Donnerstag, 22. Februar 2018

Südtirol: Trotz Job in der Armutsfalle

„Trotz des Aufschwungs des Arbeitsmarktes und des optimistischen Stimmungsbildes in allen Wirtschaftsbereichen landet der in Südtirol geschaffene Wohlstand noch nicht in den Taschen aller Arbeitnehmer”, stellte AFI-Vizedirektorin Silvia Vogliotti in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie fest. Den Erwerbstätigen, deren Einkommen an der Armutsschwelle liegt (working poor), fehle das Geld für die notwendigsten Dinge.

16 Prozent der Arbeitnehmerfamilien mit nur einem Lohneinkommen leben in Südtirol an der Armutsgrenze.
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16 Prozent der Arbeitnehmerfamilien mit nur einem Lohneinkommen leben in Südtirol an der Armutsgrenze. - Foto: © APA/DPA

Das Arbeitsförderungsinstitut (AFI) und das Meinungsforschungsinstitut Apollis haben eine Datenbank der Michael-Gaismair-Gesellschaft von 1228 repräsentativ ausgewählten Haushalten in Südtirol ausgewertet. Am Donnerstag wurde das Ergebnis der Öffentlichkeit vorgestellt. „16 Prozent der Arbeitnehmerfamilien mit nur einem Lohneinkommen leben in Südtirol an der Armutsgrenze“, brachte AFI-Forschungsmitarbeiter Friedl Brancalion das markante Ergebnis seiner Auswertungen auf den Punkt.  

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Laut einer Studie des AFI leiden 16 Prozent der erwerbstätigen Familien in Südtiroler an Armutsgefährdung. - Foto: afi-ipl

In Italien: Hohes Armutsrisiko bei kinderreichen Familien, Jugendlichen und im Süden

Valentina Ferraris vom Forschungsinstitut REF in Mailand betonte, dass in Italien über 2,2 Millionen Arbeitnehmerhaushalte an der Schwelle zur Armut leben. Bezogen auf Haushalte tragen das größte Armutsrisiko die kinderreichen Familien. Unter den Arbeitnehmern seien die Ausländer und die Unter-30-Jährigen dem größten Armutsrisiko ausgesetzt.

Ursachen der Arbeitsarmut

Risikofaktoren der Arbeitsarmut seien auch in Südtirol der Anteil arbeitender Familienmitglieder, Bildungsniveau, Kinderzahl und Migrationshintergrund. „Jobs in Branchen mit prekären Arbeitsverhältnissen, schlechtbezahlten Jobs oder Jobs mit geringer Qualifikation sind Katalysatoren für die Armut von Beschäftigten und ihrer Familien“, fasste Friedl Brancalion die strukturellen Ursachen der Arbeitsarmut zusammen.

Das Geld zum Leben fehlt an allen Ecken

“Armutsgefährdete Arbeitnehmer in Südtirol tun sich schwer, die notwendigsten Ausgaben für ein würdiges Leben aufzubringen. Auch nur ein einziger Urlaub im Jahr ist für 43 Prozent der „working poor“ unerschwinglich; 38 Prozent von ihnen sind außerstande, Ausgaben von über 1.000 Euro zu tätigen; 13 Prozent können sich eine vollständige Mahlzeit alle zwei Tage nicht leisten. „Haushaltsplanung findet kaum statt, weil sich diese Familien keine Geldmittel für Notfälle zurücklegen können“, sagte Brancalion weiter. 

43 Prozent der „working poor“ in Südtirol können sich keinen Urlaub leisten. - Foto: afi-ipl

Sozialpolitik verringert Armut

Luca Critelli, Abteilungsdirektor des Landes für Soziales, unterstrich in seinem Vortrag die Wirksamkeit von sozialpolitischen Gegenmaßnahmen im Kampf gegen die Armut. Die Zahlen des Landesstatistikinstituts ASTAT würden bestätigen, dass die sozialen Stützmaßnahmen die Anzahl der armutsgefährdeten Familien insgesamt von 24,7 Prozent auf 16,6 Prozent verringern. Critelli gab zu Bedenken, dass die Unterstützung auf der Wohlfahrtsseite aber auch die Gefahr berge, dass anderweitig Anreize weniger werden, etwa bei Betriebsverhandlungen, Lohnverhandlungen oder bei Besteuerungspolitik.

stol

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