<BR /><BR /><b>Frau Böl, Sie haben zum Thema „Obst gesund oder giftig? Reale Risiken versus Bauchgefühl und mediale Darstellung“ referiert. Was ist das Fazit: Sind alle Sorgen der Konsumenten wegen der Pestizide nur von den Medien aufgebauscht oder gibt es reale Risiken?<BR /></b>Gaby-Fleur Böl: Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich zunächst festhalten: Unsere Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute. Daran ändern auch alle vermeintlichen „Skandale“ nichts. Im Gegenteil, sie belegen doch die Wachsamkeit und Wirksamkeit der Überwachung. Öffentlich wird das Thema Pflanzenschutzmittelrückstände dennoch seit vielen Jahren intensiv und mitunter sehr zugespitzt diskutiert. Regelmäßig stehen einzelne Lebensmittel – Erdbeeren oder Glühwein zum Beispiel – im Fokus von Untersuchungen, bei denen Spuren von Pflanzenschutzmittelrückständen nachgewiesen werden. Das wird dann in der medialen Berichterstattung teils vereinfacht und unkritisch dargestellt. Dabei kann bei Verbraucherinnen und Verbrauchern das Gefühl entstehen, schleichend vergiftet zu werden. Wir sagen dann, nein, eine Vergiftung über solche Spuren ist wissenschaftlich nicht belegt. Der bloße Nachweis sagt noch nichts über ein gesundheitliches Risiko.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73142311_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Aber gibt es echte gesundheitliche Risiken?</b><BR />Böl: Im Rahmen von Zulassungsverfahren prüft das Bundesinstitut für Risikobewertung Pflanzenschutzmittel und die in ihnen enthaltenen Wirkstoffe auf gesundheitliche Risiken. Das schließt auch erwartbare Rückstände in Lebensmitteln mit ein. Gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern durch korrekt eingesetzte zugelassene Pflanzenschutzmittel sind nicht zu erwarten. Nach allem, was wissenschaftlich momentan bekannt ist, besteht für die Verbraucherinnen und Verbraucher kein nennenswertes gesundheitliches Risiko durch Rückstände in und auf Lebensmitteln. Die meisten Proben sind pflanzenschutzmittelfrei oder enthalten so geringe Rückstände, dass keine gesundheitliche Beeinträchtigung zu erwarten ist.<BR /><BR /><b>Sie haben es gerade angesprochen: Pflanzenschutzmittel und deren Rückstände werden heute akkurat überprüft – woher kommt dann die Angst der Verbraucher vor dem Gift auf ihrem Teller? Zu wenig Vertrauen in die Wissenschaft?</b><BR />Böl: Im Allgemeinen schätzen Menschen Risiken geringer ein, wenn sie das Gefühl haben, sie selber kontrollieren zu können. Pflanzenschutzmittel sind in der Nahrung allerdings nicht zu erkennen, die Aufnahme der Stoffe ist damit nur schwer zu kontrollieren. Das erzeugt Misstrauen und schlimmstenfalls Widerstand. Aus Sicht vieler Menschen sollten bestimmte Substanzen im Essen gar nicht vorhanden, am besten verboten sein. Ein Grund dafür ist sicher der „Mythos der gütigen Natur“. Alles, was aus der Natur kommt, wird als „sicher“ wahrgenommen, Risiken durch synthetisch hergestellte Stoffe wie Pflanzenschutzmittel oder durch Verunreinigungen wie mit dem allgegenwärtigen Dioxin werden dagegen als besonders brisant eingeschätzt. Doch die scheinbar wohlwollende Natur hat viele schädliche Stoffe parat, man denke nur an potentiell krebserregende Schimmelpilzgifte. Etliche Pflanzen bilden Toxine – oftmals, um sich Fressfeinden zu erwehren. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73142312_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Andererseits muss man auch sagen: In der Landwirtschaft gibt es heute gegen viele Probleme ein chemisches Mittel: gegen Pilze, Schädlinge, Unkraut usw. Auch wenn die Bauern all diese Mittel nur verwenden, wenn sie unbedingt notwendig sind und dabei alle gesetzlichen Vorgaben einhalten – ist es nicht doch nachvollziehbar, dass dem Konsumenten Zweifel kommen, ob der Apfel dann schon noch gesund ist?</b><BR />Böl: Bei bestimmungsgemäßem und sachgerechtem Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln sind gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Rückstände nicht zu erwarten, das gilt für Äpfel und für alle anderen Obstarten auch. Bei der Betrachtung möglicher gesundheitlicher Risiken ist auch zu bedenken, dass Obst und Gemüse im Rahmen einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung als Lieferanten für Vitamine und Mineralstoffe für die menschliche Gesundheit unverzichtbar sind. Und noch etwas: Wer zum Beispiel raucht oder Alkohol trinkt, geht höhere gesundheitliche Risiken ein als durch den Verzehr von Obst, das minimale Spuren von Pestizid-Rückständen enthält, um nur mal ein Beispiel für nachgewiesenermaßen gesundheitsschädliche Verhaltensweisen zu nennen, die vielen Menschen weniger Sorgen bereiten. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73143211_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und was sagen Sie als Wissenschaftlerin zur Verwendung von Glyphosat? Im Vorjahr hat ein US-Gericht den Chemiekonzern Monsanto zu einem Rekord-Schadenersatz verklagt, weil es einen Zusammenhang zwischen einer Krebserkankung und der Verwendung von Glyphosat als gegeben sah…</b><BR />Böl: Die Risikobewertungen der einschlägigen Bewertungsbehörden weltweit sind eindeutig: Glyphosat hat kein krebserregendes Potenzial. Zu diesem Schluss kam im Jahr 2022 die Europäische Chemikalienagentur bei einer erneuten Gefahrenbewertung von Glyphosat. Im Rahmen der im Jahr 2023 abgeschlossenen erneuten EU-Bewertung sind alle am Verfahren beteiligten Bewertungsbehörden der EU-Mitgliedstaaten sowie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zu dem Schluss gelangt, dass es keinen gesicherten Zusammenhang zwischen einer Glyphosatexposition und einem erhöhten Risiko für Krebserkrankungen gibt.<BR /><BR /><b>Pflanzenschutzmittel waren bereits öfters ein Thema in der deutschen Presse, auch mit Bezug zu Südtirol: Die „Süddeutsche Zeitung“ und der BR berichteten zum Beispiel vor drei Jahren darüber, wie „das Gift in den (Südtiroler) Apfel kommt“, Jahre zuvor hatte das Münchner Umweltinstitut mit seiner Aktion „Pestizidtirol“ für Schlagzeilen gesorgt. Welche Rolle spielen die Medien beim dem Thema?</b><BR />Böl: „Bad news are good news“ – was zählt, ist leider zu häufig der „Aufreger des Tages“. Diese Skandalisierung verzerrt die Wirklichkeit und weckt unnötige Ängste. Daher würde ich mir mehr Sachlichkeit beim sensiblen Thema Lebensmittelsicherheit wünschen. Zu oft wird außer Acht gelassen, dass die Dosis das Gift macht. Der Nachweis eines Stoffes allein ist nicht ausschlaggebend – die alles entscheidende Frage lautet: wieviel? <h3> Zur Veranstaltung: Obstbauseminar mit 180 Teilnehmern</h3> Die Themen Pflanzenschutz und Zulassungen standen heuer im Mittelpunkt des dreitägigen Obstbauseminars, das gestern zu Ende ging. Die Veranstaltung, die vom Absolventenverein landwirtschaftlicher Schulen (ALS) organisiert wurde, bringt Obstbauern, Experten und Nachwuchskräfte zusammen. Rund 180 Teilnehmer waren bei der mittlerweile 37. Ausgabe im Bildungszentrum Haus der Familie in Lichtenstern am Ritten dabei.