Von verstopften Straßen bis Wohnungsnot: Bei vielen Problemen sei der Tourismus weder der Verursacher noch der Schuldige, meint Präsident Hofer. <BR /><BR /><BR /><b>Herr Hofer, wie bewerten Sie das Jahr 2021 für die Tourismusvereine?</b><BR />Ambros Hofer: 2021 war erneut sicher wieder ein schwieriges Jahr, vor allem aufgrund der weiter bestehenden Unsicherheit. Die Pandemie hat die Wichtigkeit der Tourismusvereine vor Ort erneut betont, immerhin waren sie es, die alle Informationen sammeln und für die Mitglieder aufbereiten mussten. <BR />Im Nachhinein können wir auf einen guten Sommer zurückblicken, der sehr positiv verlaufen ist, vor allem beim italienischen Gast konnten wir stark punkten. Im Herbst dann kam es erneut zu Schließungen, Ende November teilweise wieder zu Lockdowns. Hier war es eine harte Aufgabe, die Kommunikation über die Reisebedingungen zu gewährleisten, auch mit dem Ausland, denn jedes Land hatte andere Bestimmungen. Nichtsdestotrotz haben wir den Winter mit einem blauen Auge überstanden – in einigen Destinationen besser, in anderen vielleicht schlechter.<BR /><BR /><b>Und wie schätzen Sie das laufende Jahr ein?</b><BR />Hofer: Wir sind vorsichtig, aber zuversichtlich. Der Tourismus ist nach Ostern gut gestartet, die Buchungen im Frühling und Frühsommer sind gut. Es könnte sein, dass die Zahlen sich wieder an jene von 2019 annähern. Für den Sommer gibt es noch keinen großen Andrang an Buchungen. Die Gäste buchen heute anders als noch vor 10 Jahren, erst im letzten Moment. Deshalb können wir den Sommer noch nicht wirklich einschätzen – aber wie gesagt, wir sind zuversichtlich.<BR /><BR /><embed id="dtext86-54380869_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Auf der Vollversammlung wurden auch laufende Projekte vorgestellt. Was ist hier in Arbeit?</b><BR />Hofer: Wir haben gemeinsam mit dem Handels- und Dienstleistungsverband eine Gesellschaft gegründet, die Vereine, die Veranstaltungen organisieren, vor potentiellen Absagen versichert. Während der Pandemie war das Risiko immer sehr hoch, viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden, und die Tourismusvereine, deren Präsidenten und der Ausschuss, blieben auf den Kosten sitzen. Auch vor der Pandemie kam es immer wieder zu Ausfällen, wetter- oder organisationsbedingt. Jetzt haben die Tourismusvereine die Möglichkeit, sich hier abzusichern. Zudem arbeiten wir gemeinsam mit der STA und dem Land Südtirol an einem einheitlichen Modell der Mobilitätskarte. Das Ziel ist, dass jeder Gast in Südtirol die Mobilität inklusive nutzen kann und so vielleicht stärker auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigt.<BR /><BR /><b>Tatsächlich ist Nachhaltigkeit derzeit ein großes Thema, auch für den Tourismus. Wie stehen Sie dazu?</b><BR />Hofer: Ich persönlich tue mich mit dem Begriff der Nachhaltigkeit etwas schwer, ich sehe ihn eher als Modetrend. Denn bis zum Schluss will jeder vor allem eines: gut arbeiten. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass man die Entwicklung des Landes besser steuern kann und muss, und der Tourismus kann hier viel beitragen. So gibt es bereits Projekte, die den Besucherstrom in gewissen Gebieten regulieren, etwa die Reservierungsmodelle am Pragser Wildsee oder bei den Drei Zinnen. Wenn die verfügbaren Plätze ausgebucht sind, sind sie ausgebucht, wenn es keine Parkplätze mehr gibt, muss man mit dem Bus anreisen. Und dieses Modell kann man bestimmt auf viele Bereiche ausweiten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-54381547_quote" /><BR /><BR /><b>Diese Reservierungsmodelle würden auch die Südtiroler Bevölkerung betreffen. Wie sehen sie die Gesinnung der Einheimischen zum Tourismus?</b><BR />Hofer: Das ist sicher von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich. Größtenteils sind sich die Südtiroler meiner Meinung nach bewusst, dass es viele Infrastrukturen und Arbeitsplätze ohne den Tourismus nicht geben würde. Ich finde es müßig, den Tourismus in jede Problematik hineinzuziehen, etwa beim Verkehr oder der Wohnungsknappheit. Bei vielen Themen ist der Tourismus weder Verursacher noch einziger Schuldiger, denn auch die Einheimischen produzieren Verkehr, und der Wohnraum in Südtirol ist naturgegeben eng bemessen. <BR /><BR /><b>Was halten Sie vom Tourismus-Euro, also einer zweiten Kurtaxe für die Landwirtschaft?</b><BR />Hofer: Grundsätzlich bin ich dagegen. Die klassische Ortstaxe wurde eingeführt, um die Grundfinanzierung der Tourismusvereine im Land zu gewährleisten. Davor waren sie oft ein Bettelverein bei den eigenen Mitgliedern. Wir haben lange und hart dafür gekämpft, die Ortstaxe zu erhalten – und das soll auch so bleiben. Dies gesagt, sind wir natürlich für die Unterstützung der Bauern. Aber hierfür sollte man andere finanzielle Mittel aus dem Landestopf finden. Ein fixer Anteil der Ortstaxe für andere Verbände – das geht nicht.<BR /><BR /><b>Abschließend: Wie stehen Sie zum Landestourismusentwicklungsgesetz (LTEK) und dem darin vorgesehenen Bettenstopp?</b><BR />Hofer: Grundsätzlich habe ich in unseren Gremien das Gefühl, dass der Bettenstopp an sich nicht das Problem ist. Jeder versteht die Notwendigkeit. Allerdings ist das Konzept an sich noch nicht ganz ausgereift. Man will Südtirol immer als ein Ganzes verkaufen, als Einheit. Aber bei den Zuschüssen oder bei der Entwicklung werden dann Unterschiede gemacht, so etwa beim Bettenstopp, der einige Gemeinden schon jetzt betrifft, andere noch kaum. Schon das Raumordnungsgesetz 2019 hat gezeigt, dass Entwürfe, die zu früh genehmigt werden, später oft lange Blockaden mit sich bringen. Wenn man dann noch Konzepte wie das LTEK darüberstülpt, werden die Blockaden noch länger. Grundsätzlich bin ich für das LTEK, aber es muss noch gründlich nachjustiert werden. Denn Einschränkungen sind sicher notwendig, aber eine gesunde Entwicklung muss weiter möglich sein – und wie diese aussieht, sollte vor Ort in der Gemeinde selbst entschieden werden.<BR /><BR />