Samstag, 25. Juli 2020

Schuler: „Die Eigenkapitaldecke muss größer werden“

Vor wenigen Monaten sprach man in Südtirol noch von Overtourism, jetzt ist die Situation so, dass man die Betten kaum füllen kann. „Diese Krise hat uns gezeigt, dass der Tourismussektor stabiler werden muss“, sagt Tourismuslandesrat Arnold Schuler. Nichtsdestotrotz habe diese Krise bewusst gemacht, wie groß der Stellenwert des Tourismus für die Entwicklung des Landes sei, so der Landesrat. Mit dem Tagblatt „Dolomiten“ sprach Tourismuslandesrat Arnold Schuler über Gegenwart und Zukunft des Sektors.

Die Coronakrise machte vor allem auch der Tourismusbranche zu schaffen.
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Die Coronakrise machte vor allem auch der Tourismusbranche zu schaffen. - Foto: © APA (Symbolbild) / GEORG HOCHMUTH
„Dolomiten“: Herr Schuler, vor einem Jahr haben wir noch über Overtourism gesprochen, nun ist die Situation die, dass man schauen muss, die Betten in Südtirol zumindest halbwegs zu füllen. Die Coronakrise hat uns gezeigt, wie fragil auch der Tourismussektor sein kann. Was sagt uns das für die Zukunft?

Arnold Schuler: Diese Krise hat uns gezeigt, dass wir etwas im System ändern müssen, um den Tourismussektor stabiler zu halten. Sowohl der gefühlte Overtourism als auch das Herunterfahren auf Null innerhalb von wenigen Wochen haben uns aufgezeigt, dass man Maßnahmen ergreifen muss.

„D“: Nämlich?

Schuler: Wir müssen schauen, die Entwicklung einzugrenzen und im Rahmen zu halten. Das Wachstum der vergangenen Jahre hat ja mittel- und langfristige Folgen, etwa in Bezug auf die Akzeptanz des Tourismus in der Bevölkerung. Vor allem der Tagestourismus hat stark zugenommen, mit all seinen Folgen, wie Verkehrsstaus und überfüllten Orten in einigen Gebieten Südtirols. Das bringt weder dem Tourismus noch dem Gast auf Dauer etwas. Wir müssen weiter in Richtung Qualitätstourismus gehen und uns noch stärker als Sehnsuchtsland positionieren. Mit Massentourismus können wir sicherlich nicht punkten.

„D“: Apropos Tagestourismus: Einige Gebiete in Südtirol würden durchaus mehr Tourismus vertragen, dann gibt es wieder sogenannte Hotspots, die überfüllt sind. Gibt es diesbezüglich ein Konzept?

Schuler: Um Staus, überfüllte Parkplätze, Warteschlangen und große Menschenansammlungen zu vermeiden brauchen wir ein modernes Besucherstrommanagement. Das heißt, dass man sich künftig online vormerken kann oder muss, um bestimmte Sehenswürdigkeiten, oder Gebiete zu besuchen.


„D“: Von welchen Gebieten und Sehenswürdigkeiten reden wir da?

Schuler: Etwa vom Pragser Wildsee. Aber auch für die Gärten von Schloss Trauttmansdorff wäre dies gut denkbar. Derzeit sind wir dabei, diese Plattform zu erstellen und zu schauen, welche Gebiete, Straßen und Sehenswürdigkeiten wir da reinpacken werden.

„D“: Sie sagen , mit Massentourismus könnten wir sicherlich nicht punkten. Momentan sind wir weit entfernt von einem Massentourismus. Was will die Landesregierung tun, um dem arg gebeutelten Tourismus in Südtirol wieder auf die Beine zu helfen?

Schuler: Die wichtigste Maßnahme war, dass wir der IDM über 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben, um in unseren wichtigsten Märkten wie Italien und Deutschland Standortmarketing zu betreiben. Zudem müssen wir schauen, mit dem Thema Sicherheit zu punkten.

