Im Interview skizziert Roland Benedikter die wichtigsten Herausforderungen für die EU und zeigt auf, welche Chancen sich für Europa ergeben. Er war Gastredner der diesjährigen Generalversammlung des Südtiroler Wirtschaftsringes am Montagabend. <BR /><BR /><b>Herr Benedikter, bei der Vollversammlung des Südtiroler Wirtschaftsringes haben Sie zum Thema „Wohin steuert Europa? Ist unsere Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr?“ gesprochen. Welche Antworten haben Sie darauf?</b><BR />Roland Benedikter: Die Europäische Union hat seit dem Ende der Pandemie im Mai 2023 in mehreren Schüben Maßnahmen getroffen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Diese Maßnahmen sollen eine neue Phase eröffnen. Die 4 Hauptpfeiler sind mehr Technologieinvestition, Entbürokratisierung, Energiepreisreduktion und Förderung der Führungsrolle in allem, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat. <BR /><BR /><b>Warum genau diese 4 Hauptpfeiler?</b><BR />Benedikter: Europa ist im Bereich neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und Chatbots zurückgefallen und hat so hohe Energiepreise und eine Regulierungsdichte wie keine andere Weltregion. Das verlangsamt uns und ist inzwischen sogar dabei, unsere schöpferischen Kräfte zu lähmen. Das muss sich ändern. Der Nachhaltigkeitsbereich ist und bleibt die große Chance, in dem die Zukunft liegt und die Möglichkeit für neue Alleinstellungsmerkmale unserer Wirtschaft. Aber auch hier gilt es neben Bildung noch stärker in Innovation und Köpfe zu investieren. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-69131591_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Dass es um Europas Wettbewerbsfähigkeit nicht gut bestellt ist, weiß man schon länger. Nicht erst seit, der ehemalige italienische Premier und Ex-Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, im Herbst seinen Bericht vorgelegt hat, in dem er klar aufgezeigt hat, was falsch läuft ...</b><BR />Benedikter: Europa hat das Problem bereits seit Anfang der 2020er Jahre erkannt. Der Draghi-Bericht 2024 war nur der offensichtlichste Ausdruck davon. Ein weiterer war der Vorschlag des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Lettas im April vergangenen Jahres, auf dem Regulierungs-Reißbrett einen 28. EU-Staat für die Wirtschaft zu schaffen, um den internen Austausch in Europa anzukurbeln und die Bürokratie zu verringern und zu vereinheitlichen. Der brandneue EU-Wettbewerbskompass vom Jänner 2025 ist ein weiterer Versuch, die Wettbewerbsfähigkeit zu messen und im internationalen Vergleich gezielt zu steigern. Er wird ab nun von einem jährlichen Bericht zur EU-Wettbewerbsfähigkeit begleitet. Auch die Fortsetzung des Europäischen „Green Deal“ mittels des aktuellen „Clean Industrial Deal“ zeigt, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftsbedürfnisse besser aufeinander abgestimmt werden sollen. Bewusstsein und Wille für Verbesserung sind also da. <BR /><BR /><b>EU-Kommissionspräsidentin Ursula Von der Leyen hat selbst gesagt: „Die Welt wartet nicht auf uns.“ Wie umsetzbar sind Pläne in einer EU, die immer Einstimmigkeit bei Abstimmungen braucht?</b><BR />Benedikter: Schnellere Entscheidungsfindung ist eine der wichtigsten Herausforderungen für das Projekt Europa insgesamt. Davon hängt ab, wie es mit Europa überhaupt weitergeht. Um die Wirtschaft anzukurbeln, benötigen wir eine Reform der europäischen Gemeinschafts-Prozesse im Hintergrund, einschließlich des politischen Apparats. Die Hoffnung ist, dass dies in den kommenden Jahren erfolgt.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-69131592_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was sind die Folgen, wenn Europa untätig bleibt? Was könnte schlimmstenfalls passieren?