<BR /><BR /><b>Herr Benedikter, spätestens seit der Coronakrise ist nichts mehr so wie es war: Ständig neue Krisen – Ukrainekrieg, Energiekrise, Nahostkonflikt. Dazu die Herausforderungen durch Klimawandel und Digitalisierung, obendrein noch der ständige Personalmangel, der der Wirtschaft das Wirtschaften schwer macht – und irgendwie scheint es auch keine echten Lösungsstrategien für die Probleme der Welt zu geben. Täuscht der Eindruck? </b><BR />Roland Benedikter: Nein. Wir leben zurzeit in einem Schwellenzustand. In der Wissenschaft spricht man von Liminalität. Gemeint ist eine Phase, wo das Alte bereits verlassen wurde, das Neue aber noch nicht feststeht. Man schwebt im Dazwischen. Diese schwer zu fassende Übergangsstimmung herrscht heute in vielen Bereichen gleichzeitig vor, so wie vorher nur selten: ökonomisch, politisch, kulturell, religiös-spirituell, technologisch und demographisch. Praktisch alle Gesellschaftsbereiche sind im Fluss. Wobei Technologie, also das Intelligentwerden der Maschinen, und Demographie, also Alterungspyramide und Gesellschaftszusammensetzung, derzeit wohl die beiden wichtigsten Veränderungstreiber sind. Ihr Einfluss ist stärker als der der anderen Gesellschaftssektoren. Manche nennen unsere Zeit das Zeitalter der Unsicherheit; andere das Zeitalter der Beschleunigung. Beides ist gleichzeitig der Fall. Mit unsicherer Beschleunigung und beschleunigter Unsicherheit umzugehen, ist die Herausforderung.<BR /><BR /><b>Wir befinden uns also in einer Übergangsphase – und wohin führt uns die?</b><BR />Benedikter: Sicher ist nur eines: Der heutige Zustand des Globus ist das Dazwischen – das sagen uns die Vereinten Nationen, die OECD, die UNESCO. Von 1990 bis 2015 hatten wir 25 Jahre „glückliche Globalisierung“, die geprägt waren von einer liberalen Welt- und Wirtschaftsordnung. Die gibt es aber spätestens seit der Pandemie und dem Ukraine-Krieg nicht mehr – trotz manch weiterwirkender Illusion. Wir haben aber auch noch keine Aussicht auf eine klare neue Welt. Viele erwarten, dass sie „multipolarer“ sein wird: dass mehr Akteure, Systeme und Ideologien mitreden werden. Das gilt für Wirtschaft, Gesellschaft, Zivilisation. Darauf gilt es sich einzustellen.<BR /><BR /><b>Stichwort Ideologien: Vor allem scheint es einen immer stärkeren Machtkampf zwischen dem Westen und dem Osten zu geben …</b><BR />Benedikter: Das sehen wir so in den Nachrichten, und es hat seine Gründe. Die wirtschaftliche Globalisierung und die liberale politische Weltordnung wurden beide seit 75 Jahren vom Westen erdacht und durchgesetzt. Sie werden inzwischen durch „illiberale Zwillinge“ begleitet. Im Klartext: Die westlichen Demokratien stehen einem neuen Block von Nicht- und Anti-Demokratien von Chinas, Russlands, Irans und Nordkoreas Gnaden gegenüber. Diese autoritären Systeme arbeiten immer stärker zusammen – mit dem Ziel, ihre eigene Wirtschafts- und Weltordnung parallel zur westlichen zu errichten. Beide Blöcke – Demokratien gegen Nicht-Demokratien – konkurrieren auch mit unterschiedlichen Vorstellungen von guter Gesellschaft und guten Lebens. Dieser Systemkampf wird die nächsten Jahrzehnte bestimmen. Wie er sich entwickelt und in welche Zukünfte wir hineingehen, gilt es auch für uns besser zu erkunden. <BR /><BR /><b>Welche Szenarien sind denkbar?</b><BR />Benedikter: Es kann auf Dreierlei hinauslaufen: direkte Konfrontation, selektive Kooperation oder 2 parallele Systeme, die sich ignorieren und Einflusssphären aufteilen. Welches Szenario auch kommt, wir müssen uns in ihm positionieren, ob wir wollen oder nicht.<BR /><b><BR />Wenn Sie direkte Konfrontation sagen, meinen Sie dann einen Dritten Weltkrieg?