Wir haben bei Stefan Pan, Vizepräsident des Industriellenverbandes Confindustria und des europäischen Dachverbandes Business Europe, nachgefragt.<BR /><BR /><b>Vor einem Jahr hat Mario Draghi seinen Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU vorgelegt und dringend Maßnahmen gefordert. Wie sieht Ihre Bilanz aus?</b><BR />Stefan Pan: Es ist noch zu wenig geschehen, während sich die Welt dramatisch verändert hat. Durch die geopolitische Lage, durch Kriege und Handelskonflikte hat sich die Notwendigkeit für Europa verschärft, unabhängig und innovativ zu werden, um nicht erpressbar zu sein.<BR /><BR /><b>Herrscht in Brüssel also Frust?</b><BR />Pan: Die Grundstimmung ist nicht Frust – im Gegenteil – sondern Einsicht. Jetzt ist der Augenblick gekommen, der nicht verschoben werden kann. Draghi hat das in aller Deutlichkeit gesagt. Die Maßnahmen, die er vorgibt, müssen umgesetzt werden, und zwar nicht morgen, sondern heute. <BR /><BR /><embed id="dtext86-71460223_quote" /><BR /><BR /><b>Die da wären?</b><BR />Pan: Es sind drei Maßnahmen. Das eine ist das sogenannte Scale-up, Größenordnungen zu erzielen, um entwicklungsfähig zu sein. Der Vorteil von China und den USA ist, dass sie große, homogene Märkte haben, in denen sich Unternehmen einfach hochskalieren können. Unser Markt ist zwar groß, aber zerstückelt, etwa beim Finanzmarkt. Das macht es Unternehmen schwieriger, schnell zu wachsen. Das Zweite, und das wird von den Unternehmen am meisten eingefordert, ist die Notwendigkeit, die Überregulierung zurückzufahren. Das dritte ist, die Innovationsfähigkeit zu steigern, etwa wie man die künstliche Intelligenz in die Unternehmen hineinbringt. Die USA sind in diesem Bereich sehr weit, die Chinesen noch viel weiter. Europa hat da extremen Handlungsbedarf.<BR /><BR /><b>Wettbewerbsfähigkeit geht auch mit Unabhängigkeit einher. Was muss die EU dahingehend tun?</b><BR />Pan: Es braucht neue Handelsabkommen, also andere Märkte, nicht nur die Vereinigten Staaten. Ein Fortschritt ist das Freihandelsabkommen mit Mercosur. Ein Markt mit über 700 Millionen Verbrauchern, der Europa und Länder Südamerikas, wie Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay, zusammenbringt und uns dadurch den Zugang zu seltenen Erden ermöglicht, der zurzeit von China monopolisiert wird. Weiter wichtig ist, die Zusammenarbeit mit Indien zu stärken, damit das Land nicht in den russisch-chinesischen Block abdriftet, und die Zusammenarbeit mit dem gesamten indo-pazifischen Raum, wo Märkte sind, die allerdings nicht von heute auf morgen aufgebaut werden können.<BR /><BR /><embed id="dtext86-71460224_quote" /><BR /><BR /><b>Wie steht es um KI und technologische Abhängigkeiten?</b><BR />Pan: Sowohl Draghi als auch von der Leyen haben die Abhängigkeit bei KI und Chipproduktion von den USA und China angesprochen. Deshalb investiert die EU massiv in Gigafactories und Rechenleistung. Parallel werden die Mittel für Forschung und Entwicklung ausgebaut. Neu ist, dass diese eng mit Unternehmen gekoppelt sind, sodass auch kleine und mittlere Betriebe sowie Start-ups vom Technologieschub profitieren.<BR /><BR /><b> Ist die EU Ihrer Meinung nach zu langsam in ihrer Entwicklung und in ihrer Entscheidungsfindung?</b><BR />Pan: Die EU ist nicht Brüssel, sondern sind wir alle. Wir dürfen nicht angstgetrieben sein – Angst ist ein schlechter Begleiter. Es braucht Aufbruchsstimmung. Wir haben einen großen Markt, wir haben 30.000 Milliarden Euro, die auf Konten liegen, aber nicht eingesetzt werden. Es gilt, ein Klima zu schaffen, das Vertrauen in den Mittelpunkt setzt, das die Jugend abholt und nach wie vor zeigt, dass Europa alle Möglichkeiten hat, um sich als der Ort zu entwickeln, wo unsere Werte noch aufrechterhalten werden können, die Demokratie vorgelebt wird und wo die soziale Leistung durch wirtschaftlichen Erfolg weiterhin garantiert wird.