<b>Herr Tschenett, waren Sie in den Verhandlungen mit der Privatwirtschaft ähnlich kämpferisch wie zuletzt bei den öffentlichen Angestellten?</b><BR />Tschenett: Ja, das würde ich schon sagen. Der große Unterschied ist, dass bei den Tarifanpassungen im öffentlichen Dienst jeder Schritt medial begleitet wird und es um Geld aus dem Haushalt geht – dadurch entsteht viel Öffentlichkeit. Das erzeugt den Eindruck, dass es uns vorwiegend um die Anliegen der öffentlich Bediensteten geht – was ich entschieden zurückweise.<BR /><BR /><BR /><b>Also nur eine Frage der Wahrnehmung?</b><BR />Tschenett: Ich verweise gerne auf die Erfolge, die wir vor allem im letzten Jahr erzielen konnten. Wir haben in nahezu allen Branchen die territorialen Zusatzverträge auf lokaler Ebene erneuert – und es ist gelungen, in vielen Unternehmen Betriebsabkommen abzuschließen.<BR /><BR /><BR /><b>Wurde damit die Kaufkraftlücke, die in den Jahren hoher Teuerung bei vielen Südtirolerinnen und Südtirolern entstanden ist, wirklich geschlossen?</b><BR />Tschenett: Es ist gelungen, wichtige Fortschritte zu erzielen – die waren auch längst überfällig.<BR /><BR /><BR /><b>Ein weiterer Schritt war die Reduzierung der Wertschöpfungssteuer IRAP für Unternehmen, die höhere Löhne zahlen. Hat diese Maßnahme gegriffen?</b><BR />Tschenett: Ohne Zweifel war sie ein zusätzlicher Anreiz. Und sie war ein erster bedeutender Impuls.<BR /><BR /><BR /><b>Es genügt, entweder einen territorialen Zusatzvertrag oder ein Betriebsabkommen abgeschlossen zu haben. Sind die Kriterien streng genug?</b><BR />Tschenett: Wie erwähnt, es war ein erster Ansatz, auf den wir nun aufbauen können. Es gab bereits ein Gespräch mit Landeshauptmann Kompatscher über eine Nachschärfung der Kriterien fürs kommende Jahr. Ein Ziel ist es, bei den Betriebsabkommen genauer hinzuschauen und sicherzustellen, dass tatsächlich eine finanzielle Besserstellung der Mitarbeiter erreicht wurde. Das ist mit dem bisherigen Regelwerk nur unzureichend gewährleistet.<BR /><BR /><BR /><b>Welche weiteren Ansätze könnten helfen, die Kaufkraft der Südtiroler besser abzusichern?</b><BR />Tschenett: Ein Hebel könnte sein, dass wir die Praxis ändern, nicht erst mit den lokalen Kollektivverhandlungen zu beginnen, nachdem der gesamtstaatliche Vertrag erneuert wurde. Im Handel war es so, dass dadurch wertvolle Jahre verstrichen sind, in denen tausende Angestellte unter Druck geraten sind. Zugleich setzen wir auf politische Erleichterungen aus Rom…<BR /><BR /><BR /><b> Stichwort IRPEF…</b><BR />Tschenett: Korrekt, die IRPEF-Reform könnte ein zentraler Baustein werden.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-71787095_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Geplant ist, den Steuersatz für Einkommen zwischen 28.000 und 50.000 Euro von derzeit 35 auf 33 Prozent zu senken und die zweite Steuerstufe bis zu einem Einkommen von 60.000 Euro auszuweiten.</b><BR />Tschenett: Das könnte Entlastung für Teile der Mittelschicht bringen, wobei noch offen ist, wie Rom diese Reform finanzieren soll. Ebenso wünschenswert wäre, wie diskutiert, die Besteuerung des 13. Monatsgehalts zu reduzieren oder abzuschaffen. Wir begrüßen alles, was mehr Netto vom Brutto bedeutet.<BR /><BR /><BR /><b> Also abschließend noch einmal gefragt: Ist der Lohn der Südtirolerinnen und Südtiroler in der Breite verglichen mit den Lebenshaltungskosten angemessen?</b><BR />Tschenett: Nein, das ist er sicher nicht.<BR /><BR /><BR /><b>Ist er, angesichts der eher unterdurchschnittlichen Produktivität im Land, aber das Maximum, das viele Betriebe zahlen können?</b><BR />Tschenett: Es gibt immer Luft nach oben. Betonen möchte ich aber schon, dass die Hauptleidtragenden eindeutig die Rentner sind, sie mussten in den letzten 15 Jahren den größten Kaufkraftverlust hinnehmen.