Wer früher eine Auszeit nahm, Umwege machte, die Branche wechselte oder nach einer Familienpause neu durchstarten wollte, stieß in den Personalabteilungen rasch auf Skepsis. Der ideale Lebenslauf glich einer schnurgeraden Autobahn: Schule, Ausbildung, lückenlose Anstellung und stetiger Aufstieg im selben Metier.<BR /><BR />Diese Zeiten sind vorbei. Die Arbeitswelt dreht sich heute deutlich schneller, Berufsbilder verändern sich in rasantem Tempo, und der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen zum Umdenken. Nicht nur der Markt selbst hat sich gedreht – auch die Art und Weise, wie Betriebe nach Talenten suchen und Auswahlentscheidungen treffen, erfordert heute völlig neue Ansätze.<h3> Betriebe erweitern den Blickwinkel</h3>In der Recruiting-Abteilung des Raiffeisenverbandes Südtirol bestätigt man diesen Paradigmenwechsel. „Immer häufiger fragen auch wir nicht mehr zuerst: Welchen Abschluss bringt jemand mit? Sondern vielmehr: Welche Fähigkeiten, Erfahrungen und welches Entwicklungspotenzial stecken in dieser Person?“, so Teamkoordinator Klaus Ladurner zu diesem Medium. <BR /><BR /><embed id="dtext86-75759305_quote" /><BR /><BR />Er betont den Wert persönlicher Eigenschaften im Berufsalltag: „Dabei zählen nicht nur fachliche Qualifikationen. Auch Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein, Lernbereitschaft, Teamfähigkeit oder Kommunikationsstärke werden immer wichtiger. Denn vieles lässt sich im Berufsalltag erlernen – Motivation und die Bereitschaft, Neues anzupacken, dagegen kaum.“ <BR /><BR />Was Ladurner beschreibt, nennt man auch „Skills-Based Hiring“, also kompetenzorientiertes Recruiting. Für Südtirols Betriebe bedeute dieser Ansatz eine große Chance: Wer den Blickwinkel erweitere, entdecke Talente, die in klassischen Noten- und Auswahlrastern vielleicht übersehen worden wären.<BR /><BR />Ladurners Beobachtung teilt auch Mirko Udovich von der Personalvermittlung Staff & Line und „WIKU“-Personalexperte. „Sabbaticals, Weiterbildungen, berufliche Neuorientierungen, Selbstständigkeit oder auch bewusste Auszeiten gehören mittlerweile zum normalen Berufsleben“, führt Udovich aus. „Ein Lebenslauf erzählt idealerweise eine Geschichte – nicht unbedingt eine geradlinige, aber eine glaubwürdige.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-75759309_quote" /><BR /><BR />Für Personalverantwortliche sei deshalb nicht mehr entscheidend, ob jemand über viele Jahre ohne Unterbrechung beschäftigt war, sondern ob der Weg nachvollziehbar sei. „Ein Kandidat mit einer ungewöhnlichen Laufbahn kann heute durchaus interessanter sein als jemand mit einer scheinbar perfekten Vita. So gesehen, profitieren vom Kulturwandel beide Seiten“, unterstreicht Udovich. Entscheidend sei, was jemand aus seinen Erfahrungen gemacht habe und wie diese zur ausgeschriebenen Position passen.<h3> So wird das Potenzial getestet</h3>Doch wie finden Recruiter heraus, wer wirklich ins Team passt, wenn Noten und Jahreszahlen im Lebenslauf in den Hintergrund rücken? „Im persönlichen Gespräch wollen Personaler verstehen, wie jemand denkt, Entscheidungen trifft, mit Veränderungen umgeht oder schwierige Situationen bewältigt“, erklärt Udovich.<BR /><BR />Klassische Standardfragen reichen dafür längst nicht mehr aus, betont der Experte: „Im Bewerbungsgespräch gelingt dies am besten durch konkrete Praxisbeispiele. Statt theoretische Fragen zu stellen, bitten erfahrene Recruiter Bewerber, reale Situationen aus ihrem Berufsalltag zu schildern: Wie wurde ein Konflikt gelöst? Wie ging man mit Fehlern um? Wie wurden Veränderungen begleitet? Solche Beispiele liefern meist wesentlich aussagekräftigere Informationen als standardisierte Antworten.“<BR /><BR />Um das Bild abzurunden, setzen moderne Unternehmen je nach Position auf weitere Instrumente: „Ergänzend kommen strukturierte Interviews, Fallstudien, Arbeitsproben oder Assessment-Elemente zum Einsatz“, so Udovich. „Ziel ist es, nicht nur festzustellen, was jemand kann, sondern auch, wie er arbeitet und ob er zur Unternehmenskultur passt.“