<b>Herr Kronbichler, Herr Oberhofer, Sie sind Tourismus-Experten, kommen beide aus der Praxis, sind in familiengeführten Hotels großgeworden und beraten nun als Geschäftsführer von 2 großen Agenturen Südtiroler Hoteliers – warum steht der Tourismus Ihrer Meinung nach so oft im Zentrum der Kritik?</b><BR /><BR />Michael Oberhofer: Das Thema ist ein Dauerbrenner, aber die Diskussion rückt tatsächlich abhängig von aktuellen Geschehnissen mal mehr und mal weniger in den Vordergrund. Im Moment ist es das Landestourismusentwicklungskonzept 2030+, das die Gemüter bewegt, letzthin war es die niederschlagsbedingte Wasserknappheit, in der Hochsaison ist es das hohe Verkehrsaufkommen. Das zeigt, dass es immer auch zusätzlich um andere Umstände geht, nicht nur den Tourismus selbst. Ich möchte deswegen eine provokante These in den Raum stellen: Der Tourismus muss immer zu schnell als Sündenbock für alles herhalten. <BR />Es ist wahr, der Tourismus hat eine ganze Reihe von großen Herausforderungen mit sich gebracht – übrigens nicht nur in Südtirol –, die man vor Jahrzehnten überhaupt nicht voraussehen konnte. Damals war Wachstum die alleinige Devise, schließlich versuchte man in der Nachkriegszeit, zu Wohlstand zu kommen. Heute, da wir diesen Wohlstand erreicht haben und seine Vorzüge genießen, ist es leicht, den Tourismus zu verteufeln und so zu tun, als hätten wir auf den Wohlstand genauso gut verzichten können. Ich glaube wirklich, dass der Tourismus so oft als Sündenbock für alles herhalten muss, weil wir die vielfältigen Ursachen für unsere Probleme aus Bequemlichkeit nicht benennen wollen. Es ist viel einfacher, sich einen Schuldigen herauszupicken – besonders, wenn man als besonders moralisch gelten möchte –, als sich einer komplexen Diskussion zu stellen.<BR /><BR />Gerade in Zusammenhang mit dem Landestourismusentwicklungskonzept 2030+ ist der Tourismus wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten; ich behaupte, in den Medien vielleicht sogar mehr als in der Bevölkerung. Er ist angeblich schuld an der übermäßigen Verkehrsbelastung, an der Ressourcenknappheit, daran, dass wir „unsere Seele verkauft haben“, also nicht mehr authentisch sind. Ich frage mich, gesetzt den Fall, dass diese obengenannten Dinge wirklich alle so den Tatsachen entsprechen: Gibt es für sie noch andere Gründe? Wenn ja, welche?<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-54355526_quote" /><BR /><BR /><BR />Alois Kronbichler: Dazu kommt auf einer zweiten Ebene auch noch das persönliche Empfinden: Tourismus findet sozusagen vor unserer Haustür statt. Die Gäste sind spürbar, sichtbar, erlebbar und – weil sie eben im Urlaub sind, der für uns aber Alltag ist – oft auch Gegenstand von Ärgernissen. Die Gäste können uns, so empfinden es viele, manchmal ganz schön nerven. Denken Sie an eine Autofahrt, bei der Sie es eilig haben, weil sie zur Arbeit müssen. Vor Ihnen fährt ein Gast – natürlich für uns zu langsam, weil er die schöne Gegend betrachtet. Das ist völlig verständlich, das würden wir im Urlaub auch tun. Es sind zwei aber unterschiedliche „Geschwindigkeiten“, die sich da begegnen, eben die des Urlaubs einerseits und die des Alltags andererseits. Das vergisst man schnell, wenn man sich über die Person im anderen Wagen ärgert. Aber wenn wir uns die Situation umgekehrt vorstellen? Mir fällt da eine Autofahrt in Rom ein, bei der es mir so erging, nur dass halt ich der Tourist war. Ich danke den verständnisvollen Römern, dass sie mich nicht ausgehupt haben, sondern überraschend viel Verständnis – vielleicht auch zurückzuführen auf mein BZ-Autokennzeichen – gezeigt haben mit mir, der ich nicht wusste, ob ich nun links oder rechts abbiegen sollte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="770600_image" /></div> <BR /><b>Wir „gescheiten“ Einheimischen sind manchmal – anderswo nämlich – auch unsichere Touristen?