<b>Herr Röhl, ist Anlegen nun Kopf oder Herzenssache?</b><BR />Christian Röhl: Ich würde sagen es braucht Kopf, Herz und Bauch – von allem etwas. Geld ist grundsätzlich ein emotionales Gut. Es ist Frucht unserer Arbeit, oder wenn wir geerbt haben, die Frucht der Arbeit unserer Vorfahren. In jedem Fall ist damit Lebensenergie verbunden. Wenn nun zum Beispiel am Aktienmarkt Verluste eingefahren werden, selbst wenn dies nur am Papier der Fall ist, tendieren viele dazu, den Aufwand und die vielen Jahre des mühevoll gesparten Geldes damit in Relation zu setzen. Man sieht sofort die Frucht eines Lebens dahinschwinden. Dabei ist diese Sichtweise völlig irrational.<BR /><BR /><b>Ist das ein Grund, warum sich viele voreilig vom Aktienmarkt verabschieden, sobald das Depot ins Minus rutscht?</b><BR />Röhl: Sicherlich. Es geht darum, Entscheidungen für ein emotionales Gut möglichst rational zu treffen.<BR /><BR /><b>In Zeiten, in denen es möglich ist, das eigene Depot in Echtzeit übers Handy zu verfolgen, ist das keine leichte Aufgabe…</b><BR />Röhl: Da stimme ich zu. Daher würde ich davon auch strikt abraten, täglich zu prüfen, wieviel das eigene Investment gerade wert ist. Das verursacht nur unnötig Stress. Wir sollten aufhören, unsere Lebensfreude davon abhängig zu machen. Märkte waren immer nervös und sie werden es auch immer sein. Aber wir sollten uns davon nicht verrückt machen lassen, sondern mit kühlem Kopf bei der Sache bleiben. Aktien von Unternehmen mit intaktem Geschäftsmodell und stabilen Cashflows sind Sachwerte, das bleiben sie auch, wenn im Depotauszug ein Minus davorsteht.<BR /><BR /><b>Wieviel Zeit sollte ein gewöhnlicher Privatanleger für die Themen Geldanlage und Finanzen aufwenden?</b><BR />Röhl: Für die grundlegenden Weichenstellungen reichen auch 1 bis 2 Stunden im Quartal. Und dann ist halt die Frage, was man drumherum packt, um sich gut informiert zu fühlen über das, was mit dem Geld passiert. Da sind wir dann schnell beim generellen Thema Wirtschafts- und Finanzbildung – wo der eine lieber Bücher liest, der andere Tageszeitungen bevorzugt und der nächste lieber Podcasts hört oder Youtube-Videos von seriösen Experten konsumiert. Da ist jeder selbst in der Pflicht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-62129873_quote" /><BR /><BR /><b>Manche könnten jetzt einwenden: „Aber ich habe doch einen Bankberater, der sich um meine Geldanlagen kümmert“…</b><BR />Röhl: Es ist dringend anzuraten, mit einem Basiswissen in Finanzfragen zur Hausbank zu gehen, dann kann es eine Beratung auf Augenhöhe geben, die am Ende zu einem besseren Ergebnis für den Kunden führt. Wer überhaupt keinen Plan hat, geht grob fahrlässig vor. Zum Arzt gehen wir heute ja auch mit einer gewissen Basis-Ahnung von Gesundheit, das mag so manchem Arzt nicht passen, weil sein Bild vom Halbgott in Weiß bröckelt, aber das Ergebnis ist, dass wir aktiv mehr tun können für unsere Gesundheit.<BR /><BR /><b>Einen Rat, den jeder Bankberater erteilt, ist: „Diversifizierung ist alles“. Die Frage ist, wo fängt sie an, ab wann ist das gesunde Maß überschritten und das Depot vor lauter Diversifizierung nur noch unübersichtlich?</b><BR />Röhl: Der MSCI World ETF stellt eine solide Basis dar für Privatanleger, die passiv investieren und geringe Risiken eingehen wollen. Wie auch der FTSE All World ETF, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Mit einem einfachen Produkt kann man so das Risiko streuen, eine Diversifikation nach Regionen und Branchen erreichen. Die Renditen lagen über die letzten Jahrzehnte im Schnitt bei 8 Prozent pro Jahr – allerdings mit erheblichen Schwankungen, die man nur mit Zeit ausbügeln kann.<BR /><BR /><b>Gerade der MSCI World ETF ist letzthin verstärkt in die Kritik geraten wegen seines angeblichen Klumpenrisikos: 60 Prozent der Unternehmen im Index stammen aus den USA und die 7 größten Tech-Konzerne der Welt sind knapp 20 Prozent vertreten. Ist das nicht gefährlich?</b><BR />Röhl: Zum Thema USA kann ich nur sagen: Sehen Sie sich Microsoft, die Google-Mutter Alphabet und Apple an; alle 3 sind US-Firmen, aber sie machen die Hälfte bis 2 Drittel des Umsatzes außerhalb der Vereinigten Staaten, teils auch in den Schwellenländern.<BR /><BR /><b>Und was ist mit der Übergewichtung des Technologiesektors?