Diese und weitere brisante Fragen haben wir mit Wolfram Sparber besprochen. Er ist Leiter des Instituts für erneuerbare Energie an der Eurac.<BR /><BR /><b>Klimaschutz war gestern. Heute ärgert man sich über hohe Benzin- und Dieselpreise und fordert Maßnahmen dagegen. Was ist da passiert? Überlassen wir dem Klimawandel den Sieg?</b><BR />Wolfram Sparber (schmunzelt): Über die Spritpreise ärgern sich nur jene, die kein Elektroauto fahren. – Aber im Ernst: Die Jugend war damals vor sieben Jahren sicher ein „Motor“, der den Klimaschutz vorangetrieben hat. Einen solchen Druck über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten, ist jedoch äußerst schwierig – das gilt für nahezu alle gesellschaftlichen Themen. Dass die anfängliche Dynamik nachlässt, war daher absehbar. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass in den vergangenen Jahren viel Positives in Richtung Energiewende angestoßen wurde. Entscheidend ist jetzt, wie konsequent und wie schnell wir die notwendigen Maßnahmen weiter umsetzen. Denn der Klimawandel schreitet tatsächlich ungebremst voran – wir nehmen seine Folgen nur zeitverzögert wahr. Das macht uns vielleicht etwas nachlässig.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-74621619_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was bedeutet „zeitverzögert“?</b><BR />Sparber: Aktuelle Studien, unter anderem von der University of California, Berkeley, zeigen, dass die CO<sub>2</sub>-Konzentra-<BR />tion in der Atmosphäre weiterhin deutlich ansteigt. Die Erderwärmung, die wir wahrnehmen, folgt diesem Anstieg jedoch verzögert, weil das Ökosystem träger reagiert. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Entwicklung stärker bemerkbar macht – etwa durch Veränderungen von Meeresströmungen wie dem Golfstrom oder das Abschmelzen der Polkappen. Umso wichtiger ist es, jetzt zu reagieren und die CO<sub>2</sub>-Emissionen zu verringern. Es gibt aber andererseits tatsächlich Indizien, dass wir in einigen Sektoren Fortschritte machen.<BR /><BR /><b>Das klingt fast optimistisch. Wo sehen Sie diese Fortschritte?<BR /></b>Sparber: Ein bemerkenswerter Trend ist, dass das Jahr 2025 vermutlich als erstes seit rund 70 Jahren in die Geschichte eingehen wird, in dem der weltweite Mehrbedarf an Strom – das waren 850 Terawattstunden – vollständig durch erneuerbare Energien gedeckt wurde. Ausgenommen sind hier nur die Krisenjahre 2008 und die Coronazeit, weil in diesen Zeiträumen viel weniger Energie verbraucht wurde. Insbesondere durch den Ausbau von Wind- und Solarenergie konnte der meiste Mehrverbrauch gedeckt werden. Die global installierte Sonnenenergie allein erzeugt inzwischen etwa so viel Strom wie ganz Europa verbraucht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309284_image" /></div> <BR /><BR /><b>Aber wenn bislang nur der Mehrverbrauch gedeckt wurde, sind wir beim Verbrauch von Gas und Öl nach wie vor am selben Stand.</b><BR />Sparber: Das ist richtig. In Europa ist der Verbrauch weitgehend konstant geblieben. Deutlich zurückgegangen – um etwa drei Viertel – ist hingegen die Nutzung von Kohle, die vor allem für die Stromproduktion verwendet wurde. Hier haben Wind, Sonne und teilweise auch andere Erneuerbare gut Fuß gefasst.<BR /><BR /><b>Stimmt es, dass der Strombedarf enorm wächst – nicht nur wegen der Elektroautos, sondern auch aufgrund der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz? <BR /></b>Sparber: Ja, dazu kommt der Wohlstand in Schwellenländern, verbunden mit dem steigenden Bedarf an Klimaanlagen. <BR /><BR /><b>Werden wir künftig überhaupt genügend Strom produzieren können?