Ivo Barchetti, Präsident der Barchetti-Gruppe (u.a. Autocity), begrüßt die Tatsache, dass mit dem Beschluss des EU-Parlaments nun endgültig Klarheit geschaffen wurde. „Jetzt wissen wir alle, Hersteller, Handel und Konsumenten, dass die Reise in Richtung Elektromobilität gehen soll, und zwar inklusive zeitlicher Vorgaben.“ Gelingen könne der politisch gewünschte Wandel laut Barchetti allerdings nur, wenn noch einige wichtige Bedingungen erfüllt werden. „Zunächst einmal ist die öffentliche Hand gefordert, die Ladeinfrastruktur massiv auszubauen. Aktuell gibt es europaweit an die 600.000 Ladestationen. Will man den Umstieg auf die E-Mobilität vollziehen, sind zwischen 10 bis 12 Millionen Ladestationen notwendig.“ Darüber hinaus sei die Industrie gefordert: „Sie hat nun den Auftrag erhalten, die Technologie so weiterzuentwickeln, dass Autos auf den Markt kommen, die attraktiv für Konsumenten sind, das heißt ähnlich komfortabel wie heutige Verbrenner, und das auch noch zu erschwinglichen Preisen.“ <BR /><BR />Insbesondere der Faktor Preis sei ausschlaggebend: „Aktuell kosten reine E-Autos trotz Förderungen zwischen 10 und 50 Prozent mehr als gleichwertige Verbrenner-Modelle. Wenn sich das nicht grundlegend ändert, diese Lücke also nicht signifikant kleiner wird, werden viele Konsumenten eher nicht zum E-Auto greifen, weil sie es sich schlicht nicht leisten können“, so Barchetti. „Rein vom Modellangebot her wird sich hingegen ungemein viel tun. In den letzten 3 Jahren war die Entwicklung in diesem Bereich schon rasant: Gab es vor einigen Jahren kaum ein Angebot am Markt, ist mittlerweile fast jedes Modell auch als E-Variante zu haben. In einem ähnlich hohen Entwicklungstempo, wenn nicht sogar einem noch höheren, werden die Hersteller in Richtung E-Mobilität weiterarbeiten. Das zeichnet sich schon ab.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-58284984_quote" /><BR /><BR />Was ihn aber grundsätzlich an der Vorgangsweise der EU stört, sind 2 Dinge: „Erstens ist es sehr unüblich, dass die Politik das Ziel vorgibt und erst danach die Industrie ein Produkt entwickeln muss, das so interessant ist, dass es vom Konsumenten auch gekauft wird. Normal ist es so, dass die Industrie auf Basis von Forschung neue Produkte entwickelt und die Politik den Markt, der daraus entsteht, in sinnvolle Bahnen lenkt.“ Zweitens schwäche man durch den Beschluss die historisch sehr starke Automobilindustrie in Europa: „Wir wissen, dass 90 Prozent der Rohstoffe, die für den Bau von E-Autos verwendet werden, aus Asien kommen. Zugleich ist vor allem in China eine Vielzahl von Herstellern mit Schwerpunkt auf E-Autos entstanden, die in den nächsten Jahren auch in den europäischen Markt vordringen und den Kostendruck weiter erhöhen könnten. Wenn man weiß, dass Millionen von Arbeitsplätzen an der Automobilindustrie in Europa hängen, wird schnell klar, dass der politische Beschluss neben der wirtschaftlichen auch eine soziale Dimension hat“, so Barchetti.<BR /><BR />Bis wann werden Benziner und Diesel also von den Straßen verschwunden sein? „Ich kann mir vorstellen, dass auch über 2050 hinaus noch Verbrenner zirkulieren könnten, wenn man weiß, dass der Fuhrpark in Italien im Schnitt 14 Jahre alt ist. Das bedeutet, dass es sehr viele Autos gibt, die 20 und mehr Jahre genutzt werden.“ Wie sich der Gebrauchtwagenmarkt entwickle, sei hingegen nicht vorherzusehen. „Das kann man heute nicht seriös abschätzen.“<h3> Baumgartner: „2035 ist realistisches Ziel“</h3>Dass die grundsätzliche Entwicklung hin zum E-Auto eine durchwegs positive ist, davon ist auch Lukas Baumgartner von Autoindustriale mit Sitz Bozen überzeugt. „Natürlich sehen wir das große Potenzial in den Alternativen von Verbrennungsmotoren, in erster Linie der Elektromobilität. Wir sind vom Sortiment her auch schon gut gerüstet.