Im Interview erklärt er, wie Italien seine Wettbewerbsfähigkeit sichern kann, wie sein Rezept gegen den Overtourism aussieht und was er vom neuen Haushaltsgesetz hält.<BR /><BR /><b>Herr Sangalli, diesen Sommer hatte man fast den Eindruck, als stecke der Tourismus in Italien in einer Krise: Im Internet kursierten Videos von leeren Stränden und ruhigen Urlaubsorten. Doch aktuelle Daten des Instituts Demoskopika erzählen eine andere Geschichte – die Übernachtungen sind bislang um 2,3 Prozent gestiegen. Kann man also Entwarnung geben? Oder wie würden Sie die Lage des Sektors wirklich einschätzen?</b><BR />Carlo Sangalli: Im Jahr 2024 hat der italienische Tourismus mit über 458 Millionen Übernachtungen ein herausragendes Ergebnis erzielt. Auch wenn wir auf die offiziellen Zahlen für 2025 noch warten, zeigt sich schon jetzt: Der Tourismus bleibt ein entscheidender Motor für Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze. Aber reine Pluszahlen, auch wenn sie ermutigend sind, reichen nicht aus. Wir brauchen gezielte politische Maßnahmen und Innovationen, um Italien wettbewerbsfähiger zu machen und es dauerhaft als unverzichtbares Reiseziel im internationalen Tourismus zu positionieren.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72166362_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für den Tourismus?</b><BR />Sangalli: Der Tourismus verändert sich weltweit in rasantem Tempo. In großen Ländern wie China und Indien wächst eine Mittelschicht von Hunderten Millionen Menschen heran – gut informiert, neugierig und reiselustig. Das eröffnet enorme Chancen. Doch es gibt auch viel Konkurrenz, nicht nur innerhalb Europas, sondern weltweit. Und wir stehen einer neuen Generation von Reisenden gegenüber, die andere Erwartungen und Bedürfnisse hat als früher. Deshalb müssen wir vor allem in materielle und immaterielle Infrastrukturen investieren und auf kontinuierliche Weiterbildung setzen – mit besonderem Augenmerk auf neue Technologien, allen voran die künstliche Intelligenz.<BR /><BR /><b>Ein viel diskutiertes Thema ist der Overtourism. Was sagen Sie dazu? Und welche Vorschläge hat Confcommercio, dem wirksam zu begegnen?</b><BR />Sangalli: Das Phänomen ist für alle sichtbar. Es betrifft die historischen Stadtzentren ebenso wie bekannte Bade- und Bergorte. Und es ist klar: Overtourism muss gesteuert werden. Das bedeutet, Besucherströme gezielt zu lenken und Regionen besser miteinander zu vernetzen, um die Saisonen zu entzerren und die Touristen räumlich besser zu verteilen. Dabei darf nicht vergessen werden, wie wichtig es ist, die Digitalisierung des touristischen Angebots voranzutreiben und das Thema Nachhaltigkeit zu stärken. Denn Geschichte, Kultur und landschaftliche Schönheit sind ein zentraler Bestandteil des touristischen Produkts – und müssen entsprechend geschützt werden.<BR /><BR /><b>Kommen wir zur Gastronomie: Man hört oft, dass die Konsumausgaben zurückgehen. Wie ist die Lage konkret?</b><BR />Sangalli: Tatsächlich war der Jahresbeginn 2025 von einem leichten Umsatzrückgang geprägt. Doch seit Mai – nicht zuletzt dank des positiven Tourismusverlaufs – zeigt die Branche wieder deutliche Erholungstendenzen. Zwar liegt das Ergebnis bislang noch unter den Erwartungen, aber es ist möglich, dass die letzten Monate des Jahres noch zu einem insgesamt positiven Resultat beitragen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72166363_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sind bereits in Ihrer vierten Amtszeit als Präsident von Confcommercio und kennen die italienische Wirtschaft bestens. Wie beurteilt Confcommercio den Haushaltsentwurf 2026?</b><BR />Sangalli: Wir befinden uns in einer Zeit, in der die internationale Situation nach wie vor für Unsicherheit sorgt. In diesem Umfeld geht die „manovra“ grundsätzlich in die richtige Richtung: Sie setzt auf Wachstum und Entwicklung, ohne die Stabilität der öffentlichen Finanzen zu gefährden. Allerdings zeigen die jüngsten Istat-Daten, dass die Wirtschaft stagniert und der Konsum kaum Schwung hat. Deshalb braucht es einen Kurswechsel, um das Vertrauen der Familien zu stärken und die Binnennachfrage zu beleben. Positiv sehen wir die Senkung des zweiten IRPEF-Steuersatzes von 35 auf 33 Prozent. Allerdings sollte er auf Einkommen bis 60.000 Euro ausgeweitet werden. Ich möchte aber noch einen besonders wichtigen Punkt unterstreichen: Die Steuerbefreiung für neue tarifliche Lohnerhöhungen sollte auch für jene Tarifverträge gelten, die bereits 2024 erneuert wurden – zumindest für jene Erhöhungen, die ab 2026 wirksam werden, etwa im Handel, im Tourismus und in der Gastronomie. Und schließlich hoffen wir, dass es mittelfristig gelingt, die 13. Monatsgehälter strukturell steuerlich zu entlasten.