Es ist frühlingshaft warm in Bozen – ein guter Tag für Abdul Qadeer, um Essen quer durch die Stadt zu liefern. Sein Handy vibriert. Es ist der Auftraggeber Deliveroo, der sich per App mit der nächsten Lieferung meldet: Eis von der Mailandstraße in die Romstraße bringen, direkt danach Essen von der Palermostraße zum Mazziniplatz. Der Lohn für beide Aufträge: 7,21 Euro brutto. Das sind gerade einmal 3,60 Euro pro Fahrt – ein karger Verdienst in einer Stadt, in der eine Kugel Eis schon fast die Hälfte kostet.<BR /><BR />Qadeer lehnt ab. Er kann es sich mittlerweile leisten, Nein zu sagen, denn er hat sich mit einem eigenen Imbiss selbstständig gemacht. Doch viele andere „Rider“, wie die Essenslieferanten genannt werden, sind auf jeden noch so schlecht bezahlten Auftrag angewiesen und fürchten, bei zu vielen Absagen von der App gesperrt zu werden. <h3> 60.000 „Rider“ in Italien tätig</h3>Offizielle Zahlen gibt es kaum. Schätzungen der Staatsanwaltschaft Mailand gehen jedoch von rund 60.000 „Ridern“ in Italien aus, die für die Branchenriesen Deliveroo oder Glovo in die Pedale treten. Auch in Bozen und Meran gehören die Kuriere mit ihren markanten, quadratischen Rucksäcken längst zum Stadtbild.<BR /><BR />Wer hinter den Lenkern sitzt, folgt einem klaren Muster, zeigt eine Erhebung der Gewerkschaft CGIL: Fast 92 Prozent der „Rider“ sind junge Männer, der Großteil von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Viele stammen aus Drittstaaten außerhalb der EU, allen voran aus Pakistan. Für sie ist dieser Job oft einer der wenigen Zugänge zum Arbeitsmarkt. Das bestätigt auch Qadeer: „Es ist für viele schwierig, eine andere Arbeit zu finden.“<h3> Entlohnung ist in letzter Zeit gesunken</h3>Qadeer ist seit 2021 als Lieferbote tätig. Anfangs war er fast täglich auf den Straßen Bozens unterwegs. „An guten Tagen schaffte ich mehr als 15 Lieferungen“, erinnert er sich.<BR /><BR />Mittlerweile fällt es ihm jedoch zunehmend schwerer, Aufträge anzunehmen: „Sie zahlen mittlerweile einfach viel zu wenig.“ Heute blieben oft nur 3,76 Euro pro Lieferung hängen. „Wenn du von morgens bis tief in die Nacht fährst – wir liefern teilweise bis drei Uhr morgens –, kommst du vielleicht auf 50 bis 60 Euro am Tag.“ Abzüglich Steuern blieben am Ende des Monats kaum 1.000 Euro übrig. „Damit ist es schwierig, seine Familie zu ernähren“, so Qadeer. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1288146_image" /></div> <BR /><BR />Das Problem liegt im System: Fast alle „Rider“ arbeiten als Selbstständige. Für die Fahrer bedeutet das, dass sie eine eigene Mehrwertsteuernummer eröffnen müssen. Damit tragen sie das volle unternehmerische Risiko: Nur erledigte Aufträge werden bezahlt. Wer krank ist, verdient nichts. Wer einen Unfall hat oder einen Defekt am Rad oder Roller, trägt den Schaden oft selbst. Urlaub gibt es keinen. <BR /><BR />Hinzu kommt, dass die „Rider“ ihre Ausrüstung selbst bezahlen müssen. Rucksack, Warmhaltebox, wetterfeste Jacken: All das muss Abdul Qadeer aus eigener Tasche bezahlen. „Ein Rucksack kostet mit Lieferung etwa 35 Euro“, sagt er.<h3>Staatsanwaltschaft ermittelt</h3>Auch die heimischen Gewerkschaften schlagen Alarm. „Der Wert einer einzelnen Lieferung ist massiv gesunken“, sagt Andrea Beggio von der CGIL/AGB. Hinzu kämen weitere Probleme: Wartezeiten der Rider werden nicht bezahlt. „Außerdem gibt es auch eine Monetarisierung des Risikos, etwas, das in normalen Unternehmen so nicht vorkommt. Wer also bei Regen oder Glätte seine Gesundheit auf der Straße riskiert, bekommt ein paar Cent extra.“ <BR /><BR />Mittlerweile hat sich auch die Mailänder Staatsanwaltschaft eingeschaltet: Sie hat sowohl Glovo als auch Deliveroo unter Justizaufsicht gestellt. Abdul Qadeer hofft, dass sich dadurch die Arbeitsbedingungen für die „Rider“ verbessern. Doch bis sich wirklich etwas ändert, zählt für viele von ihnen jede kleine Geste. „Schon ein Trinkgeld hilft.“