Südtirol Online: Sie haben den Sprung von Bozen nach Berlin geschafft. Wie?Hannes Weißensteiner: Das war wohl eher Zufall. Ich habe bereits mein Studium berufsbegleitend absolviert, weil ich schon immer mehr ein Macher war, war für mehrere Logistikunternehmen tätig, bei Burton Snowboards in Innsbruck und habe dann irgendwann in Südtirol eine Softwarefirma gegründet. An der Szene und den Trends in Berlin und im Silicon Valley war ich schon immer sehr interessiert. Letztendlich hat mich das dann nach Berlin geführt.Stol: Können Sie programmieren?Weißensteiner: Für eine kleine Website reicht es, das war’s dann aber auch schon (lacht).Stol: Haben Sie in Berlin bei einem Start-up begonnen?Weißensteiner: Ja, ich bin über Christian Reber bei der Firma EZEEP eingestiegen. Er hatte mich auf diese Möglichkeit hingewiesen. Mit Reber hatte ich zusammengearbeitet, als ich in Südtirol noch meine eigene Softwarefirma hatte. Er hat im vergangenen Jahr Wunderlist, die App des Jahres im amerikanischen Apple-Store, entwickelt. Sequoia Capital, einer der bekanntesten Risikokapitalfonds weltweit, hat jetzt im Januar 20 Millionen Dollar in dessen Firma 6Wunderkinder investiert. Sequoia war u.a. einer der Erstinvestoren bei Apple und Google. Später bin ich dann bei EZEEP wieder ausgestiegen, habe für einen Investor gearbeitet und in dieser Zeit zufällig Fabian Heilemann kennengelernt. Seit August 2013 arbeite ich für sein Unternehmen.Stol: Die Brüder Heilemann wurden in Deutschland mit Dailydeal bekannt, das ein ähnliches Geschäftsmodell wie Groupon hat. Das Unternehmen wurde im September 2011 von Google für 140 Millionen US-Dollar übernommen und im Februar 2013 von den Brüdern zurückgekauft. Ihre Aufgabe bei Heilemann & Co.?Weißensteiner: Nachdem das Unternehmen wieder zurückgekauft wurde, haben es die Brüder in eine Holding integriert, die aus vier Firmen besteht: Neben Dailydeal sind das Heilemann & Co., Pepperbill und Localize. Zudem ist Heilemann Ventures an 14 Start-up-Unternehmen beteiligt. Ich arbeite vorwiegend für Heilemann & Co, eine Beratungsfirma für Start-ups in der Wachstumsphase und für mittelständische Unternehmen, die sich digital entwickeln möchten und noch nicht ganz genau wissen, wie sie das machen sollen.Stol: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um sich erfolgreich für ein Start-up zu bewerben?Weißensteiner: Tüchtig muss man sein, ein paar Sprachen muss man sprechen und sich für die Tech-Szene interessieren - dann ist alles offen. Es gibt immer wieder Quereinsteiger, nicht alle haben ein abgeschlossenes Studium. Man lernt in einem Start-up-Unternehmen ohnehin viel in kurzer Zeit. Es ist oft "learning by doing". Klar ist aber auch, dass es harte Arbeit ist. Fabian Heilemann hat sich u.a. durchgesetzt, weil er zweieinhalb Jahre ohne Pause durchgearbeitet hat. Er hat mehr gearbeitet als viele andere. Das Glück ist mit den Tüchtigen. Natürlich schaffen es bei weitem nicht alle. Von 100 Start-ups ist eines erfolgreich. Die anderen verschwinden vom Markt. Auf jeden Fall sollte man sich nicht auf 8-Stunden-Tage und freie Wochenenden einstellen.Stol: Ist für Sie das Silicon Valley ein Karriereziel?Weißensteiner: Nein. Für mich ist Berlin das neue Silicon Valley, auch wenn es noch einen sehr weiten Weg vor sich hat. Die Stadt ist wie New York in den 80er Jahren. Alles ist im Aufschwung. Die Energie, die hier in der Luft liegt - jeder will etwas aufbauen, etwas