<b>Herr Totschnig, eines der brisantesten Themen in der Südtiroler Landwirtschaft und auch jenes anderer Alpenländer ist das Wolfsmanagement. Wie groß ist das Problem in Österreich?</b><BR />Norbert Totschnig: Die Rissgeschehen sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen, letztes Jahr waren es fast 800 Risse, 900 Nutztiere wurden vermisst. Uns war klar, dass wir da etwas unternehmen müssen. Die Zuständigkeit für Jagdrecht und Naturschutz liegt bei uns in den Bundesländern. Unsere Frage war daher, wie können wir die Bundesländer dabei unterstützen, dass sie die rechtlichen Spielräume im Rahmen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie nutzen können. <i>(Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ist die Naturschutzrichtlinie der EU, deren Ziel es ist, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen, Anm. Red.)</i> Als ersten Schritt haben wir ein Gutachten ausarbeiten lassen, auf dessen Basis dann die Länder Kärnten, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich Verordnungen ausgearbeitet haben, mit denen tatsächlich die Entnahme von Großraubtieren möglich ist. Viele Jahre ging das ja gar nicht, weil immer wieder Einsprüche von NGOs kamen. Jetzt hingegen sind Entnahmen erfolgt, mit der Konsequenz, dass auch die Risse deutlich abgenommen haben. Wir sehen also, die Maßnahme wirkt. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-62277173_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und diese Verordnungen halten auch EU-rechtlich, angesichts des hohen Schutzstatus, den der Wolf in der EU genießt? </b><BR />Totschnig: Deshalb war es wichtig, den vorhandenen Spielraum wirklich zu nutzen, um überhaupt eingreifen zu dürfen. Und die EU-Kommission hat erst vor einigen Wochen betont, dass die Länder die rechtlichen Spielräume auch nützen sollen. Das heißt, wir haben eine Regelung, die sicher an die Grenzen geht. Aber es gibt kein Vertragsverletzungsverfahren und es wurde auch nichts in die Richtung angekündigt. Also haben wir eine Regelung, die wohl, wie es ausschaut, weiter bestehen wird. <BR /><BR /><b>In Südtirol, aber vor allem in Italien, wird das Thema kontrovers diskutiert, es gibt militante Tierschutzgruppen, die selbst vor extremsten Aktionen nicht zurückweichen. Wie stehen die Österreicher zur Entnahme von Wölfen?</b><BR />Totschnig: Umfragen in Tirol, Vorarlberg, Salzburg und Kärnten haben gezeigt, dass es eine Frage der Betroffenheit ist, wie die Bevölkerung dazu steht. Sobald die Raubtiere im Siedlungsgebiet aufgetaucht sind, hat sich die Stimmung gedreht und eine große Mehrheit in der Bevölkerung hat es befürwortet, etwas zu unternehmen. Denn als es Risse von Wölfen neben einem Kindergarten gab, war das den Leuten natürlich nicht egal. Dadurch ist die Akzeptanz für ein Eingreifen gestiegen. Zudem haben wir in Österreich keine radikalen Tierschützer, die massiv auftreten, und diejenigen bedrohen, die sich für eine Entnahme einsetzen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966256_image" /></div> <BR /><b>In Italien heißt es immer, die Entnahme von Großraubwild sei rechtlich schwierig. Was würden Sie Ihrem italienischen Amtskollegen Lollobrigida raten?