</b><BR /><BR />Kronbichler: Ja, genau! Gäste – vor allem, wenn sie das erste Mal in eine Gegend reisen – sind unsicher und sie dürfen auch unsicher sein. Da geht es uns allen gleich! Und wenn einem in solchen Situationen jemand hilft, ist man dankbar, ganz egal, ob es eine freundliche Antwort auf eine aus unserer Sicht vielleicht banale Frage ist oder eine verständnisvolle Reaktion auf ein etwas ungeschicktes Verhalten auf dem Berg.<BR /><BR /><BR /><b>Hat das etwas mit dem oft zitierten „Tourismusbewusstsein“ zu tun?</b><BR /><BR />Kronbichler: Ja, ganz wesentlich. Wenn wir es öfter schaffen, das Verhalten der Gäste zu verstehen – weil wir das anderswo vielleicht auch ähnlich erlebt haben –, wird schnell deutlich, dass die Gäste ja nicht so langsam fahren, weil sie uns damit ärgern wollen, sondern dass sie schlicht und einfach einen anderen Rhythmus haben in ihrem wohlverdienten Urlaub. Dass es dann immer wieder – wie überall – leider auch schwarze Schafe gibt, bedeutet nicht, dass das verallgemeinerbar ist. Denken wir an das Verhalten der Urlauber, die neulich am Pragser Wildsee im Eis eingebrochen sind. Alles hat seine Grenzen, und hier sind diese deutlich überschritten worden. Was man dagegen tun kann? Ich weiß es nicht – gegen die Dummheit ist auch im Urlaub kein Kraut gewachsen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-54355528_quote" /><BR /><BR /><BR />Oberhofer: Mir stellt sich immer wieder die Frage, wie es zu dieser Gereiztheit überhaupt kommt, die ich zunehmend und vor allem in der Hochsaison bei uns Einheimischen beobachte. Ich komme auf meine eingangs erstellte These zurück, dass der Tourismus als Sündenbock für alles Mögliche herhalten muss. Nehmen wir an, es gäbe keine Hochsaison. Wären wir dann ausgeglichen und zufrieden, nur, weil im Auto vor uns keiner sitzt, der für unseren Geschmack zu langsam fährt? Oder würden wir einen anderen Grund für unsere Unzufriedenheit an jenem Tag finden, weil wir als Menschen generell recht schnell unzufrieden sind? Ärger am Arbeitsplatz zum Beispiel? Vielleicht hätten wir überhaupt keine Arbeit, wenn es den Tourismus nicht gäbe, weil so viele von uns wirtschaftlich von dieser Branche abhängig sind? <BR /><BR />Das ist jetzt natürlich alles sehr überspitzt formuliert, aber nicht überspitzter als jene es tun, die den Tourismus komplett verteufeln. Seien wir ehrlich zueinander: Der Tourismus ist für Südtirol ökonomisch alternativlos. Zu viele Arbeitsplätze, zu viele weitere Branchen hängen von ihm ab. Wir müssen über realistische Lösungen sprechen und ALLE Ursachen der Probleme, die wir heute haben, analysieren und angehen. Ich bin überhaupt kein Zyniker, ich schätze idealistische Menschen unwahrscheinlich. Aber Idealismus darf nicht theoretisch bleiben, dann verfehlt er seinen Zweck, dann ist er nur schönes Gerede. Und es trägt halt nicht zur Lösung der wirklich großen Herausforderungen bei, denen wir uns stellen müssen; eine Lösung, die kein simples Alles oder Nichts sein kann.<BR /><BR />Um auch noch einmal zur vorhin angesprochenen Genervtheit zu kommen: Wir sollten uns schon darüber im Klaren sein, dass der Tourismus uns nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell bereichert hat. Wir sind durch die Gäste, die uns besucht haben, weltoffener und gescheiter geworden – genauso wie durch unsere eigenen Reisen in andere Länder, die wir uns ohne den materiellen Wohlstand, den der Tourismus uns gebracht hat, überhaupt nicht hätten leisten können. <BR /><BR />Wenn dann im ein oder anderen Hotel ein bisschen zu viel auf Disneyland gemacht wird, kann es gefallen oder auch nicht – mein Geschmack etwa ist es nicht – aber machen wir uns nichts vor: Das sind eher die Ausnahmen als die Regel und halt einfach die Vorstellung mancher Unternehmer, wie sie ihr Business betreiben wollen. Deswegen verliert doch nicht ganz Südtirol seine Authentizität!<BR /><BR /><BR /><b>Da kommen wir aber doch auch zur oft aufgeworfenen Frage von Qualität versus Quantität. Was verstehen Sie denn unter Qualitätstourismus?