</b><BR />Benedikter: Nein. Eine direkte Konfrontation kann – wie im Fall des Ukrainekrieges oder der zahlreichen Mikrokonflikte in Afrika – zwar teilweise mit Waffen geführt werden, muss aber nicht. Wenn von direkter Konfrontation die Rede ist, dann geht es darum, dass man nicht mehr Wettbewerber ist, sondern sich schon eine Eskalationsstufe weiter befindet: in einem Interessenskonflikt, wo es hart auf hart geht. Ein aktuelles Beispiel ist die Landnahme in der Arktis, die wegen ihrer Rohstoffe bedeutend ist, und wo Gebiete, die noch nicht zugewiesen wurden, vereinnahmt werden, etwa von Russland. Ein anderes – sehr wichtiges – Beispiel ist die Weltraumökonomie, weil der Import von Ressourcen aus dem Weltraum in den nächsten 30 Jahren immer wichtiger werden wird. Wirtschaftsentwicklung und Ausgang des Ukrainekriegs werden eine Rolle in der Beantwortung der Frage spielen, wohin sich diese Interessenskonflikte bewegen. <BR /><b><BR />Inwiefern muss sich die Wirtschaft in dieser Lage positionieren?</b><BR />Benedikter: Viele glauben, dass demokratische Wirtschaftsakteure in den kommenden Jahren eher mit Unternehmen und Staaten zusammenarbeiten werden, die ein ähnliches System wie sie haben – also Demokratien mit Demokratien und viel weniger als bisher mit autokratischen Staaten. Wir nennen das selektive Globalisierung. Die Wirtschaft wird sich im Hinblick auf diese Entwicklung ihre Ausrichtung überlegen müssen: China, Russland, Iran und andere autokratische Länder könnten als Märkte für uns eher an Bedeutung abnehmen. Das würde die Wirtschaftswelt eher kleiner machen, dafür aber auch unkomplizierter.<BR /><BR /><b> Sie sagen, in der heutigen Übergangsphase ist die Technologie neben der demografischen Entwicklung eine der 2 stärksten Veränderungskräfte …</b><BR />Benedikter: Ja. Am Schnittpunkt zwischen Technologie und Gesellschaft findet jetzt vieles statt – vielleicht mehr als zuvor mit dieser Tragweite. Man denke nur an den Aufstieg Künstlicher Intelligenz und Chatbots, was eine regelrechte Revolution ist, die wir so erst seit 2 Jahren haben. Auch für die Zukunft der Demokratie in einer Welt der 2 Systeme – Demokratien gegen Autokratien – spielt die Technologie eine zentrale Rolle. Technologisch kommt jetzt vieles zusammen, was sich gegenseitig beeinflusst.<BR /><BR /><b>Wie meinen Sie das: Inwiefern spielt die Technologie eine Rolle für die Zukunft der Demokratie? Weil Facebook-, Instagram- und Tiktok-Algorithmen beeinflussen können, welche Inhalte die Menschen sehen und sie so manipulieren können – auch im Hinblick auf ihr Wahlverhalten? </b><BR />Benedikter: Ja, aber nicht nur. Algorithmen spielen sicher eine Rolle in der Beeinflussung von Wahlen durch gegnerische Mächte, etwa in den USA durch Russland und China. Da reden wir von Manipulation. Aber es gibt auch einen weiteren, noch wichtigeren Punkt: Algorithmen – so sagen viele Demokratie-Theoretiker – arbeiten grundsätzlich gegen die Demokratie. Warum? Weil Algorithmen dazu da sind, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Informationen zu integrieren und Wahrscheinlichkeiten zu errechnen. Damit überwinden sie den demokratischen Entscheidungsprozess. Denn vor einer Entscheidung die verschiedenen Meinungen anzuhören, braucht ja Zeit. Wenn aber die KI vor einer Entscheidung auf den Prozentpunkt genau schon errechnet hat, welche Lösung die bessere ist, dann braucht man, so sagt es uns etwa das diktatorische chinesische Regime, nicht länger zu diskutieren. Wenn die Wahrscheinlichkeitsrechnung ergeben hat, dass zum Beispiel zu 78 Prozent Bäume in einem Wald besser wachsen, wenn man andere fällt, dann muss man nicht mehr darüber diskutieren, ob das Abholzen richtig ist oder nicht. In China und Russland gibt es deshalb heute schon Theorien, die sagen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Demokratien untergehen, weil die Künstliche Intelligenz viele Diskussionen überflüssig machen wird – und sich damit die politischen Systeme ändern. <BR /><b><BR />Mit anderen Worten: Eine Wahrscheinlichkeitsrechnung könnte die gesellschaftliche bzw. politische Diskussion ersetzen, weil sie schneller ist?</b><BR />Benedikter: Ja, so möchten es die Autoritären in der Welt. Sie behaupten: Demokratien sind in der Welt der Algorithmen zu langsam. Ich würde das bestreiten, denn es geht auch um die Qualität von Entscheidungen – und um die Einbeziehung der Menschen. Wir müssen die Menschen bei wichtigen Entscheidungen mitnehmen, die Diktatoren tun das nicht. Wir müssen daher in der Auseinandersetzung um das richtige System – demokratisch oder autoritär – auch die Rolle der Künstlichen Intelligenz berücksichtigen. Oder anders ausgedrückt: Wir haben die richtige Form des Einsatzes von KI für die Demokratie noch nicht gefunden. Die werden wir aber noch dringend finden müssen. <BR /><BR /><b>Stehen wir an einem historischen Kipp-Punkt?