Mittwoch, 15. Juli 2020

Staatsbank soll in Italien Mehrheit an Autobahnbetreiber übernehmen

Im Streit um die Konzession für den größten Autobahnbetreiber Italiens ist eine Lösung in Sicht. Der Mehrheitseigentümer von Autostrade per l'Italia, (ASPI), die Infrastruktur-Holding Atlantia, erklärte in der Nacht zum Mittwoch die Bereitschaft zum Rückzug und beugte sich damit dem Druck der Regierung, die mit dem Entzug der Maut-Konzession gedroht hatte.

Im Streit um die Konzession für den größten Autobahnbetreiber Italiens ist eine Lösung in Sicht.
Im Streit um die Konzession für den größten Autobahnbetreiber Italiens ist eine Lösung in Sicht. - Foto: © Erika Gamper
Die Mehrheit an ASPI soll nach dem Vorschlag die Staatsbank CDP übernehmen, wie die Regierung von Ministerpräsident Giuseppe Conte am Mittwoch nach einer sechsstündigen Nachtsitzung des Kabinetts mitteilte. Einem Insider zufolge sollen die Minister für Verkehr und Wirtschaft nun die Details aushandeln. An ASPI ist auch der deutsche Versicherungsriese Allianz beteiligt.

Auslöser des seit 2 Jahren schwelenden Streits um die lukrative Lizenz für ASPI war der Einsturz einer Autobahnbrücke bei Genua, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen. Die Regierung warf dem Autobahnbetreiber Versäumnisse bei der Instandhaltung des 3000 Kilometer langen Mautstraßennetzes vor und gab ihm eine Mitschuld an dem Unglück.

Benetton ist der Koalition ein Dorn im Auge


Ein Dorn im Auge ist der Koalition des parteilosen Ministerpräsidenten Conte dabei vor allem die Beteiligung der Milliardärsfamilie Benetton, die mit 30 Prozent größter Aktionär von Atlantia ist. Gemäßigte Mitglieder der Regierung hatten bei einem Entzug der noch bis 2038 laufenden Maut-Konzession vor milliardenschweren Schadenersatz-Forderungen des Betreibers an den Staat gewarnt.

Nach dem Vorschlag von ASPI und Atlantia soll die Staatsbank Cassa Depositi e Prestiti (CDP) über eine Kapitalerhöhung zunächst mit 51 Prozent bei ASPI einsteigen. Der Mautbetreiber soll nach Angaben der Regierung dann an die Börse gebracht werden. Die Benettons würden dann allenfalls noch einen kleinen Anteil an ASPI halten.

Alternativ bietet Atlantia an, seine gesamte Beteiligung sofort an die CDP und institutionelle Investoren zu verkaufen. Zudem sei ASPI bereit, 3,4 Milliarden Euro Entschädigung zu bezahlen, Abstriche bei den Mauttarifen zu machen und auf Rechtsmittel zu verzichten.

Konzessionsentzug steht weiter im Raum

„Das Unternehmen hat zugesagt, viel Geld in das Autobahnnetz und dessen Erhaltung zu investieren“, erklärte die Regierung. Bis zu einer Einigung stehe der Konzessionsentzug aber weiter im Raum. „Benetton hat die Forderungen der Regierung akzeptiert“, sagte ein Minister, der nicht genannt werden wollte. „Nun geht es um die Einzelheiten.“

Bei einem Entzug der Konzession hätte dem Autobahnbetreiber die Pleite gedroht. Ohne die Mautgebühren hätte Autostrade die milliardenschweren Anleihen nicht mehr bedienen können, über die sich das Unternehmen hauptsächlich finanziert. Atlantia-Aktien, die unter dem Eindruck der Drohungen Contes abgestürzt waren, sprangen am Mittwoch um mehr als 21 Prozent nach oben.

Welche Folgen die Teilverstaatlichung für die Allianz hat, ist offen. Der Versicherer hatte sich als Kapitalanlage knapp ein Jahr vor dem Unglück als Teil eines Konsortiums mit gut 600 Millionen Euro an ASPI beteiligt; zusammen mit der französischen EdF und dem niederländischen Fonds DIF hält die Allianz knapp sieben Prozent.

Rund 200 Millionen Euro hat sie nach dem Brückeneinsturz bereits abgeschrieben. Weitere 5 Prozent an ASPI liegen beim chinesischen Staatsfonds Silk Road. Ob für die Allianz nach dem Rückzug von Atlantia auch eine Aufstockung des Anteils in Frage käme, wollte eine Sprecherin nicht sagen.

apa/reuters

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