</b><BR /><BR />Kronbichler: Ich glaube, diese Frage ist für die Diskussion tatsächlich ganz wesentlich. Immer und – ich würde sagen – fast überall wird über Qualitätstourismus, über Qualität statt Quantität usw. gesprochen, auch im neuen Landestourismusentwicklungskonzept. Es wird aber nicht definiert, was das heißen soll. Wovon reden wir denn da überhaupt? Reden wir von der Qualität des Angebots, von der Qualität des Preises oder von der „Qualität“ des Gasts? <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-54355529_quote" /><BR /><BR /><BR />Hat nicht gerade – um es provokativ zu sagen – der Qualitätstourismus (ich verstehe darunter die ständige Weiterentwicklung, die Verbesserung auf Betriebsebene mit der Folge einer besseren Auslastung) zu mehreren jener Probleme geführt, die wir jetzt gerade so stark kritisieren? Kurz gesagt, kann es inhaltliche Qualitätssteigerung ohne eine wie auch immer geartete Steigerung der Quantität überhaupt geben? Ich glaube, es wäre für einen kritisch-konstruktiven Dialog gut, wenn wir diese Floskeln begraben würden – oder aber klar definieren würden, was sie bedeuten. Dasselbe gilt für mich übrigens auch für die ziemlich nichtssagenden Wörter „Massentourismus“ oder „sanfter Tourismus“. Ganz nebenbei: Nach meinem Verständnis haben wir in Südtirol beides nicht, weder Massentourismus noch einen sanften Tourismus. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="770603_image" /></div> <BR />Darf ich nochmal zurückkommen auf den „Qualitätstourismus“ und zwei Definitionen wagen, die ich sehr mag: Qualität hat nichts mit Sternen zu tun, Qualität heißt, dass jeder Betrieb auf seinem Niveau das Optimale bietet: Eine Würstelbude kann in diesem Sinne genauso Qualität bieten wie ein Haubenlokal – eben jeder auf seinem Niveau. Und die zweite Definition ist ein Motto, nämlich: „Gewöhnliches außergewöhnlich gut machen!“ Ich glaube, das erklärt sich von selbst.<BR /><BR />Oberhofer: Stichwort Quantität: Dass Tourismus Beschränkungen braucht, ist unleugbar. Dort, wo die Ressourcen begrenzt sind, kann man nicht unbegrenzt wachsen. Ich bezweifle aber, dass ein genereller Bettenstopp die Lösung ist. Wir haben, wie auch aus dem LTEK deutlich hervorgeht, touristisch unterschiedlich erschlossene Gegenden. Mancherorts ist die Grenze bereits erreicht, andernorts besteht noch Raum nach oben, auch, weil man die Infrastruktur stärken, Arbeitsplätze schaffen, eventuelle Abwanderung in touristisch mehr ausgelastete Gegenden verhindern will. Man kann nicht die gleiche Regel für alle anwenden, wenn alle andere Voraussetzungen haben, das ist ungerecht und kontraproduktiv. Man muss sich darum bemühen, mehr Gleichheit zu schaffen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-54360670_quote" /><BR /><BR /><BR />Bei einem generellen Bettenstopp verlieren zudem ohnehin tendenziell die kleinen Betriebe. Eine veraltete Pension, die von der nächsten Generation nicht nach eigenen Vorstellungen modernisiert werden darf – sich also qualitativ nicht weiterentwickeln kann, weil sie sich quantitativ nicht weiterentwickeln darf – wird auf dem Markt nicht bestehen können. Die potentiellen Nachfolger werden keine Lust dazu haben, den Betrieb zu übernehmen, weil sie ihre Vision nicht umsetzen dürfen. In diesem Punkt muss der aktuelle Vorschlag der Landesregierung sicherlich überarbeitet werden.<BR /><BR />Ich sage damit nicht, dass Modernisierung notgedrungen mit einem Bettenausbau zusammenhängen muss. Es wäre ohnehin an der Zeit, dass wir anfangen, Hotelkonzepte innovativer zu denken. Individualität ist gefragt, es sehen schon zu viele Betriebe gleich aus, und ein historisches Haus, das behutsam saniert wird, damit Bausubstanz und Atmosphäre erhalten bleiben, ist schließlich etwas ganz anderes als ein minimalistischer Neubau. Beide haben ihre Berechtigung und natürlich sind auch die Voraussetzungen für beide komplett unterschiedlich. Da sind schon auch die Hoteliers selbst gefragt, sich mit ihren Vorstellungen ganz genau auseinanderzusetzen. Was erträumen sie sich, womit können sie sich wirklich identifizieren, worin wollen sie ihre Arbeitskraft investieren? Bei der Schaffung der normativen Regeln des Landestourismuskonzepts müssen die Entwicklungsmöglichkeiten von Kleinbetrieben unbedingt berücksichtigt werden.