Die Cuvée Terlaner Primo machte den Anfang, heute sind es über 20: Die Rede ist von Weinen, für die heimische Produzenten dreistellige Summen aufrufen. In Anlehnung an die „Super Tuscans“, die die Speerspitze der Weinproduktion in der Toskana bilden, werden die heimischen Edelgewächse in Fachkreisen „Super South Tyroleans“ genannt.<BR /><BR /><b>Wenn man sich die Preissprünge so ansieht, die mit den „Super Südtirolern“ vollzogen wurden, könnte man zum Schluss kommen, dass die Weinwirtschaft nun völlig abgehoben ist. Ist sie das?</b><BR />Simon Staffler: Ich finde die „Super Südtiroler“ eine super Sache. Die Südtiroler Produzenten haben ihre Qualität seit Mitte der 1980er-Jahre sukzessive gesteigert und sind vielfach auf einem Niveau angelangt, wofür sie auch international beneidet werden. <BR /><BR /><b>Die Zeit war also reif für diese Luxusweine?</b><BR />Staffler: Absolut. Dabei war deren Einführung alles andere als unumstritten. Die Kellerei Terlan wurde von vielen belächelt, als sie das Experiment wagte. Heute muss man feststellen, dass der Schritt folgerichtig war: Man hat versucht, eins draufzusetzen, mit einem Flaggschiff-Wein, der deutlich mehr kostet als die meisten anderen im Sortiment. Aus diesem Schneeball wurde eine Lawine – ich finde das gut. <BR /><BR /><b>Welche sind denn die Vorteile eines so teuren Weins im Sortiment?</b><BR />Staffler: Um die Erlöse geht es definitiv nicht. Die Mengen sind auf wenige tausend Flaschen begrenzt, viel drin ist da also nicht. Die wichtigsten Vorteile sind, dass durch die „Super Südtiroler“ die heimische Weinwirtschaft in den größten und wichtigsten Weinkarten der Welt Einzug gehalten hat, ich spreche da von der Top-Gastronomie und -Hotellerie. Dazu kommt, dass Südtiroler Weine für den Collectors-Bereich, also die Weinsammler, interessant geworden ist. Wer in die Champions League der Anbauregionen aufsteigen will, muss auch in diesen beiden Segmenten vertreten sein. <BR /><BR /><embed id="dtext86-63819688_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Nun ist Wein bekanntlich auch Emotion und Geschichte: Als die Franzosen schon Spitzenqualitäten erreichten, haben wir unseren, in Massen hergestellten Wein noch in Tanks in die Schweiz gekarrt – sprich, Südtirol weist eine recht kurze Tradition im Top-Weinbereich auf. </b><BR />Staffler: Da haben Sie recht. Im Vergleich zu den Franzosen hat ganz Italien eine nicht sonderlich lange Historie vorzuweisen. Fakt ist: Die „Super Südtiroler“ können in Vergleichsverkostungen dem Wettbewerb standhalten. Und: Bei so manchem großen Wein sind Mythos und Historie größer als die Qualität; wie oft habe ich Weine im Glas gehabt, die 1000 Euro und mehr kosten, diese Preise aber unter Qualitätsaspekten nicht rechtfertigen. <BR /><BR /><b>Apropos rechtfertigen: Die meistprämierten Weine aus Südtirol sind größtenteils für unter 50 Euro zu haben. Wie lässt sich ein 3- bis 4-facher Verkaufspreis für einen „Super Südtiroler“ rechtfertigen?</b><BR />Staffler: Weil man, wenn man Weinenthusiast ist, eben manchmal nicht nur Mercedes, sondern auch Ferrari fahren möchte. Für die Produzenten sind die „Super Südtiroler“ eine Möglichkeit, ihr Profil zu schärfen, Markenbildung auf globaler Ebene zu betreiben und sich selbst herauszufordern, zu zeigen, was sie können. Und wie gesagt: Verstecken müssen sie sich in den allermeisten Fällen nicht. <BR /><BR /><b>Die „Super Südtiroler“ sind je zur Hälfte Rot- und Weißweine, selten sind es Weine aus autochthonen heimischen Sorten. Warum eigentlich?</b><BR />Staffler: Meist sind es Bordeaux- und Burgundersorten. Auch das ist nachvollziehbar. Wenn Südtirol im Export Erfolg haben will, ist es leichter, mit einer international bereits bekannten Sorte, aber in einer Stilistik, die für eine Kellerei bzw. eine Region typisch ist, zu punkten. Auch sind viele der „Super Südtiroler“ Cuvées, seltener handelt es sich um Lagenweine. In der Regel werden die besten Reben aus verschiedenen Lagen verschnitten, in einen herausragenden Wein zusammengeführt und unter einem Markennamen verkauft. Streng limitiert und streng kontingentiert: Das heißt, viele der „Super Südtiroler“ sind auf dem freien Markt nicht für jedermann und zu jederzeit erhältlich. Das wiederum hilft den Weinen am Sekundärmarkt. Da sprechen wir vor allem von Online-Plattformen, wo begehrte Luxusweine gehandelt und ersteigert werden können; von Weinen als Investitionsobjekten.