<BR /></b>Benedikter: Dass Europa hinter die anderen großen Mächte zurückfällt – und als Folge davon der Entwicklung der globalen Demokratie weniger helfen kann. Für eine gerechte, offene, teilhabende Welt wäre das schlecht – aber auch für Europa selbst. Europa versucht trotz der zahlreichen Krisen und Umbrüche weiterhin, technologische, ökonomische und soziale Werte auszugleichen und miteinander im Gleichgewicht zu halten – während die meisten anderen das in einer Art technologischem Zukunftsrausch ignorieren. Wer erlaubt, dass unsere Unternehmen, darunter vor allem die neuen, in andere Weltgegenden abwandern, weil dort die Bedingungen besser oder einfacher sind, der gefährdet unsere Demokratie. Denn fehlende Wettbewerbsfähigkeit sorgt mittel- bis langfristig für Verarmung, Ungleichheit und als Folge davon verstärkt für soziale Konflikte. Hier ist Südtirol in den kommenden Jahren keine Ausnahme.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-69131593_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und wie könnte die Zukunft im besten aller Fälle ausschauen? <BR /></b> Benedikter: Es gibt eine ganze Reihe positiver Visionen. Sie kommen von den wichtigsten globalen Denkfabriken. Sie alle sehen für die nächsten Jahre große Chancen. In der idealen Welt des Jahres 2030 hat Europa erstens seinen internen Markt durchlässiger gemacht und administrativ und regulatorisch geeinigt, was bislang erst unzureichend der Fall ist. In dieser idealen Welt gibt es – im Unterschied zu heute – gleiche Bedingungen für alle überall, und es ist viel einfacher, europaweit tätig zu sein. Zweitens, Europa hat in der idealen Welt der Zukunft den Innovationsgrad gesteigert, indem es seine Unternehmen befähigt, ständig viel mehr in neue Technologien zu investieren. Dazu investiert die EU 2024 bis 2027 4 Milliarden Euro allein in KI, was eine Sogwirkung erzeugen soll. Drittens: Europa hat es geschafft, seine Attraktivität durch Entbürokratisierung und niedrigere Energiepreise zu steigern, damit seine Unternehmen nicht mehr – wie bisher – 3 Mal mehr für Energie bezahlen als jene in den USA oder China und zu einem Drittel gleich nach ihrer Gründung abwandern. Europa hat, viertens, seine Arbeitsproduktivität gesteigert, wo wir bisher pro Kopf und Arbeitsstunde nur auf knapp 78 Prozent der Kaufkraftproduktion der USA kommen. Fünfter Punkt: Europa hat seine Abhängigkeiten von China und anderen Mächten in den Bereichen Rohstoffe und Produktion reduziert und für Autochtonie, Resilienz, Stabilität und Sicherheit gesorgt, was für ein Klima der Zuversicht und des Aufbruchs sorgt. Europa hat sechstens viel mehr als bisher in 360-Grad-Zukunftsforschung investiert und dazu die weltweit führenden Institutionen geschaffen, die nicht mehr nur normativ, sondern auch experimentell operieren und damit die Politikkompetenz für das Unbekannte steigern. Und Europa hat schließlich siebtens seine jungen Menschen ermutigt, stärker selbst tätig zu werden und dazu positiv zu denken, statt in Angst vor künftig möglichen Katastrophen zu erstarren. <BR /><BR /><b>Wenn diese 7 Punkte gelingen, dann ...<BR /></b>Benedikter: Dann werden sie das volle Potential Europas aktivieren, das bisher teilweise brachliegt: 450 Millionen Menschen, 23 Millionen Unternehmen, ein jährliches Bruttosozialprodukt von 17 Billionen Euro, 15 Prozent des globalen Handelsvolumens und etwa ein Sechstel des globalen Wirtschaftsaufkommens, bei nur 2 Drittel Verschuldung im Vergleich mit den USA und 8 Prozent weniger als China, und mit 78 Prozent der Menschen in Arbeit, was mehrere historische Rekorde auf einmal sind. Wenn das vereinte Europa einmal voll in Gang kommt, weil wir die Bedingungen dafür schaffen, dass sich Kreativität und Kraft voll entfalten können und auch die Potentiale der zirkulären Ökonomie genutzt werden, dann kann sich manch anderer warm anziehen.