Mittwoch, 20. Januar 2016

„… und dann schaut der Westen wieder dumm aus der Wäsche“

10 Jahre lang hielten USA und EU an ihren Strafmaßnahmen fest. 10 Jahre lang lag der Iran brach. Am Sonntag fielen die Sanktionen. Die Welt blickt nun auf ein Land, das Christian Schweigkofler vom IDM, abgesehen von den riesigen Erdölreserven, mit dem „Südtirol der 50er“ vergleicht: durch und durch bäuerlich geprägt. Es gebe viel zu tun. Auch für Südtirol.

Alltagsszene in Teheran: Seit der Aufhebung der Sanktionen unternimmt der Iran große Schritte zurück aus der 10 Jahre währenden Isolation.
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Alltagsszene in Teheran: Seit der Aufhebung der Sanktionen unternimmt der Iran große Schritte zurück aus der 10 Jahre währenden Isolation. - Foto: © APA/AFP

Südtirol Online: Der Iran ist zurück auf der Weltbühne. Deutschland hofft auf Milliardengeschäfte. Kann auch Südtirol von dem Comeback des Irans profitieren?

Christian Schweigkofler, Leiter des Customer Management der Abteilung Sales Support im IDM: Iran ist ein großes Land, 80 Millionen Einwohner, gleich viel wie Deutschland. Da kann man viel holen. Südtirol ist da voll mit im Boot. Wir als IDM haben die Aufhebung der Sanktionen bereits im Herbst 2015 kommen sehen und für April 2016 eine Unternehmerreise für die Bau- und Bauzulieferbranche nach Teheran geplant. Wir hatten schon Kontakt zur deutschen Außenhandelskammer. Doch die ist nun durch die Vielzahl deutscher Anfragen derart unter Druck geraten, dass sie die Dienstleistungen für ausländische Anfragen hinten anstellt. Wir werden unsere Unternehmerreise nun im Herbst 2016 anbieten.

STOL: Neben der Chemie- und Autoindustrie hofft nicht zuletzt die Maschinenbau-Branche auf Geschäfte mit dem Iran. In welchen Branchen haben Südtiroler Unternehmen Chancen?
Der Iran lag 10 Jahre lang brach. Wichtige Infrastrukturen wurden nicht errichtet, da die Zulieferungen aus der EU, USA und Kanada fehlten. Das betrifft die Bereiche Wasser- und Abfallmanagement, Schienennetz, Straßen, Flughafen. Im Iran fehlt es an Vielem. Das große Problem, mit dem sich der Iran derzeit herumschlägt, hängt mit den Erdöl- und Erdgasreserven zusammen: Die sind bekanntlich riesig, gut möglich, dass diese den Erdölweltmarkt überschwemmen. Ob ein Land, dessen Wirtschaft so stark an Erdöl- und Erdgasexporten hängt und so wenige Devisen dafür einnimmt, imstande ist, Geld für notwendige Infrastrukturen locker zu machen, das wird sich erst weisen.

STOL: Unmittelbar nach Aufhebung der Sanktionen, ist der Erdölpreis in den Keller gerasselt. Die Verbraucher freut das günstige Tanken.
In Sachen Rohölpreis ist meines Erachtens die Talsohle erreicht. Der Rohölpreis pro Barrel ist so tief wie zuletzt vor 15 Jahren. Ich habe indessen andere Sorgen: Irgendwann werden wir die tiefen Preise wieder saftig zahlen. Wenn sich die großen Erdölförderer – Russland, Iran, Saudi-Arabien, USA, Venezuela und Kolumbien – darauf einigen, die Förderung fossiler Brennstoffe radikal zurückzuschrauben, wird der Diesel-Preis wieder die 2-Euro-Marke erreichen und der Westen dumm aus der Wäsche schauen. Früher oder später ist es wieder soweit.