<BR /><BR />Diese Kleinbetriebe sind nämlich die wahre Seele der Gastfreundschaft in Südtirol: Familienunternehmen, deren Mitglieder ganz viel von sich in ihre Arbeit einbringen. Deshalb ist Südtirol wirtschaftlich so stark, weil die Wirtschaftstreibenden durch die Freiheit der Gestaltung, die ihnen gegeben ist, unwahrscheinlich motiviert sind. Sie sind übrigens diejenigen, die sich ganz oft Nachhaltigkeit nicht nur auf die Fahnen schreiben, sondern wirklich auch leben, weil sie es auch im Interesse der eigenen Nachkommen tun. Sie bieten genau das, was die Gäste an einem Urlaub bei uns so begeistert, warum es sie nach Südtirol zieht statt in eine anonyme Hotelkette nach Spanien oder der Türkei. Dort können wir beobachten, wovon wir zum Glück noch verschont geblieben sind: Ganze Gegenden sind von Investoren ihrer Identität beraubt worden, es sind Kolonien entstanden, in denen es nur Deutsche oder Briten oder Skandinavier gibt, die unter sich bleiben, wo in den Restaurants Schweinshaxe oder Yorkshire Pudding aufgetischt wird. Für mich eine Horrorvision. <BR /><BR />Wenn ich da an das Herzblut denke, das in einige Projekte investiert wird, die gerade entstehen – Träume, die über Jahre gereift sind, junge Leute, die es nach langer Auslandserfahrung wieder in die Heimat zurückzieht, weil sie sich hier einfach zu Hause fühlen, hier ihre eigene Familie gründen wollen … Ich rede von einer Generation, die oft eine lange Ausbildung gemacht hat, anderswo eine Bilderbuchkarriere hinlegen könnte, ohne sich in die Risiken des hiesigen Unternehmertums zu stürzen – und sich dann aber trotzdem dafür entscheidet, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Die setzen sich nicht ins gemachte Nest, sie opfern unwahrscheinlich viel, arbeiten wahnsinnig hart, um ihre eigene Vision von einem Zufluchtsort in Südtirol zu realisieren, der Gäste wirklich anspricht… Wir sprechen hier von bis ins Kleinste durchdachten Konzepten, die zeitgemäß sind, absolut auf die Bedürfnisse der Besucher eingehen. Und wir reden von Jungunternehmerinnen und -unternehmern, die einen völlig anderen Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern pflegen, als es in Südtiroler Betrieben vielleicht vor zwanzig Jahren noch der Fall war, nämlich auf Augenhöhe. All diese Anstrengungen müssen belohnt werden.<BR /><BR />Kronbichler: Der Südtiroler Tourismus ist eine Erfolgsgeschichte, die auf den Familienbetrieben basiert. Familienbetriebe denken nicht in erster Linie kapitalistisch, sondern in Existenzen; d. h. das, was aus dem Betrieb herausgeholt wird, wird meist wieder investiert. Wir haben dadurch ein Qualitätsniveau des Angebots erreicht, um das uns andere Destinationen beneiden. Diesen Vorsprung sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen!<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-54360673_quote" /><BR /><BR /><BR />Und Michael, du sagst, Gäste suchen familiengeführte Häuser mit Charakter – zu diesem Charakter gehören auch Nebeneinrichtungen … Und wenn wir Nebeneinrichtungen haben wollen, dann brauchen wir auch Betten – denn Qualität erfordert in diesem Sinne auch Quantität. Jetzt höre ich schon wieder viele schreien: „Ja, wenn die 2 900 Betriebe mit weniger als 40 Betten, die wir in Südtirol haben, alle auf 60 oder 80 Betten erweitern würden, könnt ihr euch das vorstellen? Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das einfach nicht passieren wird. Das sind Unkenrufe. Aber für Jungunternehmer ist es wichtig, dass sie etwas tun können, wenn sie etwas tun wollen. Zu viele Einschränkungen von oben demotivieren die Unternehmer. Und genau das werden wir mit diesem Bettenstopp erreichen. Ich finde es schade, wie diese Diskussion geführt wird. <BR /><BR /><BR /><b>Im Landestourismusentwicklungskonzept ist von „Klein- und Mittelbetrieben versus Resortisierung“ die Rede …</b><BR /><BR />Kronbichler: Das habe ich auch gelesen und den Kopf geschüttelt: Wir haben in Südtirol ca. 3900 gewerbliche Betriebe, davon verfügen etwa 2900 über nicht mehr als 40 Betten – zwei Drittel der Südtiroler Beherbergungsbetriebe haben also weniger als 40 Betten! Und nur ca. 140 dieser Betriebe haben wiederum mehr als 100 Betten, das sind ca. 3,5 Prozent. Also, da von Resortisierung zu reden … Aber da haben wir es schon wieder mit den komischen Begrifflichkeiten zu tun: Was genau heißt eigentlich Resortisierung, sind wir uns darüber alle einig? Wir reden jedenfalls von einem Resort, wenn der Betrieb mindestens 80 Zimmer hat, und das sind in Südtirol weniger als 40 Betriebe, also 1 Prozent.<BR /><BR />Wenn wir über „Probleme“ reden, müssen wir diese zuerst klar benennen und nicht einfach Worthülsen in den Raum werfen, die jeder anders interpretiert bzw. interpretieren kann. <BR /><BR />Ich möchte hier auch noch anmerken, dass ich ein bisschen unglücklich darüber bin, wie die Medien diese ganzen Zahlen interpretieren. Es scheint mir, als wollen sie vor allem die negativen Aspekte des Tourismus betonen. In einem kürzlich erschienen Bericht über das LTEK heißt es zum Beispiel, dass sich die 4+- und 5-Sterne-Häuser in den letzten Jahren verdoppelt haben … dass aber nur 3 bis 4 Prozent der gesamten 3900 gewerblichen Betriebe in dieser Kategorie sind, wird verschwiegen. Das ist für mich nicht ausgewogener Journalismus. <BR /><BR />Wie gesagt, ich bin überzeugt davon, dass das Rückgrat unseres selbstbestimmten Tourismus in Südtirol die mit enorm viel Einsatz geführten Familienbetriebe sind. Es gibt in Südtirol kaum ausländische Investoren. Die Familienbetriebe zu erhalten, ist ein Grundwert, den wir 100-prozentig vertreten. Für mich geht er sogar noch vor jede Nachhaltigkeitsdiskussion – einfach deshalb, weil die Nachhaltigkeit ohnehin flöten geht, sobald anonyme Investoren eine Region übernehmen. <BR /><BR /><BR /><b>Reden wir über das große Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung: Der Aufruf, sparsam mit dem Wasser umzugehen, hat letzthin für Entrüstung gesorgt, weil der Wasserverbrauch für Wellnesshotels keine Rolle zu spielen scheint.</b><BR /><BR />Oberhofer: Das ist in der Tat eines der großen komplexen Themen, denen wir uns gemeinsam stellen müssen, ohne deshalb den Tourismus an sich zu verteufeln. Thomas Bausch vom Kompetenzzentrum Tourismus und Mobilität der Uni Bozen, der schwerpunktmäßig über die Auswirkungen des Tourismus auf demografischen Wandel und Klimawandel sowie die Wahrnehmung von Nachhaltigkeit und nachhaltigem Tourismus forscht, hat sich neulich übrigens genau dazu geäußert. Seiner Einschätzung nach hängt Nachhaltigkeit nicht unbedingt mit der Größe eines Betriebs zusammen. Größere Einrichtungen sind sogar effizienter und besser zu managen als kleine, weil eine kleine Einrichtung viel mehr Fläche, Energie und Wasser pro Gast benötigt. Seiner Analyse nach geht es jetzt vor allem um nachhaltige Mobilität, eine bessere Nutzung von vorhandenen Ressourcen und Infrastrukturen und eine gute zeitliche Verteilung – um das in der Umsetzung möglichst gut hinkriegen, ist die Zusammenarbeit auch mit Experten gefragt.