</b><BR />Totschnig: Ich bin mit ihm im Austausch. Mein Eindruck ist, dass es ihm ein Anliegen ist, dass die Regionen Möglichkeiten bekommen, um mehr unternehmen zu können als bis jetzt. Heute hat man ja nach meinen Erkenntnissen keinen Spielraum. Und das ist katastrophal für die betroffenen Regionen. Immerhin ist die Zahl der Rudel explosionsartig angestiegen: laut den Zahlen der Arge Alp von 2021 bis 2022 um 60 Prozent von 31 auf über 60 Rudel. Dadurch nimmt der Druck auf die Alm- und Weidewirtschaft massiv zu. Und für Gebiete mit Almwirtschaft, wie Südtirol, ist das ein Wahnsinn. <BR /><BR /><b>Denn kommt der Wolf, geht der Bauer…</b><BR />Totschnig: Absolut. Wir haben ja schon Almen in Tirol, die aufgegeben worden sind, weil wiederholt Risse stattgefunden haben und die Bauern am Ende frustriert gesagt haben: „Das tun wir uns nicht mehr an.“ Wir haben eine sehr extensive Almwirtschaft, die nur funktioniert, wenn viel Engagement seitens der Bauern da ist, denn aus ökonomischer Sicht wird am Ende nicht viel übrig bleiben. Und wenn dann noch zusätzlich so ein Druck entsteht, kann man die Almwirtschaft nicht aufrecht erhalten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62277175_listbox" /><BR /><BR /><BR /><b>Was kann die Politik noch tun?</b><BR />Totschnig: Wir brauchen ein aktives Montoring. Das heißt, dass wir nicht nur bei Rissen kontrollieren, welcher Wolf das war und woher er gekommen ist, sondern dass wir auf alles schauen, was sich im Land bewegt. Das wollen wir länderübergreifend mit Südtirol, Deutschland und der Schweiz umsetzen, um ein Bild der tatsächlichen Anzahl der Wölfe zu bekommen. Auch auf europäischer Ebene sind wir weiter aktiv. Letztes Jahr hat uns ja im EU-Agrarministerrat überraschend ein große Mehrheit in der Forderung nach einer Evaluierung der Rechtslage unterstützt. Und im EU-Parlament ist dann eine Initiative zur Evaluierung der Rechtslage durchgegangen. Zudem haben wir heuer mit Schweden ein Programm gestartet, das 2 Ziele hat: den Schutzstatuts zu reduzieren und eine Arbeitsgruppe auf europäischer Ebene einzurichten. Bei einem Großraubtier, dessen Population sich absolut erholt hat – wir reden heute von über 19.000 Individuen in Europa – ist es notwendig, dass wir die Gesetzeslage den aktuellen Erfordernissen anpassen. Dafür werden wir kämpfen. Und die jüngsten Ankündigungen der Präsidentin der Europäischen Kommission machen mich in dem Punkt optimistisch. <BR /><BR /><b>Die Landwirtschaft steht auch in einem anderen Sinn unter Druck: Es gibt zunehmend Kritik im Hinblick auf Pflanzenschutzmittel, Tierwohl, Treibhausgase, Wasserverbrauch. Was sagen Sie dazu: Alles übertrieben oder muss sich was ändern? </b><BR />Totschnig: Das muss man jedes EU-Mitgliedsland unterschiedlich beurteilen, weil die Voraussetzungen und Entwicklungen unterschiedlich sind. In Österreich haben wir seit dem EU-Beitritt sehr stark auf eine umweltgerechte, nachhaltige Landwirtschaftspolitik gesetzt, diesen ökosozialen Weg, wie wir ihn nennen – mit der Konsequenz, dass wir mittlerweile das Land sind, das am meisten biologisch bewirtschaftete Höfe hat. In Österreich wird auf 28 Prozent der Fläche ökologisch gewirtschaftet. Wenn die EU bis 2030 25 Prozent erreichen will, wollen wir bis dahin auf 35 Prozent kommen. Zudem beteiligen sich über 80 Prozent der Betriebe am Agrarumweltprogramm und wir haben im Tierwohlbereich im weltweiten Vergleich einen sehr hohen Standard, wie uns der World Animal Protection Index bescheinigt. Auch der integrierte Pflanzenschutz ist bei uns gelebte Realität. Wir stehen also für Qualitätsproduktion. Die Konsequenz ist, dass bei Umfragen in Österreich die Bäuerinnen und Bauern eine sehr hohe Akzeptanz haben. In anderen Ländern ist die Situation hingegen ganz anders. Dennoch wollen uns noch weiter verbessern. Dieser Anspruch hat sich ausgezahlt und muss weiterentwickelt werden. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62277177_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wenn Österreich sich weiter verbessern will, wohin geht dann der Weg? Alles bio?</b><BR />Totschnig: Das ist unrealistisch. 11 Prozent der Lebensmittel, die gekauft werden, sind biologisch. Das heißt, es wird immer einen großen Anteil an konventionell hergestellten Lebensmitteln brauchen. Bio ist die Nische, ein Premiumprodukt, bei dem wir auch stark im Export sind. Aber wir brauchen gleichzeitig eine starke konventionelle Produktion, damit wir die Markterfordernisse erfüllen können. Wenn wir das nicht tun, würde das dazu führen, dass mehr importiert werden muss. Und was bei 100 Prozent Bio passiert, haben wir in Sri Lanka gesehen: der totale Zusammenbruch<i>. (In Sri Lanka wurde 2021 von heute auf morgen die Landwirtschaft auf reine Bio-Produktion umgestellt, um das Geld für die Importe von chemischen Düngemitteln zu sparen. Die Folge waren dramatische Ernteausfälle, die dazu beigetragen haben, die desolate Lage des Landes zu verschlechtern, Anm.d.Red.)</i> Deshalb ist unser Zugang: Man muss marktkonform wirtschaften. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-62277475_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Ganz ohne Pflanzenschutzmittel werden wir also nicht auskommen?</b><BR />Totschnig: Ohne einen modernen Pflanzenschutz kann die Versorgung nicht sicher gestellt sein. Die Folge wäre – und das sagen Studien – eine Reduktion der Einkommen und eine Steigerung der Importe für Europa. <BR /><BR /><b>Die EU will aber die Pflanzenschutzmittel bis 2030 um 35 oder sogar m 50 Prozent reduzieren. Ist das also gar nicht machbar?</b><BR />Totschnig: Aus unserer Sicht ist zunächst einmal gar nicht klar, wie man überhaupt auf eine 50-prozentige Reduktion kommt und zudem muss man die unterschiedliche Ausgangslage in den einzelnen Ländern berücksichtigen. Jedenfalls würde das dazu führen, dass die Produktion reduziert wird und die Importabhängigkeit steigt. Und in Zeiten, in denen die Lebensmittelversorgungssicherheit angesichts der Covidpandemie, des Ukrainekrieges und von Lieferkettenproblemen wieder in den Fokus gerückt ist, ist diese Forderung aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar. Deswegen werden wir uns in Brüssel vehement dafür einsetzen, die Vorschläge der Kommission so abzuändern, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt. <BR /><BR /><b>Sollte es dennoch zu einer starken Reduktion kommen, wäre die logische Folge dann, dass es mehr Gentechnik braucht?</b><BR />Totschnig: Zu den neuen genomischen Techniken hat die Kommission im Juli das Lebensmittel- und Biodiversitätspaket vorgelegt, das wir in Österreich sehr kritisch sehen. <i>(Die EU-Kommission will die Regeln im Umgang mit der Neuen Gentechnik lockern: Neue Mutationsverfahren sollen künftig einfacher eingesetzt werden können und damit bearbeitete Pflanzen nicht mehr als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden. Ziel ist unter anderem, gegen Wassermangel oder Schädlinge widerstandsfähigere Gewächse zu züchten, Anm.d.Red.)