<b>Fast 18 Prozent mehr Autos wurden im ersten Halbjahr europaweit zugelassen. Sind die Liefer- und Rohstoffengpässe gänzlich überwunden?</b><BR />Lukas Baumgartner: Im Pkw-Bereich größtenteils schon. Die Lieferzeiten sind wieder in den Normalbereich zurückgekehrt. Musste ein Autokäufer je nach Modell und Ausstattung 2021 und teilweise noch 2022 mit Wartezeiten von bis zu einem Jahr rechnen, liegen wir nun im Bereich zwischen 3 und 6 Monaten, manchmal sogar darunter. Im LKW- und Lieferwagenbereich ist die Situation noch angespannt, da gibt es nach wie vor Verzögerungen. <BR /><BR /><b>Was auffällt, ist, dass der Automarkt zwar wieder kräftig wächst, vom Niveau vor Corona aber meilenweit entfernt ist, in Italien etwa lag der Absatz knapp 30 Prozent unter jenem von 2019.</b><BR />Baumgartner: Das ist richtig. Dazu muss man aber sagen, dass 2019 ein sehr gutes Jahr für die Branche war; ich würde sogar von einem Ausnahmejahr sprechen, das wir so schnell nicht wieder erleben werden. Vergleichen wir 2023 mit den Jahren 2018 und 2017 ist der Abstand nicht ganz so groß.<BR /><BR /><b>Was bremst den Automarkt noch ein – ist es die Teuerung oder sind es eher die Unsicherheiten in Bezug auf die Wahl des Antriebs?</b><BR />Baumgartner: Die wichtigsten Faktoren sind aktuell die hohe Inflation und die stark gestiegenen Zinsen. Wenn die Finanzierung teurer wird, schieben viele größere Investitionen auf. Das ist ganz normal und betrifft nicht nur Autos, sondern auch andere Güter. <BR /><BR /><b>Erstmals haben in der Statistik reine E-Autos Dieselfahrzeuge überholt, während Benziner noch immer das Feld anführen, gefolgt von Hybriden. Hat die E-Wende in Europa also schon begonnen?</b><BR />Baumgartner: Soweit würde ich nicht gehen. Wenn ich Schlagzeilen lese wie „Erstmals mehr E-Autos als Diesel verkauft“ mag das auf den ersten Blick zwar zutreffen, aber bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass sich im Prinzip nicht viel geändert hat im Vergleich zu den Jahren davor. <BR /><BR /><b>Klären Sie uns auf…</b><BR />Baumgartner: Fasst man Hybridfahrzeuge und E-Autos zu elektrifizierten Autos zusammen, kommen diese auf einen Anteil von 45,2 Prozent, 54,8 Prozent sind nicht-elektrifizierte Autos, also Fahrzeuge mit reinem Verbrennungsmotor Der Zuwachs bei den elektrifizierten Autos im Vergleich zum ersten Halbjahr 2022 liegt bei nur 3,6 Prozent. Dazu ist zu sagen, dass bei vielen Hybriden auch ein Dieselmotor in Betrieb ist. Man sieht also, dass die Statistik einige Aspekte verwässert. Und es kommt noch etwas dazu…<BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Baumgartner: Die Statistik wird auch maßgeblich dadurch verfälscht, dass es mittlerweile nur mehr wenige reine Dieselautos am Markt gibt. Wenn ich als Käufer also kaum mehr die Möglichkeit habe, mir einen Diesel zu kaufen, ist es logisch, dass der Anteil abnimmt. Und er wird aus diesem Grund weiter abnehmen, also nicht weil die Diesel-Nachfrage nicht da ist, sondern weil sich das Angebot so stark verändert.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60521374_quote" /><BR /><BR /><b>Italien liegt bei den E-Autos mit einem Anteil von 4 Prozent an den Neuzulassungen weit zurück; europaweit sind es 15,1 Prozent. Woran liegt´s?</b><BR />Baumgartner: Die Politik spielt da sicher eine Rolle, die anstatt Vorurteile gegenüber E-Autos zu entkräften, diese eher noch verstärkt. Ganz im Gegensatz zu nördlichen Ländern in Europa. So schlecht steht Italien aber nicht da, wie immer gesagt wird, sofern man die Neuzulassungen in elektrifizierte und nicht-elektrifizierte Fahrzeuge unterteilt. Immerhin 43,8 Prozent der Neuwagen waren von Jänner bis Juni elektrifiziert. <BR /><BR /><b>Welche „Vorurteile“ halten sich in Italien besonders hartnäckig, wenn es um E-Autos geht?</b><BR />Baumgartner: Erstens wird immer wieder behauptet, dass die Reichweite miserabel sei. Das stimmt so längst nicht mehr. Zweitens hört man ständig, dass die Ladeinfrastruktur nicht ausreichend bzw. gar zu wenig Strom für viele E-Autos verfügbar sei. Dabei ist die Sachlage aus meiner Sicht klar: Wenn der E-Automarkt wächst, wird die Infrastruktur mitwachsen, ganz einfach. Man diskutiert da über Dinge, die im Prinzip keine Diskussion wert sind. Besser wäre es, wenn man in Italien auch die Vorzüge der Technologie betonen würde, was leider so gut wie gar nicht der Fall ist. <BR /><BR /><b>Und wie verhält sich aktuell der Südtiroler Autokäufer? </b><BR />Baumgartner: Man stellt schon fest, dass er sehr viel offener geworden ist für Alternativen zum Verbrenner. Und grundsätzlich ist er dem E-Auto gegenüber auch eher positiv eingestellt. Hierbei unterscheiden sich die Südtiroler vom restlichen Italien. Beim Kauf eines reinen E-Autos sind aber auch die Südtiroler noch verhalten, und das nicht in erster Linie aus Preisgründen. Vielmehr herrscht noch eine allgemeine Unsicherheit vor. <BR /><BR /><b>Wird sich diese in den nächsten Jahren legen, immerhin ist das politische Ziel der Reise bekannt?</b><BR />Baumgartner: Es wird sich tendenziell in Richtung E-Antrieb bewegen, vor allem, weil es – wie Sie sagen – ein politisches Interesse gibt, diese Technologie zu fördern. De facto ist sie Stand heute auch die beste Lösung am Markt, alle anderen sind noch nicht soweit. Eine offene Frage ist, ob die EU konsequent am Datum 2035 für das Verbrenner-Aus festhalten wird oder ob daran nicht doch noch gerüttelt wird bzw. eine Aufweichung kommt. Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. <BR />