machen, etwas schaffen - will ich auf jeden Fall auffangen, solange sie da ist, denn sie inspiriert mich und treibt mich an.Stol: Eine Software, eine App kann man an jedem Ort der Welt programmieren, egal ob im Silicon Valley, in Berlin oder in Bozen. Sehen sie Potential für Südtirol?Weißensteiner: Möchte man meinen, aber ganz so einfach ist das nicht. Um erfolgreich zu sein, braucht ein Standort konkrete Rahmenbedingungen. In Berlin werden jährlich 1000 Start-ups gegründet, nur im Silicon Valley sind es mehr. Dabei kann Berlin auf ein riesiges Reservoir an sehr gut ausgebildeten Programmierern und Professionals aus der ganzen Welt zurückgreifen. Sie müssen teilweise nicht einmal Deutsch sprechen, Englisch reicht. Dazu kommt, dass Berlin als Stadt an und für sich wie ein Magnet wirkt, der viele Leute anzieht. Und: In dieser Stadt kann man immer noch günstig leben. Natürlich kann sich Südtirol dahingehend entwickeln, wie erwähnt muss das Potential aber erst geschaffen werden. So sind z.B. die Mieten in Südtirol und die Lebenshaltungskosten sehr hoch. Diese Faktoren sind ein Hindernis, wenn es darum geht fähige Leute aus dem Ausland anzuwerben oder im Land zu halten.Stol: Was kann Südtirol von Berlin lernen?Weißensteiner: Südtirol muss sich öffnen. Das Land verschließt sich leider viel zu oft in sich selbst. Nehmen wir die „Benko-Polemik“ als Beispiel. Erst wenn jemand anderes kommt und etwas verändern will, werden im Land die Leute aktiv. Es wird häufig zu lange gewartet, so hauen uns andere Länder ab. Wir brauchen mehr Eigeninitiative. Dabei muss man nicht weit gehen, um zu sehen, wie man es machen kann. In Rovereto bekommen Start-up-Unternehmer 60.000 Euro Risikokapital, ohne auch nur einen Prozent von ihrer Firma abgeben zu müssen – natürlich muss die Idee stimmen und ein konkreter Plan zu Grunde liegen. Das sollte in Südtirol auch möglich sein. Als ich als Jungunternehmer meine Firma in Südtirol gegründet habe, bekam ich nur deshalb einen Kredit, weil jemand für mich gebürgt hatte. Viele talentierte Leute sind nicht so privilegiert und haben demzufolge keine Chance an Kapital zu kommen, was wahrscheinlich einige gute Gründungen verhindert – Risikokapital ist eine der Rahmenbedingungen für einen Digitalstandort, bzw. generell für einen Gründungsstandort.Stol: Südtirols Wirtschaft ist sehr konservativ aufgestellt, Innnovation ist nicht ein herausstechendes Merkmal. Im August 2013 gab es in Bozen ein Treffen, um im Digitalbereich Neues anzustoßen. Neben Arno Kompatscher und Fabian Heilemann waren auch Sie dabei. Bahnt sich in Südtirol eine digitale Initiative an?Weißensteiner: Es gibt in Südtirol einige Unternehmer, die daran interessiert sind, diesen Bereich auszubauen und zu unterstützen. Ich weiß, dass auch der neue Landeshauptmann dafür offen ist. Er möchte etwas bewegen. Es müsste allerdings schnell etwas passieren, aber wir wissen, dass Rom permanent bremst und momentan andere Themen Vorrang haben. Es wird also schwierig, auf die Politik zu hoffen. Das sollte man in Südtirol auch nicht immer.Stol: Das klingt nicht sehr optimistisch.Weißensteiner: Italien ist in der digitalen Welt ein Dritte-Welt-Land und Südtirol ist leider keine Ausnahme. Um etwas zu bewegen, muss man Kräfte vereinen, z.B. in Form eines PPP-Modells ('public-private-partnership'), bei dem die Politik und die Wirtschaft in Südtirol gemeinsam ein Projekt gezielt umsetzen. Auch die Uni und die Eurac