Mittwoch, 04. September 2019

So viel kostet ein Kind

Wird in einem Südtiroler Haushalt ein Kind geboren, so gibt die Familie durchschnittlich für Unterhalt und Erziehung 484 Euro pro Monat mehr aus, um denselben Lebensstandard wie ohne Kind beizubehalten. Bis zur Volljährigkeit des geliebten Sprösslings entstehen so für die Eltern Gesamtkosten von etwa 105.000 Euro pro Kind. Zu dieser Schätzung kommt das Landesinstitut für Statistik - ASTAT durch die Anwendung der in einigen Studien verwendeten Methoden auf die Daten zum Konsumniveau in Südtirol.

Kinder sind eine Bereicherung, auch wenn man für sie bis zur Volljährigkeit durchschnittlich über 100.000 Euro ausgeben muss.
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Kinder sind eine Bereicherung, auch wenn man für sie bis zur Volljährigkeit durchschnittlich über 100.000 Euro ausgeben muss. - Foto: © shutterstock

Kinder zu haben ist zweifellos eine emotionale Entscheidung. Um sie groß zu ziehen kommen auf die Familien bedeutende Summen für Lebensmittel, Kleidung, Unterkunft, Gesundheit und Erziehung (Sozialisierung, Ausbildung usw.) Die geschätzten Kosten könnten auch als Grundlage für öffentliche Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate herangezogen werden.

Studie berücksichtigt nur direkten Kosten

Die Kosten für den Unterhalt und die Erziehung eines Kindes lassen sich in direkte und indirekte Kosten unterteilen. Unter direkten Kosten versteht man die Konsumausgaben des Haushalts für die Kinder. Die indirekten Kosten hängen mit der Zeit zusammen, welche die Eltern mit ihren Kindern verbringen. Diese können sich entweder in einer Verringerung des Einkommens oder in zusätzlicher, nicht vergüteter Hausarbeit niederschlagen. Die vorliegende Analyse betrachtet ausschließlich die direkten Kosten für ein Kind. Will man diese auch nur annähernd schätzen, ist eine komplexe Berechnung nötig. Die Geburt eines Kindes zieht eine Reihe von Veränderungen bei der Zusammensetzung der Konsumausgaben eines Haushalts (Lebensmittel, Wohnung, Freizeit usw.) nach sich. Zu diesem Zweck werden in den einzelnen Ausgabenkapiteln Schätzungen für Nachfragekurven erstellt, die von den Merkmalen des Haushalts und von der Höhe des Einkommens abhängen. Schließlich ergibt sich daraus ein Umwandlungskoeffizient, der angibt, wie viel mehr ein Haushalt mit Kindern (1, 2, 3 Kinder) zusätzlich ausgeben muss, um denselben Lebensstandard wie ein Haushalt ohne Kinder beizubehalten.

Knapp 500 Euro monatlich allein für die direkten Kosten für ein Kind in Südtirol

Die obgenannten Schätzungen erfolgen mittels Regression, um die verschiedenen soziodemografischen Merkmale zu berücksichtigen, und benötigen eine große Menge an Daten, welche die „Ausgabenerhebung“ in Südtirol (siehe Anmerkungen am Ende dieses Textes) nicht hat. Solche und auch viel umfangreichere Untersuchungen, bei denen zudem die Haushaltstypen der Alleinerziehenden berücksichtigt wurden, wurden vor einigen Jahren in der Schweiz und in Österreich durchgeführt. Sie basierten auf Zehntausenden Datensätzen. Diese Ergebnisse konnten für Südtirol übernommen werden. 

Die durchschnittlichen Monatsausgaben eines Paares unter 65 Jahren ohne Kinder betragen in Südtirol 3.455 Euro (etwa 900 Euro davon entfallen auf die fiktiven Mieten; das bedeutet, dass die „sichtbaren“ monatlichen Ausgaben etwa 2.500 Euro pro Paar betragen). Multipliziert man 3.455 Euro mit dem Koeffizient 0,14 der herangezogenen österreichischen Skala für die zusätzlichen Kosten für das erste Kind, ergeben sich 484 Euro: Soviel muss also ein Südtiroler Haushalt mehr ausgeben, um mit einem Kind denselben Lebensstandard wie vorher beizubehalten (erstes Kind, aber mit Einschränkungen auch auf die weiteren Kinder anwendbar). Paare mit einem Kind geben tatsächlich „nur“ 181 Euro mehr aus: Daraus folgt, dass sich die übrigen 303 Euro in Form von „Verzicht“ bei einigen Ausgabenposten niederschlagen (üblicherweise sinken zum Beispiel die Ausgaben für Freizeit und Veranstaltungen).

Im Alter von 18 Jahren übersteigen die Gesamtkosten für ein Kind 100.000 Euro

Bei der Berechnung der Gesamtkosten für die Kindererziehung muss definiert werden, über welchen Zeitraum das Kind zu Lasten lebt. Dieser Zeitraum nimmt zu, da die Jugendlichen immer später ihre, vor allem wirtschaftliche, Unabhängigkeit erreichen. Werden jedoch die „klassischen“ 18 Jahre herangezogen (was sicher zu niedrig geschätzt ist), ergibt sich ein Gesamtbetrag von etwa 105.000 Euro (484 Euro mal 12 Monate mal 18 Jahre). Dabei werden die indirekten Kosten nicht berücksichtigt. Bedenkt man auch nur die Einkommensverluste, so zeigen sich die indirekten Kosten in einer Reihe von langfristigen Folgen auf die Karrierechancen, insbesondere der Frauen: Verschlechterung der Position auf dem Arbeitsmarkt, geringere Berufserfahrung, weniger Karrierechancen. Diese Einkommensunterschiede wirken sich schlussendlich auch auf die Renten aus.

stol

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