Patrick Ohnewein, Leiter der Unit Digital im NOI Techpark in Bozen, über die Hintergründe der aktuellen Debatte und warum Europa seine Abhängigkeit von den US-Riesen schnellstens verringern sollte.<BR /><BR /><b>Die Facebook-Mutter Meta und ihre angebliche Drohung, Europa den Rücken kehren zu wollen, sorgte kürzlich für Aufregung. Was ist passiert?</b><BR />Patrick Ohnewein: Als börsennotiertes Unternehmen muss Meta jedes Jahr einen Bericht an die Börsenaufsicht schicken. In diesem Bericht muss das Unternehmen auf potenzielle Risiken für das Unternehmen aufmerksam machen. Dies um die Investoren ausreichend über Risiken zu informieren. Kürzlich hat Meta diesen Bericht abgegeben und darin auf das Risiko aufmerksam gemacht, dass die aktuelle Gesetzeslage in Europa hohe Risiken für das Geschäftsmodell von Facebook darstellt. <BR /><BR /><b>Worum geht es da genau?</b><BR />Ohnewein: Das Risiko ist entstanden, da im Juli 2020 im Schrems-II-Urteil vor dem Europäischen Gerichtshof bewiesen wurde, dass das Abkommen für den Datenaustausch zwischen der EU und den USA, der sogenannte EU-US-Datenschutzschild, nicht mit den Datenschutzregeln der EU, also der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), vereinbar ist. Dadurch wurde das Abkommen zwischen der EU und den USA annulliert. Für US-Unternehmen wie Meta ist dadurch eine Situation entstanden, in der laut aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen, ihre Cloud-Dienste keine klare rechtliche Grundlage mehr haben. Hinzu kommt, dass im Dezember in Österreich ein Betreiber einer Webseite vor Gericht unterlag, weil er auf seiner Webseite Google Analytics eingesetzt hatte. Laut diesem Urteil ist der Einsatz von Google Analytics nicht vereinbar mit der DSGVO. Meta will den europäischen Markt für dessen Produkte, wie Facebook, Instagram und WhatsApp nicht verlieren. Es sieht aber ein Risiko, dass diese Produkte von der EU als nicht mehr rechtskonform angesehen werden könnten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-52877531_quote" /><BR /><BR /><b>Hat sich Meta womöglich zu lange auf seinem bis dato höchst erfolgreichen Geschäftsmodell ausgeruht?</b><BR />Ohnewein: Ob dieses Geschäftsmodell, datengestützt Werbung zu verkaufen, wirklich nicht mehr funktioniert, müssen wir erst sehen. Es stimmt allerdings, dass auch Meta neue zusätzliche Modelle sucht. Beispielsweise investiert das Unternehmen in das sogenannte Metaverse, also eine virtuelle Welt.<BR /><BR /><b>Verlassen wir die Facebook-Dimension: Wer ist sonst noch betroffen?</b><BR />Ohnewein: Das Thema Datenaustausch mit Ländern außerhalb der EU ist ein globales Thema, das alle Technologieunternehmen betrifft. Neben Meta betrifft es auch Google/Alphabet, Microsoft, Apple, Amazon, wenn wir von den USA sprechen. Aber natürlich betrifft es auch Apps aus China, wie zum Beispiel TikTok.<BR /><BR /><b>Hat Europa die amerikanischen Unternehmen zu lange walten lassen und jetzt stellt man plötzlich fest, dass man in extreme Abhängigkeiten geraten ist? </b><BR />Ohnewein: Europa tut gut daran nun auch das Thema Digital als prioritär zu betrachten. Europa darf nicht ein reiner Nutzer von digitalen Technologien sein, sondern muss auch ein „Entwicklungsland“ von innovativen, digitalen Technologien werden. Vor allem um einen ethisch korrekten Einsatz von digitalen Technologien zu fördern. Die Abhängigkeit unserer Gesellschaft von digitalen Plattformen nimmt zu und daher benötigen wir nicht nur Lösungen, die technologisch und wirtschaftlich interessant sind, sie müssen auch ethische und nachhaltige Ziele verfolgen. Heute kann Europa nicht auf die Technologie aus den USA verzichten. Unser tägliches Leben würde sehr darunter leiden. Daher ist es wichtig, dass in Europa in Zukunft mehr in europäische Technologien oder zumindest auf offene Technologien gesetzt wird, um diese Abhängigkeit abzubauen.<BR /><BR /><b>Wie lässt sich die offene Datenfrage kurzfristig lösen?</b><BR />Ohnewein: Da sich Europa in einer so starken Abhängigkeit befindet, wird Europa wahrscheinlich ein neues Abkommen mit den USA vereinbaren. Dadurch haben die Technologieunternehmen aus den USA wieder einen rechtlichen Rahmen. Wichtig wäre nur, dass die EU nicht vergisst, dass wir uns mittelfristig aus dieser Abhängigkeit lösen sollten.<BR /><BR /><b>Was muss auf lange Sicht passieren, um sich von der Allmacht der Tech-Riesen zu lösen oder wird das gar nie möglich sein?</b><BR />Ohnewein: Die EU hat begonnen, in Digitalisierung zu investieren. Es wurden erste Schritte unternommen. Zum Beispiel durch Gaia-X wird in der EU eine europäische Cloud aufgebaut. Außerdem wird in die Entwicklung von KI investiert, sodass in Europa das notwendige Wissen zu diesem Thema aufgebaut wird. Nur durch die Förderung der digitalen Entwicklung in Europa, das heißt durch Investitionen in digitale Start-ups, lokale, digitale Unternehmen und entsprechende Forschungseinrichtungen können die Abhängigkeiten von den Tech-Riesen aus anderen Ländern reduziert werden.