</i> Der österreichische Weg der Landwirtschaft war gekennzeichnet von Gentechnikfreiheit, einer klaren Kennzeichnung und der Koexistenz von biologischer und konventioneller Landwirtschaft. Da muss man abwarten, wie sich der Entwurf weiterentwickelt. Klar ist natürlich, dass die neuen genomischen Techniken hinsichtlich Resistenzen gegenüber Schädlingen oder auch Trockenresistenzen Möglichkeiten bieten, aber grundsätzlich sehen wir den Vorschlag sehr kritisch. Zudem haben wir im Regierungsprogramm mit dem Koalitionspartner, den Grünen, klar gebunden, dass wir in dieser Hinsicht keine Aufweichung akzeptieren würden. <BR /><BR /><b>Sie selbst kommen aus der Landwirtschaft, auf dem elterlichen Hof wurde Milchwirtschaft betrieben.... </b><BR />Totschnig: Ja, das ist ein klassischer Betrieb mit 12 Hektar Grünland und Acker und 12 Hektar Wald. Den hat mein älterer Bruder übernommen und auch etwas dazugepachtet. Er führt den Betrieb mit 35 Kühen sehr professionell und großer Freude im Nebenerwerb. Das ist für mich ein positives Beispiel, dass Landwirtschaft etwas ist, mit dem man eine Freude hat und am Ende auch etwas verdienen kann. <BR /><BR /><b>Haben Sie selber jemals daran gedacht, in die Landwirtschaft einzusteigen?</b><BR />Totschnig: Als ich aufgewachsen bin, war klar, dass der Älteste den Hof übernimmt. Das war so üblich. Hätte es die Möglichkeit gegeben, hätte ich sicher auch den Hof übernommen, ich war da immer sehr interessiert. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="966259_image" /></div> <BR /><b>Wie sehen Sie grundsätzlich die Entwicklungschancen für die Landwirtschaft, speziell für kleine Betriebe? Oder anders gefragt: Würden Sie ihrem Sohn dazu anraten, Bauer zu werden?</b><BR />Totschnig: Das würde ich absolut, wenn es ihn interessieren würde. In Österreich haben wir gute Rahmenbedingungen geschaffen: Wir haben zum Beispiel eine sehr gute Ausbildung in den Fachschulen und den höher bildenden landwirtschaftlichen Lehranstalten und eine Top-Ausbildung auch an den Universitäten. Die Ausbildung ist die Grundlage. Bauern, die gut ausgebildet sind, sind erfolgreicher. Kleinere Betriebe erwirtschaften bis zu 50 Prozent mehr Einkommen, mittlere bis zu 30 und bei den größeren bis zu 10 Prozent. Wir haben zudem sehr stabile Rahmenbedingungen in der Agrarpolitik, sodass sich die Bäuerinnen und Bauern auf Kontinuität verlassen können. Und die Leute sehen Zukunft in der Landwirtschaft, es gibt Entwicklungsperspektiven. Wenn dieser Optimismus da ist und das Vertrauen in die Rahmenbedingungen, dann sind das gute Voraussetzungen, dass der Bauernstand stark bleibt. <BR /><BR /><b>Aber die Landwirtschaft ist auch stark unter Druck: Die Konsumenten sind immer anspruchsvoller, die Bauern müssen immer mehr Auflagen erfüllen, die Betriebskosten sind gestiegen ... </b><BR />Totschnig: Völlig richtig: Die Gesellschaft hat Ansprüche, es gibt einen Wertewandel für mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit, aber das betrifft nicht immer alle, sondern einen Teil der Bevölkerung. Das sieht man daran, wie sich das Einkaufsverhalten in Zeiten der hohen Inflation entwickelt hat: Das Premiumsegment Bio mit einem hohen Standard in puncto Tierwohl ist mit 11,5 Prozent stabil im Absatz, gleichzeitig sehen wir eine unglaubliche Sensibilität, was den Preis anbelangt. Das hat sich gedreht: In der Covid-Zeit lag der Fokus stark auf Regionalität, jetzt geht er wieder mehr Richtung Preis. Es wird also immer einen großen Teil in der Bevölkerung geben, der auf den Preis schaut, und es wird einen Teil geben, der auf Qualität achtet. Das heißt, man muss für beide produzieren, eine einfache Strategie oder schwarz-weiß funktioniert nicht.<BR /><BR /><BR />