</b><BR />Bendikter: So nennen heute manche unsere Zeit. Ich finde das zu dramatisch. Andere nennen sie die Zeit der Revolutionen, was mir zu ideologieverdächtig klingt. Andere wiederum nennen sie einfach Krisenphase. Darin liegt wiederum die Gefahr, Veränderung als bloße Systemstörung abzustempeln, die zugunsten von Stabilität überwunden werden muss. So wird es aber nicht laufen. Wir sollten eher versuchen, das Neue zu umarmen, statt es auf das Alte zu reduzieren. Dazu müssen wir uns dort mit dem Neuen anfreunden, wo es jetzt schon geht. <BR /><BR /><b>Wo geht es zum Beispiel?</b><BR />Benedikter: Man denke an die Blockchain-Technologie, um Daten dezentral zu verwalten. Das könnte auch in Südtirol eine Möglichkeit sein, um die öffentliche Verwaltung zu entlasten. Ein weiteres Thema kann die Mensch-Maschine-Konvergenz sein, wo man Menschen und Maschinen direkter als bisher verbindet, um Arbeit zu erleichtern, etwa durch Exoskelette oder im medizinischen Bereich, wo es neue Möglichkeiten der Diagnostik gibt. Da sind wir in Südtirol schon gut aufgestellt – zum Beispiel mit einem eigenen Bereich an der Uni Bozen, der sich mit Mensch-Maschine-Zusammenarbeit beschäftigt. Hier kann Südtirol mit Zuversicht weitermachen. Es war mit Blick auf die „Freundschaft mit der Zukunft“ wirklich eine sehr gute Idee, den NOI Techpark zu gründen. <BR /><BR /><b><BR />Gilt das Prinzip der „Neuerungsfreundlichkeit“ auch für andere für Südtirol wichtige Bereiche – etwa den Tourismus? </b><BR />Benedikter: Aus meiner Sicht ja. Wenn man jetzt sieht, dass es auf Mallorca und den Kanaren Massendemonstrationen gegen den Übertourismus gibt, dann kann man sich fragen, wie lange es noch dauern wird, bis es auch bei uns so weit kommt. Wir können uns anschauen, wie andere Regionen auf Probleme reagieren, welche Maßnahmen sie setzen, und wir können diese dann frühzeitig für uns adaptieren. Genau das ist es, was wir mit „Glokalisierung“ meinen und an der Eurac systematisch tun: globale Entwicklungen sehen und für uns anpassen, bevor sie ein dramatisches Ausmaß erreichen. <BR /><BR /><b> Versuchen wir einen Ausblick auf die Zeit nach dieser Übergangsphase. Wenn Veränderung so schnell weitergeht wie in den vergangenen 10 Jahren, was wird dann erst 2034 – in 10 Jahren – sein?</b><BR />Benedikter: Die Welt wird wohl erneut eine andere sein. Wir können aber nicht genau wissen, welche, denn die Zukunft existiert nicht. Eben deshalb sollten wir trotz aller Krisen künftig weniger anstreben, Systemstörungen zu vermeiden, sondern vielmehr Anreize für eine gute Transformation setzen. <BR /><BR /><b>Sie sagen, die 2 wichtigsten Schlagworte, um gegen neuen Krisen gewappnet zu sein, sind jetzt Nachhaltigkeit und Resilienz.</b><BR />Benedikter: Ja, vor allem in Kombination: Es geht heute um eine „resiliente Nachhaltigkeit“ oder eine „nachhaltige Resilienz“. Hier ist Südtirol bereits stark aufgestellt. Einerseits sind wir in puncto Nachhaltigkeit ein Vorbild, weil wir seit Juli 2021 die Nachhaltigkeitsstrategie als Dachstrategie des Landes haben. Das war eine sehr mutige Entscheidung, die mit vielen Herausforderungen verbunden ist. Südtirol hat damit das Thema so stark besetzt wie kaum eine andere Region in Europa. Andererseits ist Südtirol resilient dank seines Ehrenamtes und der breiten, kapillaren Beteiligung der Bevölkerung im Einsatz für das öffentliche Gut, die bis zu einem gewissen Grad fast einmalig ist in Europa. Das Zusammenwirken beider Aspekte ist entscheidend. Darauf können wir bauen. Dazu könnten wir als dritten Punkt noch Zukunftsforschung und Antizipationsstrategien weiter stärken. Denn je besser wir vorwegnehmen können, desto resilienter werden wir, um uns nachhaltig gegen mögliche neue Krisen zu wappnen.