Der erste Eindruck zählt, sagt sie selbst. Und bei diesem ersten Zusammentreffen vermittelt Eva Ogriseg (38) gar nicht den typischen Eindruck, den man gemeinhin gerne von Managerinnen oder von Big-Business-Leuten hat. Sie trägt legere Kleidung, schneidet beim schnellen Kennenlern-Macchiato nonchalant Themen wie Kinderbetreuung und Firmen-Benefits an, um anschließend flink über das Stiegenhaus zu ihrer kleinen Büronische bis zum 3. Stock des ansehnlichen Durst-Hauptquartiers hochzusteigen. Von hier aus übt die weltgewandte Brixnerin ihren südtirolweit einmaligen Job aus: Investoren und Gründer zusammenführen. Oder um im Fachjargon zu bleiben: Business Angels und Startups. <h3>5 von 600 schaffen es</h3>„Für unser Investorennetzwerk tba network sichte ich die Startups, wähle die vielversprechendsten davon aus, damit sie mit unternehmerischem Knowhow und Finanzmitteln unterstützt werden“, umreißt Eva Ogriseg ihren Job. Das Netzwerk tba (tyrolean business angels) wurde im Mai 2018 von den unternehmerischen Weggefährten Harald Oberrauch, Alexander Pichler und Gert Gremes mit weiteren 17 gleichgesinnten Wirtschaftstreibenden ins Leben gerufen, im Jänner 2019 nahm die damals erst kürzlich aus Abu Dhabi zurückgekehrte Eva Ogriseg ihre Tätigkeit als Managerin dieser Plattform auf, seitdem hat sie mehr als 1500 Start-ups aus der sogenannten DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und dem norditalienischen Raum gesichtet, bewertet und bei positivem Befund den Investoren schmackhaft gemacht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="853223_image" /></div> <BR /><BR />Falls die Investoren ein Team mitsamt Idee für gut befinden – die Aufnahmequote für ein näheres Kennenlernen liegt bei etwa 1:5 – dann kann dieses mit durchaus stattlichen Summen von bis zu 500.000 Euro unterstützt werden. Doch der Auswahlprozess ist hart, im vergangenen Jahr 2022 wurde in 5 von über 600 geprüften Startups investiert. „Damit ist es in der Regel noch nicht getan, denn in der Frühphase benötigen vielversprechende Startups zwischen 500.000 bis 1,5 Millionen Euro“, weiß Ogriseg. Viel Geld, das für die Investoren wie selbstverständlich unter dem Posten Risikokapital läuft. Denn es ist gemeinhin bekannt, dass sich ein sogenannter Business Angel im Durchschnitt 7 Jahre in Geduld üben muss, ehe das investierte Kapital zurückbezahlt wird. In vielen Fällen fließt gar nichts oder kaum etwas zurück: Die Idee war zu verwegen, der Markt hat sich geändert, der Gründer hat nicht durchgehalten – Gründe kann es viele geben. <BR /><BR />Jedoch reicht die Wirkungskraft einer derartigen Plattform weit über die klassischen ökonomischen Gesichtspunkte hinaus – mehr als um Umsätze und Rendite geht es um die Förderung der Innovationskultur und unternehmerische Entwicklungshilfe in freundschaftlicher Atmosphäre. <BR /><BR />Business Angels sollen ihrem Namen gerecht werden, indem sie auf ihre Gründer aufpassen, ihre Entfaltung vorantreiben, ihnen Türen öffnen und ihnen so den Eintritt in die Unternehmenswelt erleichtern. Umgekehrt bekommen die Angels die neuesten Entwicklungen und Trends mit, dürfen sich am Puls der Zeit wähnen, erweitern ihrerseits den Horizont. Während der überwiegende Großteil der Investoren aus Südtirol stammt – darunter die Eigentümer renommierter Unternehmen wie Durst, Finstral, Fercam, Rubner oder Thun – fällt der Südtiroler Anteil bei den Gründern verhältnismäßig klein aus. <h3>Chance für 50 bis 70 Südtiroler Startups jährlich</h3>„In Großstädten wie München und Wien haben Startups viel bessere Voraussetzungen“, erklärt Eva Ogriseg dazu, „jedoch melden sich bei uns jedes Jahr auch zwischen 50 und 70 Südtiroler Startups.“ Nicht zu unterschlagen sind überdies jene Südtiroler Gründer, die ihre Geschäftsideen in urbanen Ballungszentren jenseits der Landesgrenzen vorantreiben. Dort profitieren sie in der Regel von einem Umfeld, das Eva Ogriseg als Startup-Ökosystem bezeichnet und das Gründer beflügelt. In Südtirol habe es letzthin in der Gründerszene starke Impulse gegeben – vor allem durch die Initiativen des NOI Techparks in Bozen – jedoch gebe es noch reichlich Luft nach oben. „Wenn ich mir Startups in der Frühphase ansehe, dann zählt zunächst weniger, womit sie sich beschäftigen, sondern wer dahintersteckt“, erklärt sie ihren Ansatz. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="853226_image" /></div> <BR /><BR />Dabei gehe es vielfach um elementare Dinge wie berufliche Stationen, eine professionelle Vorbereitung oder Motivation. Die Gründer sollten von ihrer Idee beseelt sein und diese proaktiv nach außen tragen. Es sei kontraproduktiv zu glauben, man habe die große Erfindung gemacht und müsse diese vor anderen Wettbewerbern versteckt halten. „Wenn eine Idee leicht zu kopieren ist, dann handelt es sich schlichtweg nicht um eine gute Idee“, sagt die Brixnerin salopp. Es sei naiv, davon auszugehen, dass es auf dem Markt nicht bereits ähnliche Produkte, Dienstleistungen oder Ideen gebe. Stattdessen solle man seine Energie in Marktanalysen und die Tauglichkeit des eigenen Geschäftsmodells investieren, die oftmals eklatanten Schwachpunkte in der Anfangsphase. Als unerlässlich betrachtet sie Austausch und Vernetzung, zunächst habe das Lernen Priorität. „Es ist wunderbar, wenn eine Geschäftsidee schnell gut anläuft, aber noch höher einzustufen sind die Erfahrungen aus ersten Rückschlägen“, gibt sie zu bedenken. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="853229_image" /></div> <h3>8 Jahre in Abu Dhabi</h3>Was qualifiziert denn Eva Ogriseg für diese Position, in der es Akteure mit ihren Ideen aus so unterschiedlichen Sektoren wie Logistik, Medizintechnik, Landwirtschaft oder Konsumgüter zu bewerten gilt? Neben ihren profunden Erfahrungen in der Finanzwirtschaft – die Brixnerin war nach dem Studium der internationalen Wirtschaftswissenschaften an der Bocconi Universität in Mailand mehrere Jahre lang für das renommierte Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG in München tätig – ist es wohl vor allem ihr kosmopolitischer Erfahrungsschatz. 8 Jahre hat die Finanzexpertin in Abu Dhabi gelebt, dort zunächst ein KPMG-Projekt zu Ende gebracht und dann 6 Jahre für die National Bank of Abu Dhabi gearbeitet. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="853232_image" /></div> <BR /><BR />„Es war eine sehr aufregende Zeit, denn ähnlich wie Katar handelt es sich um eine Region im Aufbruch“, blickt sie zurück. Sie hatte Immobilienprojekte zu betreuen, lernte Geschäftsleute aus aller Welt mit deren Gepflogenheiten kennen, fand dabei auch Freunde fürs Leben. Mit vielen von ihnen pflegt sie noch immer Kontakt. Dieser kulturelle Hintergrund sowie das schnelle geistige Umschalten bzw. sich in neue Situationen hineinversetzen zu können, kommt ihr in ihrer jetzigen Tätigkeit zugute. Außerdem kamen im Emirat ihre beiden Kinder zur Welt, die mittlerweile in Brixen die Grundschule besuchen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="853235_image" /></div> <BR /><BR />Nach der Zeit in Abu Dhabi hätte sie sich gut vorstellen können, zusammen mit ihrem Mann, dem Unternehmensberater Stefan Schmidt, irgendwo anders in der Welt anzudocken. „In der Nachdenkphase haben wir es uns vorläufig in unserer Brixner Ferienwohnung eingerichtet und ich habe in der Zeit auch einen berufsbegleitenden MBA am MCI in Innsbruck absolviert, der bestimmt auch einen Anteil an meiner Entscheidung für eine berufliche und private 180-Grad-Drehung hatte. Denn letztlich sind wir eben doch hier ansässig geworden, und ich habe meine Passion für die Startup-Welt gefunden“, meint sie. <BR /><BR />Dieses Zurückkommen sei gar nicht so einfach, denn man müsse wieder ganz von vorne beginnen – vor allem was das soziale Umfeld anbelangt. Mittlerweile hat sie die Eingewöhnungsphase gemeistert. Eva Ogriseg zählt auch zur Kategorie der Südtiroler mit exzellenter Ausbildung und wertvoller Berufserfahrung, die derzeit inbrünstig von heimischen Unternehmen umworben wird. Sie hat den Schritt vollzogen, nun bereitet sie als „Türsteherin der Business Angels“ das Feld für weitere hungrige Unternehmerpersönlichkeiten, diese werden ihrerseits dem Land neue Impulse verleihen.<BR />