Rainer Steger vom Pfandleihhaus „Custodia Valore“ erklärt, warum dieses Geschäft in Corona-Zeiten boomt und beantwortet die Frage, ob die Südtiroler lieber einen Bogen um diese Häuser machen. <BR /><BR /><BR /><i>Von Christoph Höllrigl</i><BR /><BR /><BR />Das österreichische Dorotheum zählt zu den größten und renommiertesten Auktionshäusern der Welt. Die Italien-Tochter „Custodia Valore“ wird seit der Übernahme 2018 vom Bozner Rainer Steger (54) geleitet, der in Südtirol als ehemaliger Bankmanager (u.a. Generaldirektor der „Südtirol Bank AG“) und als SVP-Exponent bekannt ist. Im Interview gibt er interessante Einblicke.<BR /><BR /><BR /><b><Fett_Akzidenz>Herr Steger, wie funktioniert das Geschäft der Pfandleihe eigentlich – etwa am Beispiel einer Goldkette, die ein Kunde in eine Filiale Ihres Pfandleihhauses bringt?</Fett_Akzidenz></b><BR />Rainer Steger: Wenn der Marktwert der Goldkette von unseren Schätzmeistern zum Beispiel auf 1500 Euro geschätzt wird, machen wir ein Kreditangebot von normalerweise zwei Dritteln des geschätzten Wertes, also in diesem Fall 1000 Euro. Dieser Betrag wird in bar oder per Überweisung ausgezahlt. Die Zinsen betragen derzeit per anno rund elf Prozent und vier Prozent für die Verwahrung. Bei einem Kredit von 1000 Euro für drei Monate sind das also knapp 40 Euro. Es ist alles in allem eine sehr unbürokratische, diskrete und schnelle Form der Kreditvergabe. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="627068_image" /></div> <BR /><BR /><b>Von welchem Volumen, das über Pfandleihe vergeben wird, sprechen wir in Italien?</b><BR />Steger: Das Gesamtvolumen wird in Italien auf etwa 800 bis 900 Millionen Euro geschätzt. Wir haben einen Marktanteil von etwa 40 Prozent, also ein Kreditvolumen von ca. 350 Millionen Euro. Weil das im Gegensatz zum sonstigen Bankgeschäft vorwiegend ein physisches Geschäft ist, haben wir täglich 3000 bis 4000 Kundenkontakte in unseren Filialen.<BR /><BR /><b>In welchen Regionen werden diese Geschäfte bevorzugt abgewickelt?</b><BR />Steger: Wir wickeln etwa ein Drittel des Geschäfts in Sizilien ab, ein weiteres Drittel im Latium und das letzte Drittel im Rest Italiens.<BR /><BR /><b>Was ist mit Südtiroler Kunden – sind die „Pfandleihmuffel“?</b><BR />Steger: Wir haben auch einige Südtiroler Kunden, die wir über unsere nördlichste Filiale in Verona betreuen. Unser Mutterhaus Dorotheum ist auch in Innsbruck angesiedelt. Es gibt also auch dort einige Südtiroler Kunden. Man kann aber schon sagen, dass die Pfandleihe bei den Südtirolern nicht so bekannt ist. In Sizilien und im Latium gibt es hingegen eine lange Tradition. Außerdem ist bei uns die Bindung zu den lokalen Banken viel größer, etwa auch dann, wenn es um kleine Konsumkredite geht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-48428269_quote" /><BR /><BR /><b>Warum entschließen sich Menschen überhaupt für diese Form der schnellen Geldbeschaffung?</b><BR />Steger: Es gibt sicher Kunden, die zu uns kommen, weil sie Schwierigkeiten haben, bei ihrer Bank einen Kredit zu bekommen. Das Spezielle des Pfandleihgeschäftes ist es nämlich, dass derjenige, der den Kredit vergibt, nicht die Bonität des Kunden anschaut. Im Unterschied zu jedem anderen Kredit muss der Kunde also keine Einkommenserklärung bringen. Die vergebenen Kredite scheinen auch in keiner Kreditdatenbank auf. Wir schauen uns nur das Objekt des Kunden an. Es ist ein Geschäft für Optimisten, weil die Kunden ja davon überzeugt sind, dass sie ihre Objekte wieder auslösen. Wer nicht optimistisch ist, verkauft die Objekte lieber.<BR /><BR /><b>... aber die Zinsen sind nicht gerade billig?</b><BR />Steger: Dabei muss man bedenken, dass es für das Pfandleihhaus eine kostenaufwendige Arbeit ist. Es gibt hoch spezialisierte Schätzmeister, welche die Objekte bewerten. Dann gibt es in jeder Filiale Hochsicherheitstresore, wo die Objekte verwahrt werden. Und vergleichbare Konsumkredite mit 1 bis 1,5 Prozent monatlichen Zinsen kommen im Jahr auch auf 15bis18 Prozent. Wichtig zu sagen ist außerdem: Das sind vorwiegend Kleinkredite, im Schnitt etwas über 900 Euro, und die Laufzeit ist relativ kurz – drei bis sechs Monate. Meist handelt es sich um einen kurzfristigen Liquiditätsbedarf der Kunden, z.B. eine unvorhergesehene Abrechnung, eine kurzfristige Reise usw.<BR /><BR /><b>Welche Objekte werden vorwiegend angenommen?</b><BR />Steger: Früher wurden auch Pelzmäntel und Teppiche angenommen. Jetzt nehmen wir vorwiegend nur mehr Schmuck, Edelsteine und Uhren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-48428531_quote" /><BR /><BR /><b>Wie weit reicht das Spektrum der Personen, die auf die Pfandleihe zurückgreifen?