Halb fünf Uhr morgens ist keine ungewöhnliche Zeit für Benjamin Lamprecht, um im Stall zu stehen. Und an manchen Tagen ist um halb elf am Abend noch immer nicht Schluss. „Die Tage können schon lang sein“, sagt der 26-Jährige. Besonders zu stören scheint ihn das nicht. „Ich liebe das, was ich tue. Was gibt es Schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen?“<BR /><BR />Lamprecht hat sich für ein Leben entschieden, das immer weniger Südtiroler führen wollen. Vor gut 20 Jahren lieferten noch rund 5800 Bauern Milch an die Südtiroler Genossenschaften, zuletzt waren es nur mehr 3903. Innerhalb von 20 Jahren hat damit fast jeder dritte Milchbauer aufgehört.<h3> Der Neuanfang</h3>Lamprecht geht bewusst in die andere Richtung. Schon länger hatte er nach einem Hof gesucht, den er pachten könnte. Schließlich entdeckte er auf Facebook eine Anzeige: Für den Neuschmiednerhof in Schalders in der Gemeinde Vahrn wurde ein Pächter gesucht. „Meine Freundin Anja und ich waren auf Anhieb begeistert“, erzählt er. Gleichzeitig sei ihnen schnell klar gewesen, worauf sie sich einließen. 2024 pachteten sie schließlich den Hof.<BR /><BR />Er liegt auf rund 1.400 Metern Meereshöhe und kommt auf etwa 140 Erschwernispunkte. Steile Flächen, Höhenlage, Parzellierung und Erreichbarkeit machen die Bewirtschaftung aufwendig. Dazu kam: Auf dem Hof war schon länger kein Vieh mehr gehalten worden. „Wir mussten praktisch alles wieder von Neuem aufbauen und fit für die Milchproduktion machen.“<BR /><BR />Nach den intensiven Vorbereitungen war es schließlich so weit: Lamprecht schaffte zunächst fünf Kühe an und begann wieder mit der Milchproduktion. Heute gehören neben den Milchkühen auch einige Ziegen zum Hof. Die Wiesen werden vollständig gemäht – vieles davon in Handarbeit.<BR /><BR />Dass Lamprecht ausgerechnet Milchbauer werden wollte, ist kein Zufall. „Die Milchwirtschaft war schon immer meine große Leidenschaft.“ Sein Patenonkel brachte ihn früh mit der Arbeit in Kontakt. „Von ihm durfte ich sehr viel lernen.“ Allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen: Dessen Betrieb hielt rund 60 Milchkühe, ein Großteil der Arbeiten auf den Feldern ließ sich mit Maschinen und Traktoren erledigen.<BR /><BR />Am Neuschmiednerhof sieht das anders aus. Hier ist Muskelkraft gefragt. Lamprechts Freundin hilft kräftig mit, Angestellte gibt es keine. Die könne man sich auch gar nicht leisten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75940765_quote" /><BR /><BR />Ausschließlich von der Milch können sie nicht leben. Drei Tage pro Woche arbeitet Lamprecht zusätzlich bei der Viehvermarktungsgenossenschaft Kovieh in Bozen. „Es dreht sich also fast alles um Kühe in meinem Leben“, sagt er und schmunzelt. Seit Kurzem ist noch etwas dazugekommen: Lamprecht ist Vater eines Sohnes geworden.<BR /><BR />Über die wirtschaftliche Situation will er dennoch nicht klagen. „Ich bin zufrieden. Mit allem zusammen reicht es zum Leben. Das ist das Wichtigste.“ Dass er und seine Freundin einen Lebensentwurf gewählt haben, den viele Gleichaltrige wohl nicht nachvollziehen könnten, ist ihm bewusst. „Wenn Freunde oder Bekannte zu Besuch kommen, wundern sich manche schon über unseren Lebensstil und darüber, wofür wir uns entschieden haben.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1346601_image" /></div> <BR />Und natürlich gebe es auch bei ihnen Momente, in denen Zweifel aufkommen. „Wenn das Vieh wieder einmal krank ist oder das Handmähgerät streikt, fragt man sich schon: Warum tun wir uns das eigentlich an?“ Solche Augenblicke gehören dazu. An seiner grundsätzlichen Entscheidung ändern sie nichts.<BR /><BR />„An einem Hof hängt man eben“, sagt Lamprecht. „Das können heute vielleicht nicht mehr alle nachvollziehen. Müssen sie aber auch nicht. Jeder soll seinen Weg gehen. Das ist eben unserer.“<BR /><BR />Gerade darin liegt auch die Bedeutung solcher Betriebe für Südtirols Berggebiete. Für die Kulturlandschaft ist entscheidend, ob Höfe weiterhin bewirtschaftet, steile Wiesen gemäht und Flächen vor dem Zuwachsen bewahrt werden.<h3> Der Traum vom eigenen Hof</h3>Lamprecht richtet den Blick bereits in die Zukunft. Sein größter Wunsch: ein eigener Hof. „Irgendwann etwas Eigenes zu haben und nicht ewig Pächter zu sein, das wäre mein Traum.“ Zugleich weiß er, dass sich das nicht erzwingen lässt. „Das geht nicht von heute auf morgen. Alles braucht seine Zeit.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-75940766_quote" /><BR /><BR />Positiv sieht der 26-Jährige den Zusammenschluss „seines“ Milchhofs Brixen Brimi mit Mila-Bergmilch. „Ich finde das eine gute Sache. Gemeinsam können wir sicher mehr erreichen.“ Vor allem die stärkere Ausrichtung des Auszahlungspreises auf die Qualität der Milch begrüßt er. „Ich finde es super, dass noch mehr auf die Milchqualität und nicht nur auf die Milchmenge geschaut werden soll.“<BR /><BR />Davon könnten gerade kleine Betriebe wie seiner profitieren. Lamprecht produziert Heumilch. „Wenn gute Inhaltsstoffe stärker honoriert werden als in der Vergangenheit, schaut auch für mich als Kleinstproduzent mehr heraus.“<h3> „Ich hoffe, mehr junge Leute sehen, wie sinnvoll diese Arbeit ist“</h3>Gegen Ende des Gesprächs schlägt der 26-Jährige noch einmal ernstere Töne an. Dass die Zahl der Milchbauern in Südtirol seit Jahren sinkt, hält er für bedauerlich. Trotzdem will er nicht glauben, dass dieser Trend unumkehrbar ist. „Ich hoffe, dass wieder mehr junge Menschen sehen, wie viel Freude die Arbeit mit Tieren machen kann und wie sinnvoll diese Arbeit ist.“ Seine eigene Entscheidung bereut Lamprecht jedenfalls nicht – trotz früher Morgenstunden, langer Tage und kaputter Mähgeräte. „Geld und Freizeit sind sicher nicht alles im Leben.“