Dienstag, 30. März 2021

Warten aufs Fahrrad: Pandemie, Fehlentscheidungen und Suez-Stau

Unzufriedene Kunden sind schlecht fürs Geschäft. Das wissen auch Südtirols Fahrradhändler. Seit fast einem Jahr müssen sie viele ihrer Kunden über Wochen und Monate vertrösten: Bestellte Fahrräder oder Ersatzteile kommen gar nicht oder nur sehr verspätet im Geschäft an. „Das liegt auch, aber nicht nur an Corona“, erklärt Rad-Importeur Gerhard Krautwurst gegenüber STOL.

Einige Südtiroler müssen lange auf den Spaß auf 2 Rädern warten: Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Teile der Fahrräder per Schiff aus Fernost kommen und dort monatelang weder etwas produziert noch transportiert werden konnte.
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Einige Südtiroler müssen lange auf den Spaß auf 2 Rädern warten: Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Teile der Fahrräder per Schiff aus Fernost kommen und dort monatelang weder etwas produziert noch transportiert werden konnte. - Foto: © Sportcheck Eggental/Krauti KG / Maxi Dickerhoff
Radfahren ist beliebt wie nie, die Branche boomt – überall auf der Welt. Mitten in der Coronakrise sollte das eine gute Nachricht sein. Doch tatsächlich haben die Radanbieter auch in Südtirol ihre liebe Not damit: Die Ware fehlt.

Gerhard Krautwurst ist Rad-Importeur und beliefert von Welschnofen aus Radfachgeschäfte überall in Italien. Er sagt: „Bevor Corona uns in Europa getroffen hat, hat das Virus die Radbranche hier schon beeinträchtigt.“ Der größte Teil der Einzelteile kommt nämlich aus Asien, wo Corona bereits im Winter wütete. „Viele Fabriken hatten schon Anfang 2020 Produktionsausfälle. Und auch mit den Lieferungen hat es Probleme gegeben.“



Als das Virus dann nach Europa geschwappt sei, hätten die großen Manager im Zulieferbereich entschieden: „Die Radelwelt geht unter“, wie Krautwurst es bildlich ausdrückt. „Die Produktionsberechnungen sind nach unten geschraubt worden, Produktionsketten unterbrochen.“ Schon vor der Coronakrise habe es bei der Bestellung gewisser Radteile zwischen 6 und 8 Monate an Wartezeit gegeben. „Jetzt sind es teilweise 12 Monate. Einer unserer Federgabelhersteller hat aktuell eine Wartezeit von 420 Tagen angegeben. Bei einem Premiumhersteller sind es sogar 600 Tage.“ Viele Radmarken hätten bereits die Bauteile für das Jahr 2023 längst bestellt: „Auch das Jahr 2022 wird also noch schwierig – es gibt einfach nicht so viel Ware“, sagt Krautwurst.

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Gestiegene Nachfrage, gedrosselte Produktion


Corona sei für den Radmarkt ein starker Beschleuniger gewesen, sagt er: „Auf der einen Seite hatte man also eine gedrosselte Produktion der Zulieferteile, auf der anderen eine gesteigerte Nachfrage an Fahrradprodukten weltweit: weniger Ware und mehr Nachfrage.“

Die Fahrradhändler hätten sich im vergangenen Jahr – anders als von vielen vermutet – kein goldenes Näschen verdient: „Wir, zum Beispiel, haben wegen der Lieferschwierigkeiten weniger Räder gehabt als für 2020 eigentlich geplant gewesen wären.“ Einen positiven Aspekt habe es aber doch gegeben: „Die Lager wurden bereinigt. Was da war, wurde verkauft.“ Bereits im Herbst seien die Radgeschäfte leer gewesen.

Immer noch sei die Lage fragil: „Wenn dann im Suezkanal ein Boot stecken bleibt, drehen schon wieder alle durch: Ein Container unserer Zulieferer ist schon wieder 10 Tage länger unterwegs, weil er rund um Afrika muss. Das bringt auch unsere Montagepläne durcheinander. Wir können deshalb dem Fachhandel nicht genau sagen, wann die bestellten Räder kommen.“

Kunden hätten oft wenig Einsicht in die Problematik – und entsprechen wenig Verständnis. „Der Händler muss dem Kunden dann notgedrungen erklären, dass ein Teil der Federgabel fehlt. Bis das nicht da ist, kann die Montage des Rades nicht starten. Man kann die fehlenden Schrauben nicht im nächsten Baumarkt holen. Das gilt für Low-Budget-Räder gleichermaßen wie für ganz teure.“

kn