<BR />In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Gemeinden in der Verantwortung. Bei einem Bauvorhaben müssen die Unternehmerinnen und Unternehmer primäre und sekundäre Erschließungskosten aber auch Baukosten bezahlen, sie entrichten zudem hohe Gemeindeimmobiliensteuern. Das sind Gelder, die die Gemeinden entsprechend für moderne Infrastrukturen wie beispielsweise die Wasserversorgung einsetzen müssen. Das sind aber auch Gelder, die der einheimischen Gemeinschaft zugutekommen, weil durch höhere Einzahlungen der Betriebe andere Gebühren und Tarife reduziert werden können. Ich glaube, dass wir hier – wie eben in allen angesprochenen Bereichen – ausgefeilte Lösungen für sehr komplexe und oft widersprüchliche Sachverhalte finden müssen, ohne verbal aufeinander einzuprügeln. Das ist es ja gerade, wir verkennen nicht die Zeichen der Zeit, wissen aber auch, dass simple Antworten auf komplizierte Fragen einfach nicht funktionieren. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-54360674_quote" /><BR /><BR /><BR />Kronbichler: Beim Thema Gemeinderegelungen möchte ich die angedachte Bettenbörse kurz ansprechen, die als Idee sicher nicht ganz schlecht ist. Wir müssen uns halt auch darum bemühen, die Kriterien genau zu definieren, nach denen die Betten vergeben werden. Ebenso wichtig ist es, die Entwicklung bei Privatvermietern wie AirBnb oder Urlaub auf dem Bauernhof zu regulieren. AirBnb ist eine Werbeplattform und sonst nichts. Wir schaffen es aber nicht, Zweitwohnungen ordentlich zu kontrollieren und deshalb ist halt wieder der Tourismus schuld. Eigentlich geht es aber darum, dass niemand mehr vermieten will, weil die Gesetze so gemacht sind, dass die Eigentümer die Mieter nicht mehr aus den Wohnungen herausbringen, wenn sie beispielsweise die Wohnung selbst brauchen. Das macht es für Wohnungsbesitzer zur einfacheren Lösung, die Wohnungen über AirBnb zu vermieten – was wiederum den Wohnungsmarkt für Einheimische völlig dereguliert. Da setzt man an den falschen Hebeln an, aber man tut es wohl, weil es einfacher und bequemer ist und man gewisse Dinge nicht angehen will.<BR /><BR /><BR /><b>Ein weiteres Problem, das Sie ja eingangs bereits angesprochen haben, ist die hohe Verkehrsbelastung in der Hauptsaison. Wie kann man die ohne Bettenstopp beheben?</b><BR /><BR />Kronbichler: Auch dieser Ansatz ist mir zu einfach gedacht. Wir müssen uns erst einmal überhaupt fragen, woher die Verkehrsüberlastung wirklich kommt. Sind auf den Straßen nur Hotelgäste unterwegs? Wohl kaum. Der Tagestourismus trägt enorm zum Verkehr bei und natürlich auch wir Einheimischen selbst. Wir fahren ja grundsätzlich überallhin mit dem Auto.<BR /><BR />In allererster Linie stelle ich mir aber die Frage, wie man mit einem Bettenstopp Verkehrsprobleme lösen will in einem Verkehrsnetz, das – entgegen vieler anderer Regionen in Europa – teilweise noch aus den 50iger-Jahren stammt. Die Mobilität hat sich in Südtirol wie überall auf der Welt enorm entwickelt, es sind viel mehr Autos dazugekommen, wir müssen uns mehr von hier nach dort bewegen, und dies erst einmal ganz unabhängig vom Tourismus. Es ist einfach an der Zeit, verkehrstechnische Maßnahmen zur Modernisierung unserer Straßeninfrastruktur zu ergreifen. Danach kann und soll man auch den Zugang zu touristischen Hotspots regulieren – aber da gibt es ja auch schon gute Beispiele wie z. B. im Pragsertal.<BR /><BR /><BR /><b>Wie gehen wir also mit den ganzen Widersprüchen um, die Sie in diesem Gespräch auch deutlich angesprochen haben? Lassen sie sich überhaupt auflösen?</b><BR /><BR />Oberhofer: Ehrlich gesagt: Ich glaube, nein. Die Welt ist komplex und vielfältig, und es wird für jedes Pro immer ein Kontra geben. Was uns aber möglich ist, was wichtig ist und wozu ich auffordere: dass wir uns alle gemeinsam einer ehrlichen Diskussion stellen und uns so zumindest der – oder einer – bestmöglichen Lösung annähern. Diesbezüglich gibt es sicherlich noch Gesprächsbedarf, auch im Hinblick der Umsetzung des 2030+.<BR /><BR />Wir müssen es in dieser Deutlichkeit sagen: Der Tourismus ist in unseren Fundamenten verankert, wirtschaftlich und kulturell, und zwar so sehr, dass er mittlerweile für uns identitätsstiftend geworden ist. Er wird und soll ein wichtiger und gewichtiger Wirtschaftsfaktor bleiben.