<b>Herr Negri, Sie haben Ihr ganzes Berufsleben im Unternehmerverband verbracht. Wie geht es Ihnen – so kurz vor dem letzten Arbeitstag?</b><BR />Josef Negri: Ich empfinde große Dankbarkeit für die Erfahrungen, Gespräche und Begegnungen der letzten mehr als 40 Jahre. Der Zeitpunkt des Abschieds ist jetzt genau richtig – nicht nur, weil ich das Rentenalter erreicht habe, sondern weil es im Moment einfach noch am schönsten ist.<BR /><BR /><b>Und was kommt danach?</b><BR />Negri: Erstmal Urlaub mit der Familie, um ein bisschen Abstand zu gewinnen. Wenn man so lange und so intensiv für einen Verband arbeitet, tut das gut, um den Kopf frei zu bekommen und den Tagen eine neue Struktur zu geben. Was danach kommt, ist tatsächlich noch offen. Sicher ist nur: Ich will mehr Zeit mit meiner Familie verbringen – sie musste in den letzten Jahrzehnten oft zurückstecken.<BR /><BR /><b>Angefangen haben Sie beim UVS Mitte der Achtzigerjahre – wie anders war das Südtirol von damals?</b><BR />Negri: Südtirol war mitten im Aufbau. Große Infrastrukturprojekte prägten die Zeit – Straßen, Kraftwerke, Wasserwirtschaft. Die Unternehmen arbeiteten vor allem auf dem lokalen und nationalen Markt, vereinzelt im deutschsprachigen Ausland, darüber hinaus kaum. Heute haben wir einige Leuchtturmbetriebe, die weltweit erfolgreich sind. Beim Vergleich früher und heute fällt mir eine Zahl ein, die vieles sagt.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72051040_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Negri: Südtirol produziert heute rund das Zehnfache wie 1970 – mit 30 Prozent weniger Energieeinsatz. Unsere Betriebe sind innovativer, internationaler, technologiegetriebener. Diese Entwicklung mitzugestalten, war ein großes Privileg.<BR /><BR /><b>Was hat Sie motiviert, so lange dranzubleiben?</b><BR />Negri: Die Vielfalt. Ich war nie nur Funktionär, sondern immer auch Gestalter. Vom Sachbearbeiter in der Sektion Bau bis zum Direktor habe ich unterschiedlichste Aufgaben übernommen – operative, politische, organisatorische. Das hat mich fasziniert. Ich hatte nie das Bedürfnis, etwas völlig anderes zu tun. Und als 2010 mein Vorgänger, der verstorbene Udo Perkmann, fragte, ob ich mir vorstellen könne, Direktor zu werden, war das perfektes Timing. Ich war um die 50, hatte Erfahrung und Energie.<BR /><BR /><b>Auf welche Meilensteine Ihrer Laufbahn blicken Sie mit besonderem Stolz zurück?</b><BR />Negri: In meiner Zeit vor der Ernennung zum Direktor sicher auf die Gründung des Konsortiums der Bauunternehmer in den Achtzigern und auf jene des Baukollegiums in den Neunzigern. Ein Meilenstein in meiner Amtszeit als Direktor war die Reduzierung der IRAP ab 2012 – der „Strafsteuer auf Arbeitsplätze“, wie wir sie nannten. Dem Durchbruch war ein jahrelanger Kampf vorausgegangen. Wichtig war mir auch, den Verband zu einer modernen, fachlich starken Organisation zu entwickeln – mit Expertise in Wirtschaft, Sozialpartnerschaft und Arbeitsrecht. Heute ist der Unternehmerverband eine anerkannte Stimme – nach innen wie nach außen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72051041_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Sie gelten als besonnener Verbandsmensch, immer offen für den Dialog. War dieser Weg immer der richtige – oder hätten Sie manchmal lieber lauter auftreten sollen?</b><BR />Negri: Ich bin kein Mensch, der sich in den Vordergrund drängt oder lautstark eigene Interessen durchsetzt. Für das große Ganze – also die Wirtschaft insgesamt – war ich immer bereit, nach Kompromissen zu suchen. Ein ehrlicher Dialog war in meinem Berufsleben immer von Vorteil, um zu besseren Entscheidungen zu kommen.<BR /><BR /><b>Dieser Blick aufs große Ganze ehrt Sie und den Verband – war er aber auch vorteilhaft für die Sichtbarkeit der Industrie nach außen?</b><BR />Negri: Es war und ist der richtige Weg. Wir haben Wohlstand immer als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden. Niemand schafft ihn allein. Aber ich gebe zu: Die Industrie erfährt in der Öffentlichkeit noch immer nicht die Wertschätzung, die sie verdient. Unsere Mitgliedsunternehmen machen nur ein Prozent der Betriebe in Südtirol aus – aber sie stellen 25 Prozent aller unselbständig Beschäftigten, erwirtschaften 20 Prozent des Steueraufkommens und 61 Prozent der Exporte. Dazu kommen überdurchschnittliche Produktivität und Löhne.<BR /><BR /><b>Warum ist es so schwer, der Bevölkerung diesen Wert zu vermitteln?</b><BR />Negri: Zum Teil liegt das an einem alten Bild von Industrie als Umweltverschmutzer. Das hat mit der Realität unserer Betriebe längst nichts mehr zu tun. Ich bin zuversichtlich, dass sich das ändert – schon allein, weil viele Unternehmen angesichts des Arbeitskräftemangels selbst stärker nach außen treten und um Talente werben. Dadurch verbessern sie ihre Sichtbarkeit – und das wird langfristig auch das Image der Industrie verändern.