In Südtirol gibt es nach wie vor eine Lohnlücke von 17 Prozent. Wir erklären, was diese Zahl wirklich aussagt. <BR /><BR /><BR /><BR /><i>Von Sabine Gamper</i><BR /><BR /><BR /><BR />Schauen wir zurück ins Jahr 2010: Damals haben der Landesbeirat für Chancengleichheit und das Frauenbüro erstmals den Equal Pay Day nach Südtirol gebracht. Zahlreiche Vereine und Institutionen zogen mit, rote Einkaufstaschen – als Symbol für rote Zahlen und dafür dass Frauen weniger verdienen als Männer – und Infomaterial wurden an diesem Tag verteilt und auf Plakaten zog ein kleines Mädchen eine Schnute und machte dadurch deutlich, dass es ihr ziemlich stinkt, dass Frauen allgemein weniger verdienen als Männer. „Geben Sie ihrer Tochter 17 Prozent weniger Taschengeld als ihrem Sohn? Das wird ihr im Berufsleben aber passieren!“, hieß es damals auf den Plakaten. Seitdem wird jährlich speziell am Equal Pay Day gleicher Lohn für gleiche Arbeit gefordert. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="635288_image" /></div> <BR /><BR />Doch auch 11 Jahre später hat sich nicht allzu viel geändert. Der sogenannte Gender-Pay-Gap, also der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern, beträgt in Südtirol nach wie vor 17 Prozent. Und nach wie vor wird beteuert, dass diese Lohnlücke unbedingt geschlossen gehöre. „Die Daten haben sich in den letzten 10 Jahren kaum verändert. Corona hat die Situation sogar noch verschärft, wir riskieren eine Rolle rückwärts“, warnte vergangene Woche im Rahmen einer Onlinetagung zum Equal Pay Day Ulrike Oberhammer, Präsidentin des Landesbeirates für Chancengleichheit. „Der Gap ist groß und inakzeptabel“, sagte auch der für Chancengleichheit zuständige Landesrat, Landeshauptmann Arno Kompatscher. Die Lücke sei „ein Beweis von ungerechtfertigter Ungleichheit. Dies müssen wir in unserer Gesellschaft beseitigen“.<BR /><BR /><BR /><b>Der Gender-Pay-Gap entsteht nicht erst im Job</b><BR /><BR />Doch ist das wirklich so? Bekommen Frauen in Südtirol für gleiche Arbeit 17 Prozent weniger Lohn als Männer? Tatsache ist, dass es einen geschlechterbedingten Lohnunterschied von 17 Prozent gibt – immer noch. Wahr ist aber auch, dass er sich teilweise deutlich reduziert, wenn es sich um die gleichen Tätigkeiten handelt. <BR /><BR />Denn um den Gender-Pay-Gap zu errechnen, berücksichtigt man – das ist international so üblich – nicht den Beruf, die Karrierestufe usw., auf der Frau und Mann sich befinden. Vielmehr werden einfach die Durchschnittsgehälter der in Vollzeit tätigen Frauen und die Durchschnittsgehälter der Vollzeit arbeitenden Männer herangezogen und auf einen Tageswert heruntergerechnet. Das macht in Südtirol auch das Arbeitsförderungsinstitut (AFI) so und kommt auf die bekannte Lohnlücke von 17 Prozent. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-48732075_quote" /><BR /><BR /><BR />Für AFI-Forscherin Silvia Vogliotti ist daher klar, dass der Gender-Pay-Gap schon vor dem Eintritt in das Berufsleben entsteht. „Er keimt bereits in der Schul- und Ausbildungswahl von Mädchen und Jungen, die sich aus Geschlechterrollen und Stereotypen ableitet“, betonte sie im Rahmen der Tagung. Danach ergebe er sich aus den Berufsentscheidungen und nehme wegen der Haus- und Pflegearbeit, die immer noch sehr stark auf den Schultern der Frauen laste, zu. <BR /><BR />Anders ausgedrückt: Mädchen suchen sich wegen der Rollenbilder, dies sie zuhause und in der Gesellschaft vorgelebt bekommen, andere Schulen aus als Jungs, wählen in der Folge andere Berufe, meistens jene, die schlechter bezahlt sind, zum Beispiel im sozialen Bereich, und stecken dann auch noch, wenn es darum geht, die Kinder zu betreuen, über lange Jahre bei der Arbeit zurück. Das ist in der Regel den Aufstiegschancen im Betrieb – und dem eigenen Gehalt – nicht sonderlich zuträglich.<BR /><BR />Schaut man sich allerdings die Gehälter von Frauen und Männern in vergleichbaren Jobs, mit vergleichbaren Qualifikationen und auf vergleichbaren Stufe der Karriereleiter an, dann fällt dieser sogenannte bereinigte Gender-Pay-Gap wesentlich kleiner aus. In Deutschland beispielsweise fällt er von 18 auf 6 Prozent, in Österreich etwas weniger von 14,3 auf 6 bis 11 Prozent, je nach Berechnungsmethode. Ein bereinigter Gender-Pay-Gap für Südtirol wurde nicht genannt. <BR /><BR /><b>Frauen werden also für die gleiche Arbeit tatsächlich schlechter bezahlt als Männer, wenn auch nicht in dem oft angeprangerten Ausmaß. Doch wie kann das sein?