müssten unbedingt mit einbezogen werden. Und es braucht einen Risikokapitalfonds. Würde das in Südtirol angestoßen werden, könnte man bestimmt mittelfristig hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen und sich langfristig für die digitale Zukunft, also generell für die Zukunft rüsten.Stol: Wo hat Südtirol Ihrer Meinung nach sonst noch Änderungsbedarf?Weißensteiner: Der Südtiroler ist ein Mensch, der Regeln mag. Das beginnt schon in der Schule. Vieles läuft über Wissen, das oft dogmatisch vorgegeben und von den Schülern einfach so übernommen wird. So erzieht man Angestellte, aber keine Unternehmer. Um das zu erreichen, bräuchte es ein freieres Denken und das was die Amerikaner "out of the box-thinking" nennen. Es geht um unkonventionelles Denken, darum, Dinge anders, kreativ, neu anzugehen, aber auch um Disziplin. Der Mix aus beidem ist entscheidend und die Schule könnte ihren Beitrag leisten.Stol: Wie sieht die Software-Szene in Südtirol aus?Weißensteiner: Ich kann nur wiederholen: Südtirol ist diesbezüglich ein Entwicklungsland. Das Potential wäre da, Südtirol hat sehr gut ausgebildete Leute und die Südtiroler sind tüchtig, aber die Rahmenbedingungen fehlen. Wenn sich einige Unternehmer zusammentun und einen Risikofonds einrichten würden, könnte in Südtirol schon viel erreicht werden. Die Grundvoraussetzungen für digitale Start-ups in Südtirol sind schon gegeben: An der Uni Bozen gibt es Fakultäten für BWL, Informatik und für Design. Trotzdem bleiben sehr viele Absolventen nicht im Land, da es für sie keine attraktiven Arbeitsplätze gibt. Die muss man schaffen. Passiert das nicht, gehen die Leute dorthin, wo es sie gibt. Und wir haben sie teuer ausgebildet – das kann’s nicht sein.Stol: Was hat das Treffen im August gebracht?Weißensteiner: Es gab Gespräche mit einigen Südtiroler Unternehmern und auch mit der Uni. Geplant ist u.a. ein Event, bei dem Leute von erfolgreichen Start-ups weltweit nach Bozen kommen, um Energie und Wissen zu vermitteln. Es läuft langsam an, aber gut Ding braucht Weile, wie es schön heißt.Stol: Wieviel Zeit?Weißensteiner: Ich denke, dass noch heuer etwas passieren wird. Südtirol hat viele Insellösungen, die zusammengeführt werden müssten. Dazu braucht es Know-how von außen. Man muss von den Besten lernen und nicht hemdsärmelig auf improvisierte lokale Lösungen setzen. Es gibt mehrere Südtiroler im Ausland, die bereit sind, internationale Kontakte nach Südtirol zu vermitteln. Die Politik wird abwarten, bis die Wirtschaft tätig wird. Ist die Basis gelegt, wird auch die Politik aktiv werden. Arno Kompatscher weiß, dass die Rahmenbedingungen passen müssen und ich bin mir sicher, dass er eingreifen wird. Das Geld für den Startschuss wird aber von der Wirtschaft kommen.Stol: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?Weißensteiner: Der digitale Markt ist sehr dynamisch und entwickelt sich so rasant, dass eine mittelfristige Planung schwierig ist. Es tut sich unglaublich schnell so unglaublich viel. Ich würde aber in den kommenden Jahren sehr gerne meine Erfahrungen in Südtirol einbringen. Ich hoffe, dass sich bis dahin in meiner Heimat etwas ändert, sonst gibt es Stillstand – wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.Interview: Rupert Bertagnolli_________________________________________________________Das Netzwerk "Südstern" hat 1900 Mitglieder in 71 Ländern und feiert am 1. Oktober 2014 seinen zehnten Geburtstag.