Samstag, 30. Mai 2015

"USA, die Spitze der Ungleichheit"

Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz nimmt als Gastreferent beim Festival der Wirtschaft in Trient sein Heimatland USA heftig in die Kritik.

Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz (links) bei seinem Auftritt in Trient (Foto: Festival der Wirtschaft)
Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz (links) bei seinem Auftritt in Trient (Foto: Festival der Wirtschaft)

Die USA gehören heute zu jenen Ländern, in denen die Ungleichheit zwischen Arm und Reich am größten ist. Dies unterstrich der US-Nobelpreisträger für Wirtschat 2001, Joseph E. Stiglitz, am Samstag auf einer viel beachteten Vorlesung im Auditorium Santa Chiara in Trient.

Stiglitz schiebt einen erheblichen Teil der Schuld an diesen Zuständen der US-Politik in die Schuhe, und auch den derzeitigen Präsidenten Barak Obmana hat er mit seiner Kritik nicht verschont, gleich wie dessen Vorgänger Bush. Sie alle hätten mit ihren Steuer- und Geldpolitiken aufs falsche Pferd gesetzt mit der Folge, dass die Kluft zwischen Reich und Arm weiter zugenommen habe.

Stiglitz erklärte, die Zunahme des Reichtums in der amerikanischen Oberschicht, weitgehend aus Kapitalerträgen und (vererbten) Vermögenswerten bestehend, und der Zuwachs an armen Leuten habe vor allem die Mittelschicht geschwächt, deren Einkommen heute keineswegs mehr ausreiche, um die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Das Durchschnittseinkommen der Amerikaner sei heute niedriger als vor 50 Jahren und der Mindestlohn liege derzeit in etwa auf dem Niveau von vor sechzig Jahren. Übrigens gehört laut Stiglitz auch Italien zu jenen "Spitzenländern", in denen die Ungleichheit am größten sei und infolge der ungleichn Verteilung des Reichtums die Unbeweglichkeit der sozialen Mobilität am ausgeprägtesten.

Kinder brauchen für Bildung "die richtigen Eltern" - mit Geld

Ungleichheit bedeute auch, dass die unteren Einkommensschichten einen schwierigeren Zugang zu Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, zur Gesundheitsvorsorge und zur Gerechtigkeit gemeinhin haben. Der Zugang zur Bildung beispielsweise sei heute schwieriger als noch vor wenigen Jahren, es sei denn, die Kinder "hätten die richtigen Eltern", das heißt, die nötigen Mittel.

Stiglitz legte eine ganze Reihe von Tabellen und Statistiken und davon abzuleitende Lehrsätze vor, wobei er immer wieder zur Schlussfolgerung gelangte, dass nur eine neue Steuer- und Kapitalpolitik die Lösung des Problems bringen könne.

Die Wirtschaft brauche laut Stiglitz präzise Regelungen, mit denen die soziale Mobilität den Aufstieg durch Bildung und Leistung fördere, die Bevorzugung von Kapital und Grundeigentum - auch durch das vom Staat geförderte Bankenwesen - in geordnete Bahnen lenke und damit auch die demokratische Entwicklung fördere, die der Nobelpreisträger heute ernsthaft gefährdet sieht. 

Joseph E. Stiglitz gilt auch heute noch als einer der vier wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler der Welt.

stol