</b><BR /><BR />Darauf haben auch Experten keine gesicherte Antwort und sprechen vom „unerklärbaren Rest“. Als naheliegend wird allgemein erachtet, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen meistens weniger stark auftreten wie Männer, sich also schlechter verkaufen. Denn Studien zufolge gehen Frauen im Schnitt mit deutlich niedrigeren Einkommenserwartungen in die Verhandlungen als ihre männlichen Kollegen. <BR /><BR />Fix scheint aber, dass diese unerklärbare Lohnlücke eher weniger auf eine gezielte Schlechterbehandlung von Frauen zurückzuführen ist. So betonte AFI-Forscherin Silvia Vogliotti: „Der Gender Pay Gap ist – und das müssen wir sagen - nur zu einem sehr kleinen Teil das Ergebnis direkter Diskriminierung, also dass 2 Menschen für dieselbe Arbeit unterschiedlich bezahlt werden.“ Auch Universitätsprofessorin Christine Zulehner (Uni Wien), die zu den Gehaltsunterschieden zwischen Frauen und Männern forscht, hielt bei der Online-Tagung fest: „Ich würde diesen unerklärten teil des Lohnunterschiedes nicht automatisch auf Diskriminierung zurückführen.“<BR /><BR />Die Frage, die sich stellt, ist, ob man diese Lohnlücke überhaupt schließen kann, wenn alles darauf hindeutet, dass eher unterschiedlich gut laufende Lohnverhandlungen der Grund dafür sind. Man kann, meinte Christine Zulehner. Beispielsweise durch mehr Transparenz. „Wenn man Informationen hat, wie der durchschnittliche Lohn in einem Betrieb aussieht, kann das helfen, die Lohnunterschiede zu senken.“ Die Veröffentlichung von detaillierten Einkommensberichten sei etwa eine Möglichkeit.<BR /><BR /><b>Warum ein niedriger Wert nicht automatisch gut ist</b><BR /><BR />Was man beim Gender-Pay-Gap ebenso beachten sollte: Ein geringer Wert ist nicht automatisch gut. Das zeigt ein Blick auf einen Regionenvergleich: Südtirol hat demnach den dritthöchsten Gender-Pay-Gap in Italien. Nur Ligurien und die Emilia-Romagna haben mit 19 und 17,5 Prozent noch höhere Werte. Süditalienische Regionen dagegen glänzen mit geringen Lohnlücken: Kalabrien etwa kommt auf 8,7 Prozent, Sizilien und Sardinien auf 10 Prozent. <BR /><BR />Das liegt allerdings nicht daran, dass sie in puncto Gleichstellung von Frau und Mann fortschrittlicher wären, sondern daran, dass sie geringere Frauenbeschäftigungsquoten haben. „In den Regionen, in denen allgemein weniger Frauen beruflich tätig sind, wie etwa in Süditalien, arbeiten eher jene, die sehr hohe Qualifikationen aufweisen – und dadurch reduziert sich der Gender-Pay-Gap“, erklärte Vogliotti. „In Südtirol hingegen sind Frauen in allen möglichen Berufen und auf allen möglichen Karrierestufen zu finden, es steigt damit auch der Anteil von Frauen am Arbeitsmarkt mit geringeren Qualifikationen.“<BR /><BR /><b>Vogliotti: „Heute schon Armut im Alter bekämpfen“</b><BR /><BR />Aber selbst wenn man die Lohnlücke von 17 Prozent kritische betrachten kann, sollte sie den Frauen zu denken geben. Vor allem, weil es dabei um wesentlich mehr als ihr Einkommen geht. Denn es geht um ihre finanzielle Absicherung im Alter. Wer jahrelang in weniger gut bezahlten Berufen tätig ist, zahlt weniger Rentenversicherungsbeiträge ein. Dasselbe gilt für diejenigen, die wegen der Familienbetreuung in einen Teilzeitjob wechseln oder den Beruf gar für einige Zeit aufgeben. In ihren 30ern und 40ern mag es für viele Frauen kein Problem sein, wenn sie weniger verdienen, weil der Partner sie finanziell mitabsichert, doch es gibt keine Garantie, dass das im Alter noch genauso ist. das haben auch die Expertinnen der Tagung betont. <BR /><BR />„Für viele Frauen zeichnet sich in der Pension eine dramatische Situation ab“, warnte Silvia Vogliotti. „Männer beziehen beispielsweise heute rund 19.000 Euro an Rente im Jahr, Frauen nur 11.500 – gut 40 Prozent weniger.“ Dabei müsse man berücksichtigen, dass die zukünftigen Renten nur mehr nach dem beitragsbezogenen Prinzip berechnet würden. Das heißt, wer weniger Rentenbeiträge während seine Arbeitslebens einzahlt, bekommt am Ende auch weniger raus. „Zahlreiche Frauen stehen somit vor dem Risiko der Altersarmut, auch weil Ehen immer weniger von Dauer sind und der ,Fallschirm', den Frauen früher hatten, die Rente des Ehemannes oder die Hinterbliebenenrente, dann wegfällt. Deshalb ist es wichtig, etwa über Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik, den Gender-Pay-Gap zu bekämpfen, um heute schon die Armut der Frauen im Alter zu bekämpfen.“<BR />