<BR /><BR /><b>Aus einem „Super Südtiroler“ sind in den letzten Jahren über 20 geworden. Wie viele können bzw. sollen da noch dazukommen?</b><BR />Staffler: Es werden sicherlich noch einige dazukommen – schließlich sind Penisvergleiche auch im Weinbereich weit verbreitet. Jeder Produzent, auch auf lokaler Ebene, will beweisen, dass er´s auch draufhat. Tatsächlich muss aber nicht jeder Weinproduzent einen „Super Südtiroler“ machen. Es genügt, wenn man sich darauf konzentriert, einen guten bis sehr guten Wein herzustellen, beliebig viele „Super Südtiroler“ dürfen nicht das Ziel sein, weil ansonsten irgendwann sicher die Qualität nicht mehr bei allen passt. Und damit meine ich die Qualität im Anbau, im Keller, im Marketing und im Vertrieb. <BR /><BR /><BR /><b>Wäre es sinnvoll, ein Gremium für „Super Südtiroler“ einzurichten, das vor Markteinführung überprüft, ob die Qualität auch angemessen ist?</b><BR />Staffler: Ein Beirat aus Produzenten, Weinjournalisten und Sommeliers wäre sicher eine interessante Sache. Wie realistisch das ist, steht auf einem anderen Blatt. Zudem: Am Ende regelt der Markt das eh meist von allein. <BR /><BR /><embed id="dtext86-63821274_quote" /><BR /><BR /><b>Wenn man die teuersten Weine Südtirols mit den kostbarsten aus der Toskana oder dem Piemont, geschweige denn aus Frankreich vergleicht, ist preislich noch Luft nach oben. Wird es in einigen Jahren auch Südtiroler Weine für 500 Euro oder mehr geben?</b><BR />Staffler: Der Himmel ist die Grenze. Ausschließen würde ich das also nicht, dass für die Besten der Besten irgendwann auch solche Summen fällig werden. Beim Thema Preis stört mich allerdings ein anderer Faktor – und der hat nix mit der Preispolitik der Produzenten zu tun. <BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Staffler: Ich bin viel in der Südtiroler Gastronomie und Hotellerie unterwegs. Wenn ich so sehe, wieviel da in einigen Tourismusgebieten bei den Weinpreisen draufgeschlagen wird, passt das auf keine Kuhhaut mehr. Bei Weinen im unteren bis mittleren Segment mag es noch tolerierbar sein, wenn Weine zu Preisen, die bis zu 300 Prozent über den handelsüblichen liegen, verkauft werden. Aber einen „Super Südtiroler“ für 400 Euro und mehr in der Weinkarte anzubieten, ist total daneben, da wird eine Grenze überschritten. Da entwickeln wir uns in die falsche Richtung. Jeder, der eine Weinkultur besitzt, schlägt bei diesen Preisen die Hände über dem Kopf zusammen. Man spricht so nur Leute an, die am Produkt nicht wirklich interessiert sind, sondern nach dem Prinzip: „Je teurer, desto besser“ konsumieren. Zugleich wird ein Tourismus herangezüchtet, der in Richtung St. Moritz geht, aber zu Südtirol ganz und gar nicht passt. Die Produzenten haben auf diese Entwicklung leider keinen Einfluss. <BR /><BR /> <div class="embed-box"><div class="container-wrapper-genially" style="position: relative; min-height: 400px; max-width: 100%;"><img src=" https://img.genial.ly/5fd380c29270490f70f47a03/f30fb79b-ab39-43a4-b16e-6acb3b0565c8.jpeg" class="loader-genially" style="position: absolute; top: 0; right: 0; bottom: 0; left: 0; margin-top: auto; margin-right: auto; margin-bottom: auto; margin-left: auto; z-index: 1;width: 80px; height: 80px;"/><div id="65eeeffbb658d50015d53baf" class="genially-embed" style="margin: 0px auto; position: relative; height: auto; width: 100%;"></div></div><script>(function (d) { var js, id = "genially-embed-js", ref = d.getElementsByTagName("script")[0]; if (d.getElementById(id)) { return; } js = d.createElement("script"); js.id = id; js.async = true; js.src = " https://view.genial.ly/static/embed/embed.js"; ref.parentNode.insertBefore(js, ref); }(document));</script></div> <BR /><BR /><i>Zur Person: Simon Staffler ist Head of Tasting, also Chefverkoster, für Italien beim Weinmedium „Falstaff“ und gemeinsam mit Othmar Kiem Partner bei Wineline.</i>