<b>Nach der Eskalation in Israel und dem gefundenen Pipeline-Leck zwischen Finnland und Estland haben die Märkte sofort reagiert. In nur 3 Tagen sprang der für Europa richtungsweisende Gaspreis um fast 40 Prozent nach oben, immer näher in Richtung der 50-Euro-Marke. Die Lage scheint also nach wie vor sehr instabil zu sein.</b><BR />Georg Lun: Das steht außer Frage. Die Volatilität an den Energiemärkten ist hoch und sie wird wohl auf absehbare Zeit hoch bleiben. Wenngleich man schon dazu sagen muss, dass wir von den Spitzen des vergangenen Jahres weit entfernt sind. <BR /><BR /><b>Ende August wurde das Hoch von rund 300 Euro erreicht. Halten Sie es für möglich, dass wir diese Marke zeitnah wieder erreichen könnten?</b><BR />Lun: Ausschließen möchte ich nach den Erfahrungen der letzten Jahre mit sämtlichen Krisen zwar nichts mehr, aber ich halte es doch für sehr unwahrscheinlich. <BR /><BR /><b>Warum ist die Situation aktuell eine andere als noch vor einem Jahr?</b><BR />Lun: Die Ausgangslage ist vor den Wintermonaten eine ganz andere. Aktuell sind die Gasspeicher in Europa voll, der Gaseinkauf wird nun über eine gemeinsame, europäische Plattform abgewickelt. Damit hat Europa seine Verhandlungsposition verbessert und Alleingänge von Mitgliedstaaten werden weitestgehend unterbunden. Diese verbesserten Rahmenbedingungen und die Tatsache, dass wir heuer besser vorbereitet sind, dürften dazu beitragen, dass wir die Extreme des letzten Jahres nicht erneut sehen werden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-61698555_quote" /><BR /><BR /><b><BR />In Zahlen ausgedrückt heißt das?</b><BR />Lun: Schon möglich, dass wir Preisbewegungen von bis zu 50 Prozent nach oben und unten erleben könnten, aber die 500 bis 600 Prozent Preisauftrieb binnen kurzer Zeit, wie wir sie 2022 verkraften mussten, dürften ausbleiben. <BR /><BR /><b>Selbst wenn wir uns „nur“ im Bereich von 50 Prozent – nach oben und unten – bewegen, bedeutet das wieder mehr Druck auf der Inflationsfront.</b><BR />Lun: Dem stimme ich zu. In der Tat geht die größte Gefahr nach wie vor von den Energiepreisen aus. Steigen sie stark, könnte der letzthin doch recht signifikante Rückgang der Teuerungsrate kurzzeitig gestoppt werden. <BR /><BR /><b>Ein weiterer Faktor, der die Kaufkraft der Südtiroler arg belastet, sind die Lebensmittelpreise, die stark gestiegen sind. Nun hat die Meloni-Regierung das Anti-Teuerungsquartal ausgerufen. Mittels freiwilliger Selbstverpflichtung sollen Supermärkte und Produzenten die Preise für Lebensmittel bis Jahresende nicht erhöhen, besser noch senken. Was halten Sie von dieser Maßnahme?</b><BR />Lun: Positiv ist, dass jene Produkte der Hersteller, die mitmachen, gekennzeichnet werden. Dadurch ist einerseits sichergestellt, dass Konsumenten die Orientierung beim Einkauf leichter fällt, andererseits wird ein gewisser Druck auf den Handel und die Produzenten ausgeübt. Verstärkt wird er dadurch, dass die Liste der Betriebe, die sich dem Anti-Inflationspakt anschließen, im Internet veröffentlicht wird. <BR /><BR /><b>Eine gute Sache also?</b><BR />Lun: Man soll sich davon nicht zu viel erwarten. Schon vor dem Anti-Inflationspakt waren Rabattaktionen im Lebensmitteleinzelhandel ganz normal. Wer vorher schon mit Bedacht eingekauft hat, wird kaum einen Unterschied merken.<BR /><BR /><b>Wird sich die Maßnahme wenigstens auf die Inflationsstatistik auswirken?</b><BR />Lun: Nein, da wird man nichts sehen. Die Inflationsrate wird sich unabhängig vom Anti-Inflationspakt bewegen, da bin ich mir ziemlich sicher.<BR /><BR /><BR />