Südtirol braucht seiner Ansicht nach deutlich mehr Baurechte und neue Wohnbauzonen, um die Wohnungsfrage in den Griff zu bekommen. „Wir werden den Bedarf an neuen Wohnungen nicht alleine durch Bauen im Bestand decken können“, sagte Präsident Christian Egartner bei der Jahresvollversammlung des Baukollegiums gestern.<BR /><BR />Damit rückte Egartner ein Thema in den Mittelpunkt, das zunehmend auch für die Wirtschaft zum Standortfaktor wird: leistbares Wohnen. Der Tenor seiner Rede: Ohne mehr Angebot werde es weder gelingen, die Preise zu bremsen noch junge Menschen und Fachkräfte im Land zu halten.<h3> Fast 19.000 zusätzliche Wohnungen</h3>Grundlage der Forderung sind Prognosen des Landesstatistikamtes Astat. Demnach soll die Zahl der Haushalte in Südtirol bis 2038 von derzeit rund 238.000 auf mehr als 256.000 steigen. Daraus ergibt sich laut Egartner ein Bedarf von 18.786 zusätzlichen Wohnungen innerhalb von zwölf Jahren.<BR /><BR />„Diesen Bedarf müssen wir durch die Ausweisung neuer Baurechte decken“, sagte Egartner. Zwar sei es „richtig und wichtig“, bestehende Gebäude besser zu nutzen und Leerstände zu aktivieren. Allein dadurch lasse sich die Nachfrage aber nicht bewältigen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74631700_quote" /><BR /><BR />Besonders deutlich wurde der Präsident bei der Frage, wie viel zusätzliche Fläche dafür tatsächlich notwendig wäre. Laut Berechnungen des Baukollegiums würden rund 400 Hektar neue Wohnbauzonen genügen, um den zusätzlichen Wohnungsbedarf bis 2038 zu decken. Das entspreche lediglich 0,054 Prozent der gesamten Landesfläche Südtirols. Egartner sprach deshalb von einer oft verzerrten Debatte über Bodenverbrauch. „Mit lediglich 400 Hektar neuen Wohnbauzonen, verteilt auf ganz Südtirol, könnten wir dieses Problem lösen“, sagte er.<h3> Egartner fordert mehr Tempo</h3>Der Präsident warnte davor, die Wohnbaufrage zu unterschätzen. Laut einer Antwort auf eine Landtagsanfrage seien in den vergangenen drei Jahren in 77 Gemeinden lediglich 16 Hektar neue Wohnbauzonen ausgewiesen worden – genug für rund 720 Wohnungen.<BR /><BR />„Bis 2038 brauchen wir fast 19.000 neue Wohnungen“, betonte Egartner. „Würden wir mit dem derzeitigen Tempo weitermachen, würden wir diese Anzahl erst 2052 erreichen.“ Der Ernst der Lage scheine „noch nicht verstanden worden zu sein“.<h3> Kritik an restriktiven Siedlungsgrenzen</h3>Kritik übte das Baukollegium an zu engen Siedlungsgrenzen und langsamen Verfahren bei den Gemeindeentwicklungsprogrammen. Acht Jahre nach Inkrafttreten der entsprechenden gesetzlichen Regelung hätten erst zehn von 116 Gemeinden ein genehmigtes Gemeindeentwicklungsprogramm.<BR /><BR />„Ohne Gemeindeentwicklungsplan ist Entwicklung zwar nicht unmöglich, allerdings eingeschränkt“, sagte Egartner. Er appellierte an die Gemeinden, bei der Planung „die Siedlungsgrenzen nicht zu eng zu ziehen“. Es müsse nicht alles sofort verbaut werden, entscheidend sei aber, Entwicklungsmöglichkeiten offen zu halten.<BR /><BR />Mehr verfügbare Bauflächen könnten aus Sicht des Baukollegiums zudem den Preisdruck reduzieren. „Mehr Siedlungsmöglichkeiten können auch zu geringeren Grundstückspreisen beitragen, da die Konkurrenz zwischen den Grundbesitzern steigt“, so Egartner.<h3> Sorge um Rohstoffe uns steigende Baukosten</h3>Neben der Wohnbaupolitik thematisierte Egartner auch die Folgen der internationalen Krisen für die Bauwirtschaft. Die Unsicherheit nehme zu, Investitionen würden zurückgestellt. Gleichzeitig würden die Materialpreise stark ansteigen.<BR /><BR />Besonders betroffen sei derzeit Bitumen für Asphaltierungsarbeiten. Laut Egartner seien die Preise dafür um 50 Prozent gestiegen, wodurch Straßenarbeiten heute um rund ein Viertel mehr kosten würden als noch vor wenigen Wochen. Auch Eisen und Stahl hätten sich verteuert.<BR /><BR />Zugleich warnte er vor Problemen bei der Versorgung mit mineralischen Rohstoffen wie Sand, Schotter und Steinen. Südtirol benötige jährlich rund sechs Millionen Tonnen davon. Wenn keine neuen Gruben und Steinbrüche erschlossen würden, sei das derzeit genehmigte Material laut Baukollegium bereits in zweieinhalb Jahren aufgebraucht.<h3> Richtpreise unter Druck</h3>Schließlich thematisierte Egartner auch die Situation bei den öffentlichen Ausschreibungen. Die starken Preisschwankungen machten die Teilnahme für Unternehmen zunehmend riskant.<BR /><BR />Positiv bewertete er die Einführung des Preisrevisionsmechanismus im gesamtstaatlichen Vergabegesetz. Dieser ermöglicht es, Preise bei starken Marktbewegungen nach oben oder unten anzupassen. Die dafür nötigen Preisindizes seien nun endlich veröffentlicht worden. Allerdings gelte die Regelung nur für Ausschreibungen ab dem 28. April 2026. Für bereits laufende Verfahren brauche es ebenfalls faire Lösungen. <BR /><BR />Kritik gab es zudem an der geplanten Rückführung des Landesrichtpreisverzeichnisses in die Landesverwaltung. Das Verzeichnis sei ein zentrales Instrument für öffentliche Ausschreibungen und dürfe nicht ohne Einbindung der Betroffenen verändert werden, so Egartner.