Mittwoch, 20. Oktober 2021

Südtiroler Wirtschaft erholt sich stark nach verpatztem Jahresauftakt

Im Herbst 2021 ist die Stimmung bei Südtirols Arbeitnehmern gut. Nichtsdestotrotz wird Südtirols Wirtschaft in diesem Jahr noch nicht das Vorkrisenniveau von 2019 erreichen – Stichwort ausgefallene Wintersaison. Die Wirtschaftsaussichten für 2022 bleiben mit einem prognostizierten BIP-Wachstum von plus 3,9 Prozent positiv.

Südtirols Arbeitnehmer blicken durchwegs positiv in die Zukunft.
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Südtirols Arbeitnehmer blicken durchwegs positiv in die Zukunft. - Foto: © Shutterstock / shutterstock
Die Arbeitslosenzahlen dürften auf dem heutigen Niveau verharren. Mit großer Mehrheit sehen Südtirols Arbeitnehmer/Innen ihren eigenen Arbeitsplatz als nicht gefährdet. „Schreckensszenarien wie Massenarbeitslosigkeit und Pleitewellen von Unternehmen haben sich nicht bewahrheitet. Das heben wir nun mit besonderer Genugtuung hervor“, sagt AFI-Direktor Stefan Perini.

Im Herbst 2021 ist die Weltwirtschaft weiter auf Erholungskurs. Die Konjunktur ist allerdings nach wie vor sehr stark vom Pandemieverlauf bestimmt. Besonders verteuert haben sich in den letzten Monaten Rohstoffe sowie Energie- und Halbfertigprodukte – ein Umstand, der sich zum Teil bereits auf die Verbraucherpreise niederschlägt.

Die starke weltweite Nachfrage hat, kombiniert mit zunehmenden Problemen in der Warenlogistik (Fachkräfteflucht infolge des Brexit, mangelnde Logistikkapazitäten, stockender Schiffsverkehr, Wegfallen von Langstreckenflügen) zu Lieferengpässen geführt.

Die Überraschung: Italien

Italien ist die positive Überraschung im 1. Halbjahr 2021: Die konjunkturelle Erholung war auf der Halbinsel besonders stark. Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung blieben unter den Prognosewerten. Allerdings: Um in den Genuss der Next Generation EU-Gelder zu kommen, muss Italien eine Reihe von Reformen in einem zeitlich sehr eng gesteckten Rahmen abwickeln.

Ob das gelingen wird, ist eine der großen offenen Fragen. Das IMK – Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung aus Berlin – prognostiziert für 2021 folgende Wirtschaftswachstumsraten: USA: plus 6,7 mProzent; Euroraum: plus 5,2 Prozent; D: plus 2,6 Prozent, A: plus 4,6 Prozent; I: plus 6,9 Prozent.

Zwischenbilanz: Hypothek des verpatzten Jahresauftakts wiegt schwer

Südtirols Wirtschaft hat zwar noch nicht das Vorkrisenniveau von 2019 erreicht, ist aber auf einem guten Weg dorthin. Belastend wirkt ein schwieriger Jahresauftakt mit drittem Lockdown und gänzlich ausgefallener touristischer Wintersaison.

Zur Zwischenbilanz: Die Zahl an lohnabhängig Beschäftigten liegt minus 0,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau (2020) und minus 3,3 Prozent unter dem Vorkrisenniveau (2019). Die Erwerbstätigenquote beläuft sich auf 71,3 Prozent – auch hier gute 2 Prozentpunkte unter Vorkrisenniveau. Die Arbeitslosenrate bleibt mit 3,5 Prozent niedrig.

Südtirols Außenhandelstätigkeit ist im 1. Halbjahr 2021 regelrecht explodiert: plus 26,7 Prozent bei den Exporten und plus 25,0 Prozent bei den Importen. Das Kreditgeschäft expandiert kräftig (plus 4,7), besondere stark jenes an Privatpersonen (plus 5,3 Prozent). Bekanntlich verleiten die niedrigen Zinsen viele Südtiroler Familien aktuell zum Wohnungskauf.