</b><BR />Steger: Natürlich gibt es jene Kunden, die einen finanziellen Engpass haben. Aber zu uns kommt auch die Gräfin, die tollen Familienschmuck hat und schnell 50.000 Euro zum Beispiel für einen einen Umbau haben möchte und auf die Liquidierung von anderen Vermögenswerten wie etwa Investmentfonds wartet. Sehr klassisch haben wir auch viele Kunden mit saisonalem Geschäft, wie Bar- oder Restaurantbetreiber am Strand. Die machen den gesamten Jahresumsatz in drei, vier Monaten. Wenn im Februar, März das Geld knapp wird, kann die Pfandleihe als Überbrückung bis zum Sommer interessant sein. Oder es gibt auch Kunden, die das Geld für den Urlaub nutzen und dafür das 13. Gehalt einplanen, das sie aber erst im Dezember bekommen. Es gibt also ganz unterschiedliche Kunden und Bedürfnisse.<BR /><BR /><b>Wie vermeiden Sie, dass Sie zur Geldwäsche genutzt werden oder Ihnen Diebesgut untergeschoben wird?</b><BR />Steger: Die gesamte Kundenidentifizierung nehmen wir gleich vor wie eine Bank. Für uns gelten dieselben Gesetze, und wir werden diesbezüglich auch von der „Banca d'Italia“ beaufsichtigt. Wir kontrollieren also in den entsprechenden Datenbanken, ob ein Kunde hinsichtlich der Geldwäsche in Ordnung ist, nicht auf einer Terroristenliste steht und keine kriminelle Vergangenheit hat. Wenn ein offiziell Arbeitsloser mit einer Rolex von 40.000 Euro kommt, dann schrillen freilich die Alarmglocken. Wenn die Herkunft der Objekte nicht schlüssig ist, lehnen wir Kunden auch ab. Bei Verdachtsfällen müssen wir zudem wie alle Banken eine Meldung machen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-48428532_quote" /><BR /><BR /><b>Wie hat sich die Pfandleihe in der Coronakrise entwickelt?</b><BR />Steger: Ich muss gestehen: Eigentlich etwas anders, als wir es uns erwartet hatten. Im ersten Lockdown haben wir uns – übertrieben gesagt – gelangweilt. Die Menschen wussten nicht, was offen hat, was man darf und was nicht. Wir waren sogar dazu verpflichtet, die Filialen offen zu halten. Es ist aber niemand gekommen, weil die Unsicherheit groß war. Anfang Mai war der erste Lockdown dann fertig. Nach diesem ersten Lockdown wurden wir überrannt. Weil wir nicht viele Kunden gleichzeitig in die Filialen lassen konnten, haben sich auch Schlangen davor gebildet. Das haben italienische Medien groß aufgegriffen. Im Mai und Juni hatten wir wahnsinnig viel zu tun, weil sich vieles aufgestaut hatte. Danach hat sich die Situation normalisiert.<BR /><BR /><b>Wie läuft es derzeit?</b><BR />Steger: Derzeit können wir nicht mehr von einem „Run“ sprechen. Das ist sicher dem Umstand geschuldet, dass kaum Konsum stattfindet und die Möglichkeiten eingeschränkt sind, Geld auszugeben. Diejenigen Kunden, die ein fixes Einkommen haben und vorher zum Teil ihren Konsum über uns finanziert haben, bleiben deshalb im Moment aus. Einen Zuwachs haben wir aber bei kleinen Unternehmern, die in der Pandemie Liquiditätsengpässe haben. Was wir generell jetzt festgestellt haben: Wir haben viel mehr Nachfrage bei den Auktionen …<BR /><BR /><b>… womit wir beim zweiten Teil der Arbeit von Pfandleihhäusern wären. Wann kommt es zu solchen Auktionen?</b><BR />Steger: Nach drei oder sechs Monaten hat der Kunde drei Möglichkeiten: Entweder er holt sein Objekt wieder ab, indem er Kapital und Zinsen zahlt, er verlängert den Vertrag oder er holt das Objekt nicht mehr ab, weil er kein Geld oder kein Interesse mehr hat. Wobei: Lediglich drei Prozent der Kunden kommen nicht mehr. Danach müssen wir die Objekte laut Gesetz versteigern. Übrigens: Wird das Objekt teurer versteigert, kann der Kunde die positive Differenz bei uns abholen. Schaffen wir es im Umkehrschluss nicht, die verliehene Summe hereinzubekommen, ist das unser Problem. Mit den nur drei Prozent der Objekte, die nicht mehr abgeholt werden, sind wir aber dennoch das größte Auktionshaus in Italien. Wir haben also fast jeden Tag eine Auktion. Dabei haben wir festgestellt, dass viel mehr Personen mitmachen als vor Corona. Wohl deshalb, weil die Sparquote hoch ist, viele Leute kaum Geld ausgeben können und sie deshalb ihr Geld in etwas anderes investieren wollen – etwa eine schöne Uhr oder ein Schmuckstück.<BR /><BR /><b>Steht in nächster Zeit eine Filialeröffnung in Südtirol an?</b><BR />Derzeit ist in Südtirol noch nichts geplant. Aber man weiß ja nie … Vielleicht wird Bozen einmal Thema sein.