwesenheit Arbeit liegen bleibt und sich danach die Belastung erhöht. Insgesamt gilt: Je mehr Befürchtungen man vor negativen Konsequenzen hat, wenn man nicht zur Arbeit erscheint, desto eher findet sich Präsentismus. Das gilt auch, wenn diese Dinge unausgesprochen sind.
Eine weitere wichtige Rolle spiele überdies, wie sehr man sich gegenüber Arbeit und Kollegen verpflichtet fühlt und was Vorgesetzte vorleben. Gehe der Chef „sozusagen mit dem Kopf unter dem Arm“ arbeiten, habe das Einfluss auf das Verhalten der Mitarbeiter, so Breitsohl. Nicht zuletzt befördern Boni für möglichst wenige Krankenstandstage das Problem.


Klar sei, dass die Effekte von Präsentismus in der Regel negativ sind. Den Unternehmen drohen Produktivitäts- und Qualitätsverluste, und die Mitarbeiter betreiben Raubbau an den eigenen Ressourcen, mit entsprechend negativen gesundheitlichen Folgen.






apa/kn/stol