Für Südtirol ist der Mercosur-Raum aktuell ein Nischenmarkt. Das Exportvolumen lag 2024 bei knapp 50 Millionen Euro und machte rund 0,6 Prozent der gesamten Ausfuhren aus. De facto spielt fast ausschließlich Brasilien eine Rolle, mit einem Exportwert von etwa 42,5 Millionen Euro. Exportiert werden vor allem Äpfel und Autoteile – wobei Äpfel vom Abkommen nicht betroffen sind.<BR /><BR />Georg Lun, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) der Handelskammer Bozen, ordnet die Einigung dennoch positiv ein. Entscheidend sei weniger der kurzfristige Effekt als die strategische Perspektive. „Die Vorteile liegen vor allem für die Industrie auf der Hand, die mit dem Abkommen Zugang zu einem großen und vergleichsweise stabilen Wirtschaftsraum erhält“, sagt Lun. Gerade vor dem Hintergrund schwieriger gewordener Exportmärkte wie den USA oder China sei eine breitere Aufstellung ein klarer Fortschritt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72985716_quote" /><BR /><BR />Besonders für den heimischen Zuliefersektor sieht Lun Chancen. Der Abbau von Handelshemmnissen verbessere die Rahmenbedingungen für europäische Autohersteller – davon könnten indirekt auch Südtiroler Automotive-Unternehmen profitieren. Über diesen Bereich hinaus brauche es allerdings Zeit: „Mercosur ist ein riesiger, aber weit entfernter Markt. Um ihn erfolgreich zu bearbeiten, braucht es Mittel, Know-how und einen langen Atem. Langfristig kann er aber durchaus vielversprechend sein.“<h3> „Eine Tür öffnet sich“</h3>In der Südtiroler Weinwirtschaft wird das Abkommen überwiegend positiv bewertet. „Es ist eine Tür mehr, die aufgeht“, sagt Andreas Kofler, Präsident des Konsortiums Südtirol Wein. Der Mercosur-Raum biete einen rechtssicheren Markt, der dem Produkt Wein grundsätzlich aufgeschlossen sei – mit einer zahlungskräftigen Kundschaft vor allem in den großen Städten.<BR /><BR />Schon bisher hätten europäische Produzenten in die Region exportiert, etwa aus dem spanischen Rioja. Auch die Kellerei Kurtatsch, deren Obmann Kofler ist, pflegt seit Jahren Kontakte nach Brasilien. „Das Problem war bislang, dass sich unsere Weine bis zum Endkonsumenten stark verteuert haben – nicht nur wegen Zöllen von bis zu 35 Prozent, sondern auch wegen der vielen Zwischenstufen im Vertrieb.“ Mit dem Mercosur-Abkommen könnten EU-Weine preislich konkurrenzfähiger werden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72985527_quote" /><BR /><BR />Gleichzeitig dämpft Kofler überzogene Erwartungen. Im Weinbau hänge der Erfolg stark vom einzelnen Betrieb ab. „Der Rahmen wird günstiger, aber positionieren muss sich jeder selbst.“ Unterm Strich überwiegen für ihn dennoch klar die Chancen. Eine Bedrohung durch Weinimporte aus Südamerika sieht er nicht: Die Qualitätsweinproduktion Europas bewege sich in einem völlig anderen Marktsegment.<h3> Milch und Viehhaltung: Risiken eher indirekt</h3>Deutlich kritischer wird das Abkommen von Milchbauern in Ländern wie Deutschland oder Frankreich gesehen. Auch in Südtirol? Annemarie Kaser, Direktorin des Südtiroler Sennereiverbandes, stuft die direkten Auswirkungen auf Südtirol als „überschaubar“ ein. „Bei uns ist die Realität etwas anders als in Deutschland oder Frankreich“, sagt Kaser. Während dort günstigeres Importfutter zu steigenden Produktionsmengen und Preisdruck führen könnte, beziehen Südtirols Bauern ausschließlich gentechnikfreies EU-Futter. Zudem seien die Milchmengen flächenbedingt begrenzt. „Trotzdem gerät auch unser Markt unter Druck, wenn andere Länder mehr und billiger produzieren.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-72985711_quote" /><BR /><BR />Spürbarer könnten die Effekte für die Viehbauern auf einem anderen Weg werden. „Durch einen verstärkten Import von Rindfleisch aus Argentinien könnte der Wettbewerbsdruck auf dem EU-Rindfleischmarkt steigen“, meint Kaser. Das könnte insbesondere jene Betriebe treffen, die sowohl Milch als auch Fleisch erzeugen – und damit auch Teile der heimischen Landwirtschaft. Die Folgen von Mercosur wären für Südtirols Bauern damit weniger direkt, sondern eher mittelbar über Preis- und Markteffekte zu erwarten. <h3> Und die Verbraucher?</h3>Für Konsumentinnen und Konsumenten in Südtirol dürfte Mercosur kaum spürbar sein. Die Mercosur-Staaten exportieren vor allem Rindfleisch, Zucker und Kaffee – Produkte, deren Preise primär an den Weltmärkten entstehen. Möglich ist, dass importiertes Rindfleisch aus Argentinien punktuell etwas günstiger wird. Wirkliche Entlastungen beim täglichen Einkauf sind jedoch nicht zu erwarten. Mercosur zeigt seine Wirkung damit weniger an der Supermarktkasse als in den langfristigen Strukturen von Handel und Wirtschaft.