</b><BR />Röhl: Ich würde nicht von einer Übergewichtung sprechen, die Dominanz der Tech-Werte spiegelt schlicht die Situation in der Realwirtschaft wider. Der größte Treiber für Veränderungen ist nach wie vor die Digitalisierung und Automatisierung bis hin zur Künstlichen Intelligenz. Überdies müssen wir davon wegkommen, die Tech-Konzerne als wolkige Wachstumstitel zu sehen: Es sind etablierte Firmen mit üppigen Cashflows – und bei Microsoft reden wir z.B. von einem Unternehmen, das seit mehr als zwei Jahrzehnten kontinuierlich steigende Dividenden ausschüttet.<BR /><BR /><b>Ein häufiger Fehler von Anlage-Anfängern ist, dass zu hohe Risiken eingegangen werden, in der Hoffnung, das Vermögen in kurzer Zeit vermehren zu können. Wie oft geht das gut?</b><BR />Röhl: Fast nie. Viel eher ist der Versuch, schnell reich zu werden, ein ziemlich sicherer Weg, sein Geld zu verlieren. Gern gehen Anleger dabei von falschen Annahmen aus, sie überschätzen sich oft maßlos. Es wird in Einzeltitel investiert von Betrieben, die unter Umständen mit ihren Produkten irgendwann erfolgreich sein könnten, oder in Branchen, die möglicherweise übermorgen groß rauskommen. Das ist reines Gezocke, von dem jeder, der an einem ernsthaften Vermögensaufbau interessiert ist, die Finger lassen sollte. Geldanlage ist eben auch mit Geduld verbunden. Niemand sollte meinen, dass er schlauer ist als alle anderen. Das ist nämlich nur in den allerseltensten Fällen so.<BR /><BR /><b>Ist ein Vermögensaufbau ganz ohne Aktien möglich?</b><BR />Röhl: Nein, rein zinsbasiert über Anleihen und andere Produkte, ist das auf die lange Sicht unmöglich. Der Blick in die Vergangenheit zeigt das ganz klar. Wer in Aktien investiert, partizipiert gleich doppelt: In Form einer Gewinnausschüttung und durch das Wachstum des Unternehmens. Ein weiterer Faktor spielt mit.<BR /><BR /><b>Der da wäre?</b><BR />Röhl: Als normaler Bürger bin ich in der misslichen Lage, dass ich in den letzten Jahren einen starken Kaufkraftverlust erleiden musste. Indem ich in solide Unternehmen investiere, die in der Lage sind, Preissteigerungen weiterzugeben, kann ich die Verluste zumindest teilweise wieder ausgleichen. Das geht mit Festzins-Anlagen nicht.<BR /><BR /><b>Kommen wir noch zum obligatorischen Blick in die Glaskugel: Wie werden die nächsten Monate an den Börsen?</b><BR />Röhl: Sicher nicht ruhiger als die letzten Monate. Wobei es an den Märkten nie ruhig ist. <BR /><BR /><b>Etwas konkreter?</b><BR />Röhl: Ich gehe davon aus, dass die Volatilität hoch bleiben wird, auch weil noch keineswegs klar ist, wie schmerzhaft die Anpassung der Realwirtschaft und auch der öffentlichen Haushalte an die höheren Zinsen wird – nach einem Jahrzehnt der Niedrig-, Null- und teilweise sogar Negativ-Zins-Anomalie haben sich einige Firmen, vor allem aber die Staaten an das kostenlose Leben auf Pump gewöhnt, an „Schulden ohne Sühne“, wie der Wirtschaftsjournalist Holger Zschäpitz das mal genannt hat. <BR /><BR /><b>Ist zu befürchten, dass Europa wirtschaftlich weiter an Boden verliert gegenüber den USA?</b><BR />Röhl: Die USA haben sicherlich gewaltige soziale Probleme und die politische Freakshow ist entsetzlich. Aber die Wirtschaft ist robust, der Arbeitsmarkt hält, die Standort-Strategie kraftvoll. Das sehen wir in Europa so nicht. Dazu ist es in diesem Zinsumfeld im Gegensatz zu früher nicht mehr so leicht möglich, alle Probleme mit Geld zuzuschütten. <BR /><BR /><b>Welche Schwachstellen sehen Sie in Europa?</b><BR />Röhl: Sie sind vor allem struktureller Natur. Ein großes Problem ist aus meiner Sicht, dass Europa in einer Identitätskrise steckt. Es ist nicht klar, was Europa will. Es gibt eine gemeinsame Währung, viele EU-Normen, aber keine einheitlichen Steuer- und Sozialsysteme. Zudem ist Europa institutionell schwerfällig und uneins, auch und gerade in geopolitischen Fragen. Die USA hingegen sind ein homogener Markt mit über 330 Millionen Verbrauchern und schon deshalb ein idealer Nährboden für Innovation und Wachstum. Meine Befürchtung ist, dass die nächsten Jahre für Europa sehr herausfordernd werden können. Dem „America First“, das Joe Biden nicht so polternd, aber dafür wirtschaftlich noch konsequenter umsetzt als Donald Trump, haben wir wenig entgegenzusetzen.