“ Auch sei die zeitliche Vorgabe von 2035 ein durchaus realistisches und machbares Ziel Dabei müsse der Weg zur E-Mobilität keineswegs direkt sein: „Viele nehmen den Umweg von Hybrid-Motoren oder Plug-ins, auch, um Kunden schonend für die Vorteile von E-Motoren zu sensibilisieren und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, sich nach und nach auch privat umzurüsten und die Infrastruktur anzupassen.“<BR /><BR /> Wie Barchetti ist auch Baumgartner überzeugt davon, dass Verbrennungsmotoren nicht von einen auf den anderen Tag verschwinden werden – dafür seien die italienischen Fuhrparks durchschnittlich zu alt und die Infrastrukturen in Italien derzeit noch nicht ausreichend. Auch sei der Umstieg vielfach eine Frage der Mentalität: „In Südtirol stehen die Menschen der E-Mobilität schon sehr offen gegenüber. Wenn man sich hingegen die italienischen Zahlen anschaut, ist es ein mittleres Desaster“, so Baumgartner. Lange sei Spanien in Sachen Umrüstung auf Grüne Mobilität das Negativbeispiel gewesen. Mittlerweile bilde Italien das Schlusslicht: „Italien ist der einzige Staat in der EU, in dem es kaum nennenswerte Entwicklungen in Richtung E-Mobilität gegeben hat, im Gegenteil: Auf gesamtstaatlicher Ebene sind die Neuzulassungen rückläufig“, weiß Baumgartner. Während in anderen Ländern wie Deutschland monatlich 18 Prozent der Neuzulassungen Elektroautos sind, liege Italien bei 3 bis 4 Prozent, „in guten Monaten höchstens 5 Prozent“. <BR /><BR /><embed id="dtext86-58284987_quote" /><BR /><BR />Ein großes Hindernis stelle hierbei auch die mangelnde Infrastruktur dar: „Ich selbst fahre ebenfalls ein E-Auto. Während ich in Südtirol, in Österreich oder auch in Deutschland kaum Probleme mit langen Strecken habe, wird es in Richtung Süden schon weitaus schwieriger und die Planung aufwendiger“, beschreibt Baumgartner. Zwar gebe es bereits Entwicklungen in Sachen Ladestationen. Vor allem die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen lasse den Aufbau der Infrastruktur stocken: „Schon bei der Anschaffung von Wallboxen für den privaten Gebrauch gibt es unterschiedliche Förderungen zwischen den Provinzen und Regionen. Für große Anbieter, die weite Strecken in Italien mit Hyperchargern abdecken wollen, ist der Aufwand umso mühsamer, wenn sie in jeder Region einen anderen Antrag stellen müssen.“ Trotzdem sei es machbar: „Wenn wir nach Österreich schauen, gab es dort bis vor 5 Jahren ebenfalls keine nennenswerte Infrastruktur. Mittlerweile ist sie mehr als ausreichend.“ Für Baumgartner ist klar: Wer sich einmal für ein E-Auto entschieden und sich daran gewöhnt hat, bleibt dabei, vor allem in Südtirol: „Wir sind sicher über dem italienischen Durchschnitt – aber immer noch weit vom Ziel entfernt.“<h3> Kritik aus Italien </h3> Einwände gegen das Verbrenner-Aus in 12 Jahren kamen gestern von Italiens Industrieminister Adolfo Urso: „Die Fristen und Verfahren, die uns Europa auferlegt, entsprechen nicht der europäischen und vor allem nicht der italienischen Realität.“ Nicht glücklich mit dem EU-Beschluss zeigte sich auch Außenminister Antonio Tajani, der zugleich stellvertretender Ministerpräsident ist: „Italien wird einen Gegenvorschlag unterbreiten, der eine Begrenzung der Reduktion der CO2-Emissionen auf 90 Prozent vorsieht und der Industrie die Möglichkeit gibt, sich anzupassen. Es ist notwendig, den Klimawandel zu bekämpfen, aber das bedeutet, erreichbare Ziele zu setzen.“