„Wir müssen darauf schauen, dass die Raiffeisenkassen und Genossenschaften noch vor Ort, in den Dörfern und Tälern, arbeiten können“, betont der neue Generaldirektor.<BR /><BR /><b>Herr Zampieri, Sie kennen die Raiffeisenwelt sehr gut: bis vor kurzem als Geschäftsführer der größten landwirtschaftlichen Genossenschaft, als Obmann der Raiffeisenkasse Branzoll-Auer und danach der Raiffeisenkasse Unterland sowie als Mitglied des Vollzugsausschusses des Raiffeisenverbands. Welches sind Ihre größten Ziele?</b><BR />Robert Zampieri: Ich bin jemand, der gerne vereinfacht. Durch immer neue Auflagen ist mittlerweile Vieles komplex geworden, das heißt, auch teuer. Da würde ich gerne schauen, wie es einfacher, schlichter und effizienter geht. <BR /><BR /><b>Vereinfachen – das sagt sich so leicht. Doch wie viel hat man da selbst in der Hand, viele Auflagen kommen ja aus Rom oder Brüssel?</b><BR />Zampieri: Das ist eine schwierige Aufgabe. Auflagen, die wir von außen bekommen, sind natürlich zu erfüllen. Diese Auflagen müssen wir als Verband für unsere Mitglieder in Handlungsempfehlungen übersetzen, bei denen die Einfachheit und Effizienz im Vordergrund stehen und nicht der Verwaltungsapparat. Auch wir als Verband müssen verstärkt darauf schauen, unsere Prozesse zu vereinheitlichen und zu beschleunigen. Dies verlangen auch die Mitglieder von uns, die zudem immer kritischer werden, weil sie selbst alle zu kämpfen haben und am Markt bestehen müssen – unabhängig ob Milchhof, Sozialgenossenschaft oder Raiffeisenkasse. Wir als Raiffeisenverband haben die Aufgabe, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen, sich auf ihr Tagesgeschäft konzentrieren zu können. Gerade im Bankenwesen gibt es eine ständige Tendenz, neue Auflagen durchzusetzen. Unsere ureigenste Aufgabe ist es dann, die beste Lösung für Südtirol zu suchen. Wir müssen darauf schauen, dass die Raiffeisenkassen und Genossenschaften noch vor Ort, in den Dörfern und Tälern, arbeiten können. Wer soll das auch sonst tun? Und, das muss man auch sagen: Die Tendenz ist grundsätzlich schon die, uns immer Kompetenzen und Aufgaben zu nehmen, wie man es auch mit der Reform zur Gruppenbildung der genossenschaftlichen Banken unter der Regierung Renzi seinerzeit gesehen hat.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="851774_image" /></div> <BR /><BR /><b>Nur im Bankenwesen oder bei allen Genossenschaften?</b><BR />Zampieri: Im Bankenwesen sieht man es relativ deutlich. Das zeigt sich auch allein daran, wie viel Lobbyarbeit unser Dachverband Federcasse in Rom machen muss, weil das Wesen der Genossenschaftsbanken vielfach von den Politikern nicht verstanden wird. Sie wissen gar nicht, wie wichtig Genossenschaftsbanken für die Peripherie sind. Wenn wir denen die Luft abdrehen, dann gäbe es hunderte Gemeinden in Italien ohne Bankdienste und ohne Schalter und damit würden die Dörfer schrittweise sterben. Ähnliches ist aber beispielsweise auch in Bezug auf die Energie- und Trinkwassergenossenschaften festzustellen, in denen die zuständige Aufsichtsbehörde Bestimmungen erlässt, die den Genossenschaften ihre Tätigkeit zunehmend erschwert. Oder denken Sie nur an die vielen bürokratischen Auflagen in Zusammenhang mit der Einführung des Registers für den dritten Sektor, bei denen wir als Verband in vielfältiger Weise unseren Mitgliedern Hilfestellung leisten.<BR /><BR /><b>Sie sagen, die Genossenschaftsbanken seien wichtig für die Peripherie. Dennoch kommt es vor, dass sie sich zurückziehen: Dass die Raiffeisenkasse Ulten-Proveis-Laurein ihre Filiale in Proveis geschossen hat, kam in der Bevölkerung nicht gut an.