Trotz ausgezeichneter Sommermonate bleibt die Nächtigungsbilanz noch negativ (minus 14,8 Prozent in den ersten 8 Jahresmonaten). Die Inflation flackert auch in Bozen auf (September-Wert: plus 2,8 Prozent; akkumulierte Inflation seit Jahresbeginn: plus 2,1 Prozent).

Südtirols Arbeitnehmer sind zuversichtlich

Die positive Stimmung bei Südtirols Arbeitnehmer hält an. Bezeichnend dafür sind die Einschätzungen zur Entwicklung der Südtiroler Wirtschaft in den nächsten 12 Monaten: 45 Prozent der interviewten Arbeitnehmer erwarten einen besseren Verlauf (8 Prozent „deutlich besser“, 37 Prozent „etwas besser“) und nur 18 Prozent einen schlechteren (3 Prozent „deutlich schlechter“, 15 Prozent „etwas schlechter“), das entspricht rechnerisch einem Vertrauensindex von plus 16. Die Arbeitslosenzahlen dürften sich auf dem heutigen Niveau einpendeln.



Das Risiko, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, bleibt auch nach Aufhebung des Covid-bedingten Kündigungsstopps gering; die Chance, einen gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden, in der Langzeitbetrachtung günstig. Die Fähigkeit von Arbeitnehmer-Familien, mit dem Lohn über die Runden zu kommen, hat sich in Lockdown-Zeiten verbessert. Grund hierfür sind in erster Linie die eingeschränkten Freizeit- und Ausgabemöglichkeiten.

Prognose: Südtirols BIP wächst 2021 um plus 5,7 Prozent

Schätzungen des AFI zufolge wird die Südtiroler Wirtschaft 2021 ein BIP-Wachstum von plus 5,7 Prozent erzielen. Der Berechnung liegt die Annahme zugrunde, dass das Niveau 2019 zwar nicht erreicht, aber weitgehend – das heißt zu 90 Prozent der auf 2019 verlorenen Wirtschaftsleistung – angepeilt werden kann.



Für 2022 erwartet das AFI anhaltende Lieferengpässe im Einkauf von Rohstoffen und Vorprodukten. Mit Abflachen der Pandemie dürften Fernreisen wieder an Attraktivität gewinnen – nicht nur zum Vorteil des Südtiroler Tourismus.

Auch am Arbeitsmarkt bahnen sich Engpässe an. Die Kombination aus Fachkräfteknappheit und geringer Attraktivität von Südtirols Arbeitgebern im europäischen Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte hemmt die potentielle Wirtschaftsentwicklung etwas ein. Die AFI-Prognose der BIP-Entwicklung für 2022 bleibt bei vorsichtigen plus 3,9 Prozent.

Stellungnahme von AFI-Präsident Dieter Mayr

„Wie die AFI-Daten belegen, verbessert sich die allgemeine Wirtschaftslage in Südtirol von Monat zu Monat. Blickt man allerdings genauer auf die Zahlen, treten auch Phänomene ans Licht, die wir mit Sorge betrachten – Beispiel Langzeitarbeitslose. Mit Stand September waren 5.048 Personen seit mehr als 12 Monaten in den Arbeitslosenlisten eingetragen. Kann in diesem Zusammenhang das Argument des Arbeitskräftemangels ernst genommen werden? Da müssen wir genauer hinschauen“, so AFI-Präsident Dieter Mayr.

Stellungnahme von Landesrat Philipp Achammer

„Die Umfrage-Ergebnisse stimmen uns zuversichtlich, dass sich Wirtschaft und Arbeitsmarkt weiterhin positiv entwickeln. Die Corona-Krise hat aber eines deutlich gezeigt: Damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich ist, sind Bildungs- und Betreuungsangebote in Präsenz für Kinder und Jugendliche in vollem Umfang unerlässlich. Nur unter diesen Voraussetzungen können wir jene Erwerbstätigen – größtenteils Frauen – zurückgewinnen, die sich pandemiebedingt zeitweilig vom Arbeitsmarkt entfernen mussten“, erklärt Landesrat Philipp Achammer.

stol