„D“: Sicherheit in puncto geringe Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus meinen Sie?

Schuler: Genau. Dafür wurden die Antikörpertests beim Tourismuspersonal durchgeführt. Wir müssen unbedingt vermitteln, dass urlauben in Südtirol sicher ist. Wir haben nämlich gesehen, dass sich das Buchungsverhalten nur sehr schleppend entwickelt. Wir hatten uns eigentlich erhofft, dass mit der Öffnung der Grenzen und der Aufhebung der Reisebeschränkungen Anfang Juni das Reiseverhalten stark anziehen wird, aber leider war dem nicht so. Momentan scheint es zwar etwas besser zu werden, aber man muss schauen, wie die Situation in den kommenden Monaten weitergeht. Viel wird auch davon abhängen, wie sich die Infektionszahlen bei uns in Südtirol entwickeln, aber auch in anderen Ländern, wo es immer wieder zu neuen Infektionsherden kommt. Ich bin aber zuversichtlich, dass man solche Herde relativ schnell in den Griff bekommen würde.

„D“: Sie glauben also nicht, dass es in Südtirol eine zweite Infektionswelle geben wird?

Schuler: Im Sommer wahrscheinlich nicht, im Herbst und im Winter wird es problematischer. Aber wir haben sehr viel dazugelernt, auch in medizinischer Sicht. Daher denke ich, werden wir neue Infektionsherde, die es durchaus geben kann, schnell in den Griff bekommen. Deshalb glaube ich nicht, dass es eine zweite Welle im selben Ausmaß wie im Frühjahr geben wird.

„D“: Der Landeshauptmann hatte in einem Interview mit einem italienischen Radiosender vor mehreren Wochen angekündigt, dass die Südtirol-Urlauber einen Gratis-Coronatest bekommen. Was ist aus dieser Idee geworden?

Schuler: Wir haben gesehen, dass dieses Unterfangen sehr schwierig umzusetzen ist. Es sind einfach zu viele Anreisen, um das durchführen zu können. Also haben wir uns auf Tests bei Familienangehörigen und Mitarbeitern von touristischen Betrieben beschränkt.

„D“: Die Krise hat gezeigt, dass die Eigenkapitaldecke vieler Betriebe, vor allem auch im Tourismus, äußerst gering ist…


Schuler: Das wusste man schon vorher, dass sich viele Betriebe aufgrund der enormen Investitionen, die getätigt worden sind, auf dünnes Eis begeben haben. Aber die Zuversicht war groß, die Nächtigungszahlen im Touismus in den vergangenen Jahren waren dementsprechend, sodass man auch die notwendigen Finanzierungen von den Banken erhalten hat. Aber die Coronakrise hat uns gezeigt, dass es Ereignisse geben kann, bei denen es zu einem kurzfristigen Einbruch kommt. Und solche Ereignisse müssen die Betriebe künftig besser verkraften, die Eigenkapitaldecke muss größer werden.

„D“: Die Betriebe sollen also weniger investieren?

Schuler: Investitionen wird es auch weiterhin brauchen, aber wir müssen die Anzahl der Betten im Rahmen halten. Ein begrenztes Angebot hilft nicht nur Ressourcen zu sparen, sondern auch ein bestimmtes Preisniveau zu halten.

„D“: Herr Schuler, wo wird Südtirols Tourismus in einem Jahr stehen?

Schuler: Ich bin sehr zuversichtlich, dass es wieder schnell aufwärts gehen wird. Wir müssen aber schauen, die aktuelle Phase ohne allzu große Blessuren zu überstehen und gleichzeitig müssen wir diese Krise als Denkprozess nutzen, um den Sektor neu aufzustellen. Was uns durch diese Krise aber wieder deutlich bewusst geworden ist, ist, wie groß der Stellenwert des Tourismus für die Entwicklung des Landes ist. Das sollte man bei bestimmten Diskussionen nie vergessen.

sor