</b><BR />Zampieri: In dem Fall sollte man berücksichtigen, dass zwischen Proveis und und der nächsten Filiale in Laurein nur 5 Kilometer liegen und dass das Wesentliche – die Präsenz vor Ort, die Unterstützung der Vereine – nach wie vor gegeben sind. Ich verstehe die lokale Raiffeisenkasse, die letztendlich alles dafür tun muss, um weiterhin vor Ort erfolgreich zu sein. <BR /><BR /><b>Sie haben die Verteidigung von Angriffen von außen angesprochen. Ist das auch die größte Herausforderung für den Raiffeisenverband?</b><BR />Zampieri: Das ist ein wichtiger Punkt, aber die spannendste Herausforderung besteht darin, das Genossenschaftswesen zu modernisieren, weiterzuentwickeln und damit neue Tätigkeitsbereiche für Genossenschaften zu erschließen. Die öffentliche Hand hat ja zunehmend Probleme, für die man durchaus als Alternative auch eine genossenschaftliche Lösung andenken könnte. Die verschiedenen Bedürfnisse im Bereich des Sozialen und Gesundheitswesens sind geradezu prädestiniert dafür, über genossenschaftliche Initiativen gelöst zu werden. Denn bislang konnte der üppige Landeshaushalt immer Vieles finanzieren, irgendwie ging es immer. Erst seit kurzem wird es zunehmend kritischer, weil einfach zu wenig Geld da ist. Hilfreich ist natürlich, wenn die Politik die Rahmenbedingungen schafft, dass man das einfach umsetzen kann. Oder im sozialen Wohnbau Wohnbaugenossenschaften noch gezielter fördert, damit wir endlich zu einem leistbaren Wohnen kommen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57709189_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was genau kann die Genossenschaft wirklich besser?</b><BR />Zampieri: Jeder Genossenschaft liegt ein gemeinsames und nicht ein individuelles Interesse zugrunde. Entsprechend ist die Genossenschaft in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit auch nicht auf das Erzielen eines maximalen Gewinns für die Eigentümer sondern auf das Erzielen des größtmöglichen Nutzens für ihre Mitglieder ausgerichtet. Das kann eine Dienstleistung sein, die zu günstigen Konditionen für die Mitglieder erbracht wird. Oder aber die bestmögliche Auszahlung für die Anlieferung von landwirtschaftlichen Produkten. Miteinander das zu schaffen, was dem Einzelnen allein nicht möglich ist: Vor diesem Hintergrund hat Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor mehr als 150 Jahren die ersten Genossenschaften gegründet, und der Kern dieser Aussage ist heute unverändert aktuell.<BR /><BR /><b>Der Raiffeisenverband will eine Kommunikationskampagne starten, um auf den Wert und die Werte der Genossenschaften hinzuweisen. Sind die Genossenschaften unterschätzt?</b><BR />Zampieri: Viele Menschen bleiben oft vor der „Fassade“ stehen und wissen nicht, welche wirtschaftliche Bedeutung die Raiffeisen Genossenschaften in Südtirol haben. Fragen wir uns doch mal: Was wäre, wenn es Genossenschaften nicht gäbe, wenn wir keine Raiffeisenkassen in den Tälern hätten? Denn sie haben viel dazu beigetragen, das Territorium wirtschaftlich zu entwickeln. Man denke nur daran, mit wie vielen Millionen Euro die Raiffeisenkassen jährlich die Vereine vor Ort unterstützen. Wer täte das sonst? Die öffentliche Hand hätte das Geld sicher nicht. Aber ohne dieses soziale Leben wären unsere Dörfer schon sehr arm – und dann wären sie auch für den Tourismus nicht mehr interessant. Und über die Landwirtschaft müssen wir nicht reden, da ist der Mehrwert offensichtlich: Die Direktvermarktung funktioniert in Nischen ja perfekt, doch es sind nur die Genossenschaften, die größere Mengen verarbeiten können. Das Genossenschaftswesen hat somit für unser Land eine geniale Rolle gespielt, und tut es auch heute noch. Das müssen wir uns ständig vor Augen führen. Denn die Generation nach den Gründern hat das funktionierende System so vorgefunden und empfindet es als normal und alltäglich. Es wäre wichtig, dass diese und die kommenden Generationen das Genossenschaftswesen stärken und ausbauen und nicht kritisieren und abbauen. Das ist wie ein Erbe, auf das wir, gerade auch als Raiffeisenverband, achten müssen.<BR />