<BR /></b>Sparber: Das stellt zweifellos eine große Herausforderung dar. Langfristige Modelle für die kommenden 15 bis 25 Jahre zeigen jedoch, dass die Energiesysteme insgesamt effizienter werden und der Gesamtenergiebedarf deshalb sogar sinken wird. Das lässt sich am Beispiel des Elektroautos nachvollziehen, bei dem aus einer Einheit Strom rund 0,9 Einheiten Antriebsleistung entstehen, während ein Dieselantrieb mit derselben Einheit Diesel nur etwa 0,3 Einheiten Leistung bringt. Elektrofahrzeuge sind in diesem Sinne etwa dreimal so effizient.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309287_image" /></div> <BR /><BR /><b>Gerade beim Blick auf den Elektroautomarkt zeigt sich, dass die Zahlen in Mitteleuropa nur langsam steigen. Viele Menschen sind unsicher, ob sich die Elektromobilität tatsächlich durchsetzen wird und sich die Investition lohnt.</b><BR />Sparber: Das hat mehrere Gründe. Zum einen wird auf europäischer Ebene immer noch darüber diskutiert, ob Verbrennungsmotoren vielleicht auch nach 2035 noch zugelassen werden sollen. Zum anderen ist die Klimapolitik in manchen Ländern oft schwer nachvollziehbar. Besonders in Deutschland, das bei Förderungen und Gesetzen einen ziemlichen Zickzackkurs fährt. Dazu kommt dort die lange Tradition der Autoindustrie – das gilt auch für Italien. Aus Furcht, Arbeitsplätze zu verlieren, will man weiterhin auf Benzin- und Dieselfahrzeuge setzen. Dieses Hin und Her führt natürlich zu Unsicherheit. Wie schnell der Umstieg gelingen kann, dazu genügt ein Blick nach China. Auch wenn es nicht immer gern gehört wird, aber China zeigt gerade vor, wie die Elektromobilität und die Stromproduktion mit Fotovoltaik und Wind massiv vorangetrieben werden können. China ist derzeit der weltweite Treiber für den Ausbau von erneuerbaren Energien – mit einer klaren und konsequenten Strategie.<BR /><BR /><b>Das ist in autoritären Systemen natürlich einfacher als in Demokratien.</b><BR />Sparber: Mag sein. Doch auch in den skandinavischen Ländern sehen wir andere Entwicklungen. In Norwegen etwa sind Elektroautos bereits der Standard bei Neuzulassungen. In Finnland liegt der Anteil von Gasheizungen bei neuen Heizsystemen nur bei rund zwei Prozent, während in Italien auf eine Wärmepumpe noch immer mehrere Gasheizungen kommen. Dänemark ist längst Vorreiter in Sachen Dekarbonisierung. Dort ist Klimaschutz seit Jahrzehnten kein ideologisches Streitthema, sondern es herrscht politischer Konsens. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-74622235_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Klimaschutz sollte also fern von Parteipolitik betrieben werden?<BR /></b>Sparber: Ja. Denn wir sollten nicht vergessen: Wer sich von fossilen Energieträgern unabhängig macht, gewinnt an politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Energiesouveränität bedeutet letztlich mehr Entscheidungsfreiheit, mehr Arbeitsplätze vor Ort sowie geringere und stabilere Energiepreise. <BR /><BR /><b>Die USA setzen derzeit wieder stärker auf fossile Energien …<BR /></b>Sparber: Die USA können sich das nur leisten, weil sie selbst über große Öl- und Gasvorkommen verfügen. Diese Strategie greift aber zu kurz, denn sie wird ihnen teuer zu stehen kommen. Ein entscheidender Grund für den Erfolg erneuerbarer Energien – insbesondere der Fotovoltaik – ist nämlich ihre stark gestiegene Effizienz. Die Kosten für PV-Anlagen sind in den vergangenen 20 Jahren um rund 90 Prozent gesunken, zugleich ist ihre Installation technisch vergleichsweise einfach geworden. Ähnliche Entwicklungen sehen wir bei Batteriespeichern. Das bedeutet, dass langfristig die Erneuerbaren das Rennen gewinnen werden. Wer frühzeitig in diese Technologien investiert, stärkt deshalb auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit. <BR /><BR /><b>Ist es also nicht nur eine Frage der Politik, sondern auch der Unternehmen selbst?<BR /></b>Sparber: Ganz klar. Das zeigt sich bereits auf lokaler Ebene. Unternehmen wie Alpitronic oder Intercable profitieren von der Transformation, während klassische Autozulieferer zunehmend unter Druck geraten. Wer auf den Zug aufspringt, kommt voran. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-74622237_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Von der Politik heißt es immer „Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger mitnehmen“. Deshalb gibt es oft Rückzieher, wie das umstrittene Wärmepumpengesetz in Deutschland gezeigt hat. Geht die Veränderung der Gesellschaft vielleicht zu schnell?</b><BR />Sparber: Ich würde eher sagen, dass wir es uns als Gesellschaft oft zu einfach machen. Häufig denken wir noch zu kurzfristig und zu stark im eigenen Umfeld. Wir befürworten Windkraft – aber nicht auf „unseren“ Bergen. Wir unterstützen Pumpspeicherwerke – aber nicht im eigenen Tal. Wir wollen Fotovoltaik – aber möglichst nicht sichtbar. Mit dieser Haltung wird die Energietransformation nicht gelingen. Gleichzeitig wird oft vergessen, welche massiven Eingriffe frühere Energiesysteme verursacht haben – etwa durch Kohlekraftwerke, für die ganze Landschaften umgestaltet und Dörfer verlegt wurden. Hier braucht es ein breiteres, langfristigeres Denken.<BR /><BR /><b>Sie sprechen sich also für Windkraft und Pumpspeicherwerke in Südtirol aus?<BR /></b>Sparber: In klar definierten Zonen, in denen es sinnvoll ist, sollten wir erneuerbare Energie konsequent ausbauen. Am Brennerkamm etwa gibt es weder starken Tourismus noch viel Landwirtschaft. Dort könnten Windkraftanlagen eine sinnvolle Option sein. Oder das geplante unterirdische Pumpspeicherkraftwerk im Ultental: Die Diskussionen darüber sind oft sehr emotional. Natürlich bedeutet der Bau zunächst Eingriffe, etwa durch Bohrungen und die Installation von Turbinen. Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze und es werden hohe Ausgleichszahlungen geleistet. Nach Abschluss der Bauphase werden die Flächen renaturiert. Der entscheidende Vorteil liegt jedoch in der Funktion: Solche Anlagen können Energie über Wochen oder sogar Monate speichern – eine Fähigkeit, die Batteriespeicher derzeit nicht in diesem Umfang bieten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309290_image" /></div> <BR /><BR /><b>Ist die „Lobby“ der Energietransformation zu schwach, um die Gesellschaft von den Chancen zu überzeugen?<BR /></b>Sparber: Das spielt sicher eine Rolle. Die Vorteile hätten – auch von unserer Seite, also von involvierten Branchen und Forschungseinrichtungen – vielleicht früher und klarer kommuniziert werden müssen: mehr Unabhängigkeit von fossilen Importen, niedrigere Energiekosten, weniger Lärm im Verkehr, höherer Komfort in Gebäuden. Diese positiven Aspekte sind lange zu wenig betont worden.<BR /><BR /><b>Seit einiger Zeit wird auch wieder über Atomkraft diskutiert. Wie klimafreundlich ist diese Energieform, und könnte sie Zukunft haben?<BR /></b>Sparber: Tatsächlich könnten bestehende Kernkraftwerke sehr günstig und nahezu klimaneutral Energie produzieren. In Europa wäre es allerdings äußerst kostspielig und zeitaufwändig, neue Kraftwerke zu errichten. Die drei Reaktoren in Finnland, Großbritannien und Frankreich, die neu gebaut wurden bzw. werden, waren alle wesentlich teurer als angenommen, und die Bauzeit viel länger. Dazu kommen sehr komplexe und lange Genehmigungsprozeduren. Ich betrachte die Kernkraft deshalb kaum als bedeutende Alternative zu Erneuerbaren und Speichern, die inzwischen ja schnell, kosteneffizient und sicher gebaut werden können.<BR /><BR /><b>Fahren Sie persönlich ein Elektroauto?<BR /></b>Sparber: Ja. In der Stadt nutze ich zusätzlich ein Cargo-E-Bike, um meine Kinder zu transportieren. In unserem Kondominium konnte ich die anderen allerdings nicht von einer energetischen Sanierung mit dem 110-Prozent-Bonus überzeugen. Ein Kondominium ist halt auch nur eine „Gemeinde in Kleinformat“. Entscheidungen mit langfristigen Konsequenzen sind nicht immer einfach umzusetzen.