In den kommenden zehn Jahren seien rund 1,6 Millionen Unternehmen in Europa vom Bankrott bedroht – das sei eine Chance für türkische Firmen, sagte Wirtschaftsminister Zafer Caglayan jetzt. Der gegen die Staatspleite kämpfende Nachbar Griechenland lud türkische Unternehmer sogar ausdrücklich zu Investitionen ein. Doch die Krise beim Haupthandelspartner Europa birgt auch Risiken für die Türkei. Der IWF sagt der erfolgsverwöhnten Türkei für das kommende Jahr einen drastischen Einbruch des Wirtschaftswachstums voraus.Minister Caglayan stellte türkischen Firmen auf der Suche nach einem geeigneten Übernahmeobjekt in Europa staatliche Zuschüsse von jeweils 200.000 US-Dollar (149.142 Euro) für die nötigen betriebswirtschaftlichen und juristischen Vorarbeiten in Aussicht. In den vergangenen Jahren hatten türkische Firmen zwar einige traditionsreiche europäische Marken wie den deutschen Elektronik-Hersteller Grundig oder die belgische Schokoladen-Firma Godiva übernommen, doch hielten sich die türkischen Shopping-Ausflüge in Europa bisher in engen Grenzen. Laut Caglayan soll das nun anders werden.Krise als ChanceDie Krise in der EU bietet türkischen Unternehmen eine gute Chance für die Expansion, ist die Regierung in Ankara überzeugt. Griechische Wirtschaftsvertreter erläuterten kürzlich bei einem Besuch türkischer Kollegen in Athen und Thessaloniki die Möglichkeiten für Investitionen, die sich aus dem griechischen Privatisierungsprogramm mit einem Gesamtvolumen von 50 Milliarden Euro ergäben. Das Angebot reiche von Flug- und Seehäfen über Telekommunikationsunternehmen bis zu Hotels.Interesse in Italien steigt offenbarAuch in Italien, ebenfalls krisengeschütteltes EU-Land, steigt offenbar das Interesse an türkischen Partnern. Der türkische Schuh-Hersteller Ziylan hat nach eigenen Angaben mit Gesprächen zur Übernahme einer italienischen Schuhkette mit 51 Filialen in 41 Ländern begonnen. Eine Delegation türkischer Textilunternehmer will in Kürze nach Italien reisen, nachdem rund 100 dortige Firmen eine Zusammenarbeit mit türkischen Unternehmen vorgeschlagen hatten.Wirtschaftsstärke der Türke wächstDas Interesse an der Übernahme europäischer Firmen spiegelt die wachsende Wirtschaftsstärke und das Selbstbewusstsein der Türken wider. Nach neun Prozent Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr rechnet die Türkei für 2011 trotz der Krise in Europa und den politischen Umwälzungen im Nahen Osten noch mit 7,5 Prozent. Für das kommende Jahr geht die Regierung in ihrem Haushaltsplan von vier Prozent Wachstum aus – davon können EU-Länder nur träumen. In den vergangenen acht Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes mehr als verdoppelt. Ferit Sahenk, Chef des Mischkonzerns Dogus, rief internationale Investoren kürzlich auf, sie sollten sich von der Krisenregion Europa abwenden und in die Türkei kommen.Aber internationale Investoren werden sich nicht nur die Chancen der Türkei ansehen, sondern auch die Risiken. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagte dem Land für das kommende Jahr ein Wachstum von nur noch zwei Prozent voraus – nur halb so viel wie von der Regierung angenommen. Die Experten beim IWF und ander Fachleute machen sich vor allem Sorgen um das große Leistungsbilanzdefizit der Türken, das bei zehn Prozent des BIP liegt.Die Regierung will das Defizit im kommenden Jahr auf acht Prozent des BIP drücken und lässt sich auch von den Wachstumswarnungen des IWF nicht von ihrem Optimismus abbringen. Der IWF habe schon häufiger seine Voraussagung zur Türkei korrigieren müssen und werde das auch diesmal wieder tun, sagte Wirtschaftsminister Caglayan. Die Türkei stehe besser da als die meisten EU-Länder.Zumindest ein Teil der Öffentlichkeit teilt dieses Selbstbewusstsein. Als die Regierung jetzt ihren Haushaltsplan für 2012 vorlegte, der die Türkei bei wichtigen Stabilitätskriterien besser aussehen lässt als so manches Euro-Land, kommentierte die Zeitung „Star“, das Land habe ein „Budget, um das uns die Welt beneidet“.apa