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72051042_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Der Arbeitskräftemangel ist eine der zentralen Herausforderungen für Südtirol. Ist es die größte?</b><BR />Negri: Sie ist jedenfalls eine der dringendsten. In den kommenden Jahren werden rund 30.000 Menschen mehr in Pension gehen, als nachrücken. Wir müssen also mit weniger Arbeitskräften mehr leisten.<BR /><BR /><b> Und wie – durch KI?</b><BR />Negri: Durch Digitalisierung, durch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – wir werden jede Arbeitskraft brauchen, um unseren Wohlstand zu sichern. Dazu gehört auch Offenheit für qualifizierte Zuwanderung. Das wiederum setzt leistbare Mietwohnungen voraus. Und wir brauchen mehr Akzeptanz dafür, dass Industrie Raum braucht: Nur vier Prozent der nutzbaren Landesfläche sind Gewerbezonen – dort entsteht aber rund ein Drittel unseres Mehrwerts.<BR /><BR /><b>Sie waren lange im Bereich Bau im UVS tätig. Wann wurden in Südtirols Wohnbaupolitik eigentlich die Weichen falsch gestellt?</b><BR />Negri: Die Wohnbauförderung war zunächst hilfreich und der Hauptgrund, warum viele Südtiroler ein Eigenheim besitzen. Aber man hat es übertrieben und es verabsäumt, parallel einen funktionierenden Mietmarkt aufzubauen. In der neuen Wohnbaureform gibt es nun gute Ansätze, etwa beim gemeinnützigen Wohnbau. Dennoch: Eine deutliche Entspannung wird Jahre brauchen.<BR /><BR /><b>Wenn Sie über Herausforderungen sprechen, denken Sie meist europäisch. Warum?</b><BR />Negri: Weil Südtirol nicht isoliert ist. Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe hängt stark von der Entwicklung Europas ab. Ohne ein starkes Europa kann es auch kein starkes Südtirol geben.<BR /><BR /><b>In Sachen Wettbewerbsfähigkeit steht Europa – nicht erst seit dem Draghi-Bericht – schlecht da. Woran liegt das?</b><BR />Negri: Europa steht an einem Scheideweg. Die ökologische Transformation ist richtig und notwendig, aber sie muss mit Wettbewerbsfähigkeit vereinbar bleiben. Wir müssen technologieoffen bleiben und Innovation fördern – das heißt: weniger Bürokratie. Laut einer IWF-Studie könnten wir sechs Prozent mehr produzieren, wenn wir sieben Prozent der Vorschriften abbauen. Das wären rund 1.000 Milliarden Euro zusätzlicher Wirtschaftsleistung. Das zeigt, wie viel Kraft in weniger Regulierung steckt. Ebenso wichtig ist eine echte Kapitalmarktunion – sie könnte Europas größte Schwäche beheben: das Fehlen von Unternehmen, die global im großen Stil mitspielen.<BR /><BR /><b>Während Brüssel oft kritisiert wird, erfährt Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni derzeit auch international viel Zuspruch. Wie sehen Sie sie?</b><BR />Negri: Insgesamt positiv. Die Regierung hat das internationale Ansehen Italiens spürbar gestärkt – auch dank guter Kontakte auf europäischer Ebene. Meloni hat verstanden, dass Italien seine Interessen nur dann wahren kann, wenn es für Europa denkt, nicht gegen Europa. Der Wettbewerb findet längst nicht mehr zwischen Staaten statt, sondern zwischen Kontinenten. Wenn Europa bestehen will, muss es sich als industrielle Föderation begreifen – stark, vernetzt, geschlossen. In diesem Punkt agiert Italien derzeit sehr klug.<BR /><BR /><b>Sie sind Meloni mehrfach persönlich begegnet. Gab es darüber hinaus Begegnungen, die für Sie besonders prägend waren?</b><BR />Negri: Die vielen Treffen im Rahmen des Business Forums der Industriellenverbände von Deutschland und Italien in Bozen gehören sicher dazu. Natürlich war auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den fünf Präsidenten, die ich in meiner Amtszeit erlebt habe, prägend. Einen einzelnen hervorzuheben, wäre aber unfair – alle haben auf ihre Weise Spuren hinterlassen.<BR /><BR /><b>In wenigen Tagen übergeben Sie den Stab an Ihren Nachfolger Mirco Marchiodi. Was geben Sie ihm mit auf den Weg?</b><BR />Negri: Marchiodi kennt den Verband sehr gut, schließlich hat er hier schon zwölf Jahre gearbeitet. Er wird ihm seinen eigenen Stempel aufdrücken, da bin ich mir sicher. Ich wünsche ihm alles Gute und viel Freude in der Arbeit mit den Mitarbeitern und den Unternehmern, die sich in allen Bezirken ehrenamtlich engagieren. <BR /><BR /><b>Werden Sie für ihn erreichbar bleiben, falls er Rat braucht?</b><BR />Negri: Ich halte es so wie einst Udo Perkmann bei mir: Nach meinem letzten Arbeitstag bin ich offiziell nicht mehr da – aber sollte er Fragen haben, kann er mich jederzeit anrufen. Wichtig ist mir nur: Es gibt einen klaren Schnitt. Ich gehe nicht halb, sondern ganz.