STOL: Hat Südtirol bereits vor den Sanktionen 2005 Handelsbeziehungen zum Iran unterhalten?
Minimal. Das Embargo betraf vor allem sogenannte Militärgüter, technische Güter, „Dual Use“-Güter. Dazu kamen das Personenembargo sowie die Schwierigkeiten mit dem Zahlungsverkehr. Folglich hat die Wirtschaft diesen Markt grundsätzlich aus dem Blick verloren. Kleinigkeiten hat Südtirol in dieser Zeit nach wie vor in den Iran geliefert – Lebensmittel, Baumaschinen. Aber nicht nennenswert.

Irans Präsident Hassan Rohani: "Mit diesem Abkommen haben alle gewonnen, sowohl im In- als auch im Ausland." - Foto: AFP

STOL: Wenn nun der Handel mit dem Iran anläuft, welche Umsatzzahlen könnte Südtirol erreichen?
Schwierige Frage. Ich kann nur eines festhalten: Wenn Iran wieder die einstige wirtschaftliche, politische Größe erlangt, die es einst innehatte, dann ist der Markt sicher riesig. Aber das hängt auch mit der Entwicklung der politischen Stabilität zusammen. Denken Sie unlängst an die Spannungen zwischen Saudi Arabien und dem Iran. Aber bedenken wir doch mal: Drei Autostunden von Teheran entfernt, gibt’s einige Skigebiete bis auf 3000 Metern Meereshöhe.

STOL: Das heißt, Südtiroler Seilbahnunternehmen wären gefordert.
Opportunitäten für die gesamte Wintertechnik-Branche, die sich hierzulande bereits etabliert hat. Die Iraner haben die Möglichkeit was Großes aufzubauen – und sie haben auch das Geld dazu. Nur müssen die Erdöldevisen richtig verteilt werden, damit die 80 Millionen Menschen halbwegs einen angemessenen Lebensstandard erreichen und investieren können.

STOL: In Südtirol heißt es, der Tourismus sei der Motor der Wirtschaft. Gründet Irans Wirtschaft ausschließlich auf fossilen Brennstoffen?
80 Prozent der Exportwirtschaft betrifft Erdöl und Erdgas. Wenn man davon absieht, ist Iran recht landwirtschaftlich geprägt. Es gibt viele Bauern, Kleinbauern, Selbstversorger – wie im Südtirol der 50er-Jahre. Für die landwirtschaftliche Maschinenbranche gibt’s im Iran deshalb sicher auch Chancen. Plus: Der Bildungsgrad im Iran ist recht hoch, es gibt gute Universitäten. Viele, gut ausgebildete Iraner leben im europäischen Ausland. Menschen mit offenem Geist. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese wieder in den Iran zurückkehren, Intelligenz ins Land bringen und das Land auf Vordermann bringen.

STOL: Der Iran gilt nicht als Lehrbeispiel für Demokratie. Mit den Menschenrechten nimmt es der Staat nicht so genau. Trotzdem bemüht man sich nun, den Handel mit dem Iran anzukurbeln. Verhält es sich in der Wirtschaft wie im Krieg und in der Liebe: Ist alles erlaubt?
Würde ich so nicht sagen. Natürlich, das Wirtschaftsgebaren in den arabischen Ländern wird weniger von Preis, Angebot und Nachfrage gestaltet. In erster Linie zählt die persönliche Bekanntschaft. Um in einem zweiten Moment ins Geschäft zu kommen, muss der Unternehmer zuerst zum Freund werden. Diese Geschäftsgebarung finden wir in Saudi-Arabien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Ägypten. Zudem ist die Gesellschaft patriarchalisch organisiert, die Frau hat wenig zu sagen. Aber das ist ein gesellschaftliches Thema.

STOL: Das keine Auswirkungen auf die Wirtschaft haben sollte?
Natürlich ist das ein Grundsatzfrage, die sich die Unternehmen stellen müssen, ob man mit Ländern arbeitet, in denen man es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt. Aber diese Frage muss man sich bei vielen Märkten stellen: Russland, China, Türkei – um nur einige zu nennen.

Interview: Petra Gasslitter

stol