<b>von Bertrand Badré, ehemaliger geschäftsführender Direktor der Weltbank</b><BR /><BR />Investitionen in die Infrastruktur erleben einen Boom. Weltweit stecken Regierungen Billionen Dollar in Straßen, Stromnetze, Rechenzentren, Wasserversorgungssysteme und Wohnraum, wobei viele Länder damit auf die zunehmenden Klimaschocks und den wachsenden Anpassungsbedarf reagieren. <BR /><BR />Dennoch gehört die Bauindustrie – die wie kein anderer Wirtschaftszweig die Erde buchstäblich umbaut – zu den letzten großen Sektoren, die noch nicht alle Vorteile der digitalen Technologie nutzen. Infolgedessen ist die Branche für etwa 21 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich, produziert die Hälfte des weltweiten Deponiemülls und gibt jährlich 1.6 Billionen Dollar zu viel aus.<h3> Das Konzept der kognitiven Infrastruktur</h3>Das muss sich ändern, und KI könnte die von der Branche benötigten Lösungen bieten. Dazu muss jedoch das Potenzial in den Bereichen institutionelle Zusammenarbeit und menschliche Netzwerke voll ausgeschöpft werden. <BR /><BR />Während generative KI Codes schreiben oder Dokumente zusammenfassen kann, erfordert der Bau realer Anlagen wie Brücken und Stromnetze eine von uns als „kognitive Infrastruktur“ bezeichnete Grundlage: dazu gehören schwer zugängliche Daten, menschliches Fachwissen, Branchenkenntnisse und Institutionen, über die neue Tools für Planung und Umsetzung bereitgestellt werden können. Wie Elektrizität ohne Stromnetz bleibt auch KI ohne diese Grundlagen ungenutztes Potenzial.<h3> KI in der Praxis: Integration und Feedback</h3>Wie würde nun die Nutzung von KI in der Praxis aussehen? Zunächst einmal müsste man isolierte Daten von tausenden Interessengruppen, darunter Bauunternehmen, Lieferanten, Ministerien, multilaterale Organisationen und Finanziers, erschließen und integrieren. Außerdem wäre es notwendig, Fachwissen aus früheren Projektzyklen zu kodifizieren, um zu verstehen, warum es zu Verzögerungen kommt, wie sich Risiken verstärken und wo Kapazitätsengpässe auftreten. <BR /><BR />Außerdem müssten intelligente digitale Agenten entwickelt werden, die infrastruktur-spezifische Arbeitsabläufe (Vertragsabschlüsse, Beschaffung, Genehmigungen und Budgetierung) nachvollziehen können. Vor allem aber wäre institutionelle Zusammenarbeit erforderlich. Wir brauchen keine statischen Wegweiser, sondern dynamische, sich weiterentwickelnde Feedback-Mechanismen. Eine KI für Infrastruktur würde aus jedem Projekt lernen und die gewonnenen Erkenntnisse organisationsübergreifend anwenden.<h3>Geopolitischer Wandel und grüne Ambitionen</h3>Die Gelegenheit zur Verbesserung der Art und Weise, wie wir Bauwerke errichten, ergibt sich gerade zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Geopolitik der Infrastruktur verändert. Während US-Präsident Donald Trump darauf abzielt, alle Maßnahmen seines Vorgängers im Bereich sauberer Energien rückgängig zu machen, füllen andere das von den Vereinigten Staaten hinterlassene Führungsvakuum. <BR /><BR />China beispielsweise hat seine Belt and Road Initiative auf eine „grüne, hochwertige“ Entwicklung ausgerichtet und verbindet massive Investitionen in den Transport- und Energiesektor im Ausland mit Projekten zur Klimaresilienz im eigenen Land. Man verfolgt Großprojekte zur Wiederaufforstung von Wüstengebieten und neue Projekte im Bereich erneuerbarer Energien, auch wenn Kohle-, Öl- und Gasprojekte nach wie vor einen großen Teil des chinesischen Auslandsportfolios ausmachen.<h3>Neue Vorreiter der Klimaverantwortung</h3>Auch Saudi-Arabien, lange Zeit Synonym für fossile Brennstoffe, hat eine „grüne Initiative“ ins Leben gerufen, um Dutzende Milliarden Dollar in Solar- und Windprojekte, grüne Finanzierungsrahmen und neue öffentlich-private Partnerschaften zu investieren. Das Königreich will bis 2030 die Hälfte seines Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen.<BR /><BR /> Indien hat sein Ziel, 50 Prozent seiner installierten Stromkapazität aus nicht-fossilen Quellen zu beziehen, bereits erreicht. Zudem hat das Land eine National Green Hydrogen Mission ins Leben gerufen, deren Ziel es ist, die Jahresproduktion grünen Wasserstoffs bis 2030 auf fünf Millionen Tonnen zu steigern. Außerdem nutzt man globale Plattformen wie die G20 und die Klimakonferenz der Vereinten Nationen, um sich für klimaresistente Infrastruktur und „grüne Entwicklungspakte“ stark zu machen.<BR /><BR />Das Ergebnis präsentiert sich fragmentiert. Während der historisch weltgrößte Emittent seine Ausfuhren fossiler Brennstoffe verdoppelt, treten Schwellenländer und Länder mittleren Einkommens zunehmend als Verfechter der Klimaverantwortung auf (auch wenn sie weiterhin mit ihren eigenen Widersprüchen zu kämpfen haben). In dieser neuen Landschaft geht es nicht nur darum, mit wessen Kapital die nächste Generation von Häfen, Stromnetzen und Eisenbahnen errichtet wird, sondern darum, wessen Daten, Standards und KI-Systeme diese Investitionen steuern werden.<h3> Drei Säulen für künftigen Erfolg</h3>Der nächsten Vorreiter im Bereich Infrastruktur wird sich auf drei unmittelbare Prioritäten konzentrieren. Die erste besteht darin, die verfügbaren Daten optimal zu nutzen. Know-How im Bereich Infrastruktur befindet sich häufig in PDF-Dateien, Verträgen und Genehmigungsunterlagen. Regierungen, Banken und Unternehmen müssen diese verborgenen Informationen ans Tageslicht bringen, um allen Beteiligten zu helfen, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden und sich in neuen politischen Rahmenbedingungen zurechtzufinden, wenn Regierungen die Regeln plötzlich umschreiben (wie es die USA getan haben).<BR /><BR />Die zweite Priorität besteht darin, KI-Tools für diesen speziellen Zweck zu entwickeln. Wir brauchen keine generischen Chatbots, sondern Modelle, die auf Materialwissenschaften, Logistik und lokale Vorschriften trainiert sind. Eine KI, die versteht, warum Projekte scheitern, kann den Erfolg wahrscheinlicher machen.<BR /><BR />Schließlich gilt es, den grenzüberschreitenden Wissensaustausch zu verbessern. Anstatt jede Institution das Rad neu erfinden zu lassen, brauchen wir eine gemeinsame Wissensbasis, damit die Erfahrungen aus einem Staudammprojekt in Indien oder einer U-Bahn in Paris überall zur Verbesserung ähnlicher Projekte beitragen können.<h3> Wettbewerbsfähigkeit durch intelligente Systeme</h3>In den nächsten zehn Jahren wird Infrastruktur nicht nur die Anpassung an den Klimawandel, sondern auch die globale Wettbewerbsfähigkeit bestimmen. Sie ist der Motor der Realwirtschaft. Länder, die ihre Klimaschutzverpflichtungen, ihre Industriepolitik und ihre Infrastrukturprojekte auf glaubwürdige, datengestützte Informationen abstimmen, werden die Spielregeln für alle festlegen. Staaten, die Unsicherheit als Waffe einsetzen oder nachhaltige Infrastruktur als Nebensache betrachten, werden an Einfluss verlieren.<BR /><BR />KI sollte nicht als eine Art zentralisiertes Orakel oder abstrakter Geist in der Cloud betrachtet werden. Ihr tatsächlicher Nutzen liegt in gezielten Anwendungen, die reale Projekte, institutionelle Arbeitsabläufe und menschliche Netzwerke miteinander verbinden. Das ist die Art von Intelligenz, die nicht nur bessere Straßen und widerstandsfähige Netze schafft, sondern auch effektivere und effizientere Systeme und Organisationen.<BR /><BR />In einer Welt, in der technologische Kapazitäten reichlich vorhanden sind, aber der politische Wille ungleich verteilt ist, liegt die wahre Bewährungsprobe für Führungsstärke in der Projektumsetzung. Wer es schafft, Infrastruktur von einem Klimarisiko-Faktor in eine gemeinsame, intelligente Plattform für nachhaltigen Wohlstand zu verwandeln, wird Maßstäbe setzen, von denen alle lernen können.<BR /><BR /><b>Über den Autor</b><BR />Bertrand Badré ist ehemaliger geschäftsführender Direktor der Weltbank, Vorsitzender des Project Syndicate Advisory Board, CEO und Gründer von Blue like an Orange Sustainable Capital und Verfasser von Can Finance Save the World? (Berrett-Koehler, 2018). Saurabh Mishra ist ehemaliger Direktor des Institute for Human-Centered Artificial Intelligence der Stanford University sowie Ökonom bei der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds. Er ist Gründer und CEO von Taiyō.AI.