Alkoholfreie Getränke haben sich vom Nischenprodukt zur ernstzunehmenden Genusskategorie entwickelt. Besonders deutlich zeigt sich das beim Bier. Was vor 20 Jahren noch gerne mit Skepsis betrachtet wurde, steht heute selbstverständlich auf Getränkekarten und im Supermarktregal. <BR /><BR />Auch Südtirol hat dabei einiges zu bieten, nicht nur von den marktführenden Brauereien, auch kleinere Craftbier-Marken haben das Potenzial einer alkoholfreien Alternative schon längst erkannt. <BR /><BR />Das Ergebnis sind Biere, die sich nicht verstecken müssen. Pale Ale, erfrischende Varianten mit Zitrusnoten oder Kreationen mit Kräutern zeigen, dass „ohne Alkohol“ nicht automatisch „ohne Charakter“ bedeutet. Genau darum geht es bei der neuen Trinkkultur: Nicht der Verzicht soll im Vordergrund stehen, sondern das, was im Glas bleibt – Geschmack, Aroma und das gemeinsame Erlebnis.<h3> Entalkoholisierter Wein – ein edler Tropfen?</h3>Beim Wein ist die Sache etwas komplizierter. Denn Alkohol ist nicht nur ein Bestandteil des Getränks, sondern auch ein wichtiger Geschmacksträger. Wird er entfernt, verändert sich das Produkt. Entalkoholisierter Wein etwa entsteht aus ganz normalem Wein, dem der Alkohol anschließend durch physikalische Verfahren entzogen und gegebenenfalls etwas Traubenmost hinzugefügt wird. Häufig wird dadurch eine gewisse Süße wahrnehmbar, weshalb die Wahl der Rebsorte eine wichtige Rolle spielt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1356174_image" /></div> <BR /><BR />Einer, der sich früh auf dieses Terrain gewagt hat, ist Martin Foradori Hofstätter vom Weingut J. Hofstätter in Tramin. Vor rund sieben Jahren kam er durch seinen in Deutschland studierenden Sohn erstmals mit einem entalkoholisierten Wein in Kontakt – und war überrascht. „Entalkoholisierte Weine gab es schon im 19. Jahrhundert, aber viel Gutes war bislang nicht dabei. Dieser war jedoch eine Offenbarung“, erzählt er. <h3> „Die Skepsis findet im Kopf statt“</h3>2020 brachte er sein erstes eigenes Produkt auf den Markt: ein entalkoholisierter Wein auf Riesling-Basis. Bei Blindverkostungen ließ er es Weinprofis und Sommeliers probieren. Das Ergebnis überraschte: Niemand erkannte, dass es sich um einen entalkoholisierten Wein handelte. „Die Skepsis gegenüber alkoholfreien Weinen findet im Kopf statt“, ist sich Foradori Hofstätter sicher. <BR /><BR />„Wir befinden uns heute dort, wo Bier vor 20 bis 25 Jahren war“, betont er. Zu jener Zeit sorgte alkoholfreies Bier noch für reichlich hochgezogene Augenbrauen, heute sei es selbstverständlich. „Man darf nicht vergessen: Das Bier ist in Deutschland ebenso eine heilige Kuh wie der Wein in Italien. Und heute produzieren die traditionellsten Brauereien im tiefsten Bayern alkoholfreie Biere.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-76199384_quote" /><BR /><BR />Beim Wein scheint dieser Schritt noch bevorzustehen, denn: Alkoholfreier Wein ist in Südtirol noch längst nicht selbstverständlich. Eine aktuelle Untersuchung des Südtiroler Bauernbundes zeigt, dass die Kategorie hier noch eine Nische ist. Gleichzeitig wächst das Interesse international, und auch in Italien haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen zuletzt verändert.<BR /><BR />Entscheidend sei, genau hinzuschauen, weiß Foradori Hofstätter. Nicht jedes Getränk, das wie Sekt oder Wein aussieht und alkoholfrei ist, ist tatsächlich entalkoholisierter Wein. Ein Blick auf das Etikett lohnt sich: Manche Produkte basieren hauptsächlich auf Wasser und zugesetzten Aromen, während bei einem echten entalkoholisierten Wein zunächst Wein hergestellt und anschließend der Alkohol entfernt wird. <BR /><BR />Auch alkoholfreier Schaumwein gewinnt an Bedeutung. Die Kohlensäure bringt Frische ins Glas und kann Süße ausbalancieren – Eigenschaften, die gerade beim Aperitif, aber auch in Begleitung von Speisen gefragt sind.<h3> Apfelsekt statt Apfelschorle</h3>Südtirol bringt dafür sogar eine ganz eigene Idee ins Glas: einen alkoholfreien Apfelsekt aus handgepflückten Südtiroler Äpfeln. Anders als ein entalkoholisierter Wein entsteht er durch eine Fermentation ohne Alkoholbildung. Das Ergebnis soll die Aromatik und Frische des Originals bewahren und lässt sich pur oder als Basis für alkoholfreie Cocktails genießen.<BR /><BR /> Apropos Mocktails: Die alkoholfreie Cocktail-Variante hat sich längst vom süßen Fruchtsaft-Mix zum anspruchsvollen Aperitif entwickelt. Bitterstoffe, Kräuter, Gewürze, Zitrusfrüchte, Verjus oder alkoholfreie Spirituosen sorgen für komplexe Aromen und machen aus dem Drink ein echtes Geschmackserlebnis. <h3>Der Beginn einer neuen Trinkkultur?</h3>Das Fazit: Alkoholfreier Genuss bedeutet nicht, dass Wein, Bier oder Aperitif verschwinden müssen. Vielmehr wird die Auswahl größer. Man kann heute je nach Situation entscheiden: ein Glas entalkoholisierter Wein zum Abendessen, ein 0,0-Bier nach der Radtour oder ein alkoholfreier Aperitif beim Treffen mit Freunden. „Letztendlich gilt: Gut ist, was schmeckt. Und das kann jeder für sich selbst entscheiden“, schließt Foradori Hofstätter. Und vielleicht ist genau das der Kern der neuen Trinkkultur.