Donnerstag, 15. Oktober 2020

Südtirol: Wieder mehr Vertrauen in Gewerkschaften

Geht es um berufliche Interessen, nehmen viele Arbeitnehmer die Angelegenheit am liebsten selbst in die Hand. Geht nichts weiter, müssen Gewerkschaften und Sozialverbände herhalten. Wie die Herbstwelle des AFI-Barometers zeigt, sehen nur wenige Südtiroler Arbeitnehmer ihre Interessen durch Staat, Kirche oder politische Parteien gewahrt.

Viele Arbeitnehmer nehmen ihre Angelegenheiten am liebsten selbst in die Hand.
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Viele Arbeitnehmer nehmen ihre Angelegenheiten am liebsten selbst in die Hand. - Foto: © APA (dpa/Symbolbild) / Sebastian Gollnow
Von welchen Organisationen sehen Südtirols Arbeitnehmer ihre Interessen vertreten? Diese Frage hat das AFI | Arbeitsförderungsinstitut rund 500 Personen in der aktuellen Ausgabe des AFI-Barometers gestellt. Bereits vor 5 Jahren wurden Südtirols Arbeitnehmer mit derselben Fragestellung konfrontiert. Im Zeitvergleich treten viele Bestätigungen ans Licht, aber zum Teil auch markante Verschiebungen.

Selbst sind die Arbeitnehmer

Selbst will man es richten. 73 Prozent der Befragten teilen die Meinung, dass jeder Arbeitnehmer selbst am besten die eigenen Interessen vertritt und durchsetzt. Immerhin 66 Prozent sehen die Interessen der Arbeitnehmer am besten bei den Gewerkschaften aufgehoben, 61 Prozent bei den Sozialverbänden. Erstaunlich niedrig sind die Erwartungen politischen Parteien gegenüber (18 Prozent).

Geht man wissenschaftlich ins Detail, sind es gerade die etwas schwächeren Gruppen am Arbeitsmarkt, die in den Gewerkschaften einen verlässlichen Ansprechpartner sehen: Die Jungen stärker als die Alten, Frauen in höherem Maß als Männer, Beschäftigte auf Zeit mehr als Festangestellte, Teilzeitkräfte mehr als Vollzeitmitarbeiter.

„Der Umstand, dass die Under30 den Gewerkschaften stärker die Rolle der Interessensvertretung zusprechen als die Over50 überrascht etwas, zumal die Mitgliederstruktur der Gewerkschaften eher das Gegenteil vermuten ließe“, hebt AFI-Direktor Stefan Perini hervor.

Gewerkschaften und Staat holen auf

Haargenau dieselbe Frage hatte das AFI Südtirols Arbeitnehmern/Innen schon vor fünf Jahren gestellt. Vergleicht man die Antworten von heute mit jenen von damals, stechen einige signifikante Veränderungen ins Auge: Die Nennung „jeder für sich selbst“ bleibt auch heute noch auf Platz 1, verliert aber im Zeitvergleich 9 Prozentpunkte (von 81 Prozent auf 72 Prozent).

Deutlich stärker als Vertreter ihrer Interessen sehen die Arbeitnehmer heute die Gewerkschaften (sie holen 19 Prozentpunkte auf und klettern von Platz 5 auf Platz 2) und den Staat (plus 17 Prozentpunkte, bleibt aber nach wie vor an drittletzter Stelle). Die politischen Parteien holen zwar etwas auf (von 10 auf 18 Prozent), bleiben aber das Schlusslicht.

Die Latte liegt hoch

Für was sollten sich Gewerkschaften stärker einsetzen? Südtirols Arbeitnehmer erwarten sich von den Gewerkschaften, dass sich diese in folgenden vier Themenfeldern stärker engagieren: Schutz vor Diskriminierung, höhere Löhne, soziale Gerechtigkeit und Vereinbarkeit Leben & Beruf.

Statistisch kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass mehr als dreißig Prozent der Interviewten die Maximalbewertung von 10 angegeben hat, auf einer Skala von 0 (wenig Einsatz) bis 10 (maximaler Einsatz). Andere Themenbereiche erfahren ebenfalls hohen Zuspruch und liegen nur knapp hinter den Top 4: Einsatz für Belange prekär Beschäftigter, flexible Arbeitszeiten und Recht auf Weiterbildung.

Anfang einer neuen Ära?


Im Vergleich zu den Antworten vor fünf Jahren zeigt sich: Der Individualismus nimmt ab, das kollektive Denken wieder zu. “Ich möchte die Ergebnisse nicht überinterpretieren, aber es stellt sich schon die Frage, ob wir gerade eine Renaissance des Kollektivismus erleben“, gibt Perini zu bedenken. „In schwierige Zeiten wächst die Erkenntnis, dass man in der Gruppe mehr erreicht als alleine. Vielleicht hat Corona diese Erkenntnis wieder zum Leben erweckt“.

Stellungnahme von AFI-Präsident Dieter Mayr

„In der schwierigen Zeit des Lockdowns waren Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen rund um die Uhr im Einsatz, um Jobs zu sichern, soziale Abfederung zu garantieren und den Menschen mit Information und Beratung zur Seite zu stehen. Offensichtlich sind unsere Bemühungen auf fruchtbaren Boden gefallen. Das Ergebnis des AFI-Barometers ist für uns einerseits Bestätigung, aber auch Auftrag, den steigenden Erwartungen gerecht zu werden“, so Mayr.

stol

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